«Peer Steinbrücks Drohung ist sehr peinlich»

Der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne erhält den Ernst & Young-Unternehmerpreis. Der gebürtige Deutsche spricht über Steuerflucht, Joe Ackermann und die Finanzkrise.

Klaus-Michael Kühne bleibt optimistisch: «Unser Unternehmen ist in einer guten Lage, weil wir überall präsent sind.»

Klaus-Michael Kühne bleibt optimistisch: «Unser Unternehmen ist in einer guten Lage, weil wir überall präsent sind.»

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Sie haben in den 1970er-Jahren den Haupt- sitz von Kühne und Nagel in die Schweiz verlegt. Das hatte wohl steuerliche Gründe.
Mein Vater hatte zuvor mehr aus politischen als steuerlichen Gründen eine Holding in der Schweiz gegründet. Später war es unser Ziel, das internationale Geschäft an einem neutralen, liberalen und wirtschaftsfreundlichen Ort zu entwickeln. Natürlich hatte das steuerliche Vorteile. Doch das war damals nicht ausschlaggebend. Der Kanton Schwyz sollte eine Übergangslösung sein, wir wollten nach Zürich. Dort war es allerdings schwierig mit den Arbeitsbewilligungen, deshalb sind wir hier in Schindellegi geblieben.

Der deutsche Finanzministers Peer Stein- brück hat die Steueroase Schweiz heftig kritisiert. Fühlen Sie sich als Deutscher mit Steuersitz Schweiz betroffen?
Steinbrücks Drohung ist sehr peinlich, Man wird natürlich ab und zu in Deutschland als Steuerflüchtling betrachtet, die Neiddebatte ist sehr stark. Mit Liechtenstein hat das angefangen, jetzt hat Steinbrück unberechtigterweise die Schweiz angegriffen. Politiker versuchen immer wieder, mit so etwas Stimmung zu machen.

Ist seine Drohung ernst zu nehmen?
Nein, solche Dinge sollte man diplomatisch zurückweisen. In Deutschland greift der Fiskus in hohem Masse zu. Das Land hat mit ständigen Haushaltsdefiziten grössere Probleme als die Schweiz. Das führt dazu, dass viele über die Grenze gehen.

Sie waren bis 2007 im Beirat der CS und bis heute bei der Deutschen Bank. Was ist bei den Banken schief gelaufen?
Als Beirat hatte man keinerlei Kontrollfunktionen und keinen näheren Einblick in das Geschehen. Was nun bei den Banken passiert ist, darüber kann man nur den Kopf schütteln.

In Deutschland sorgte der Schweizer Joe Ackermann für Ärger. Der Deutsche-Bank- Chef hat die Regierung beim Aufstellen des Staatsfonds zur Rettung der Banken beraten. Und sich dann über die Banken mokiert, die diese Hilfe in Anspruch nehmen wollen. Können Sie das verstehen?
Das ist schon etwas ungewöhnlich und schade, denn ich schätze ihn sehr. Aber da ist ein bisschen zu viel Arroganz dabei. Das war bei der Deutschen Bank immer so, das hat nicht nur mit Joe Ackermann zu tun. Man hat sich immer sehr viel darauf eingebildet, die grösste Bank zu sein, viel besser aufgestellt zu sein, viel renommierter als andere Banken. Zum jetzigen Zeitpunkt ist das unklug, weil alle zusammenstehen sollten. Ackermann hat wohl einige Schwierigkeiten, im richtigen Augenblick das Richtige zu sagen. Oder besser nicht zu sagen.

Wie sehr setzt die Finanzkrise Ihrem Geschäft zu?
Diese Finanzkrise ist schlimm. Es ist nicht absehbar, was daraus für die Realwirtschaft und für unser Geschäft wird. Wir haben ganz auf die Globalisierung gesetzt und davon in hohem Masse profitiert. Die Wachstumsraten im Welthandel werden sich abschwächen, im extremem Fall wird es ein negatives Wachstum geben.

Kühne und Nagel ist sehr stark auf das Geschäft von Fernost nach Europa ausgerichtet. Auch in China macht sich jetzt der Wirtschaftsabschwung bemerkbar.
Die Handelsströme haben sich abgeschwächt. In China sind die Löhne gestiegen. Das Land gilt nicht mehr als so konkurrenzfähig wie früher. Auch in China kommt das Aha-Erlebnis, dass die Wachstumsraten nicht mehr automatisch so steil in die Höhe gehen. Wegen der gestiegenen Löhne gibt es inflationäre Tendenzen.

Wie sehr bremst der hohe Ölpreis das weltweite Transportgeschäft?
Bei hochwertigen Gütern fallen die Transportkosten nicht ins Gewicht. Bei Billigwaren – etwa Textilien oder Spielzeug – sind sie spürbar. Deshalb wird die Konkurrenzfähigkeit überseeischer Gebiete abnehmen. Produktionsstätten werden sich verlagern, etwa nach Osteuropa.

Wird Ihr Geschäft damit schrumpfen?
Unser Unternehmen ist in einer guten Lage, weil wir überall präsent sind. Es eigentlich egal, ob die Güter aus China oder Afrika oder Osteuropa kommen.

Auch die Klimadebatte wird das Transportwesen verändern.
Viele Kunden haben spezielle Auflagen bezüglich des umweltfreundlichen Transports. Wir müssen uns anpassen. Wir haben eine spezielle Abteilung für Umweltfragen. Sie gibt Richtlinien heraus und führt Schulungen durch. Das Unternehmen ist sensibilisiert. Das kostet Geld. Aber das ist heute etwas, was zum Standard gehört.

Bei einem fertigen Erdbeerjoghurt haben die Bestandteile 7695 Kilometer Transportweg zurückgelegt, wie ein deutsches Umwelt- institut ausgerechnet hat. Lebende Tiere werden kreuz und quer durch Europa zum Schlachthof transportiert. Können Umweltdebatte und Ölpreis dem ein Ende setzen?
Das sind natürlich Exzesse. Etwa wenn Krabben in Polen oder Marokko geschält werden und dann wieder tausende Kilometer zurücktransportiert werden. Letztendlich ist es eine Kalkulationsfrage, was günstiger ist. Weit entfernt gelegene Produktion oder Veredelung ist nur bei extremem Lohngefälle möglich. Aber es ist unvernünftig. Ich glaube, das Bewusstsein dafür ist schon geschärft worden.

Es gibt Stimmen, die gar frohlocken, dass die Globalisierung jetzt zu Ende gehe.
Das gilt nur für die erwähnten Extremfälle. Die Globalisierung ist nicht zu stoppen. Indien, China, Südamerika und eines Tages Afrika werden zu immer grösseren Verbrauchermärkten. Die Menschen wollen dem Wohlstand angeschlossen werden.

Mobilität muss völlig neu – ohne Öl – organisiert werden, sagt ein Staatssekretär im deutschen Bundesministerium für Verkehr. Pflichten Sie ihm bei?
(Lacht.) Da kann ich mir jetzt nichts darunter vorstellen. Vorerst können wir nicht auf Öl verzichten. Wir können den Verbrauch durch die technologische Entwicklung verringern. Es gibt Fortschritte, aber da muss hart daran gearbeitet werden. Leider ist es nicht so, dass jetzt grundsätzlich neue Antriebssysteme für Schiff, Flugzeug und Strasse erfunden würden.

SBB Cargo ringt um die Zukunft. Hat sie eine?
Grundsätzlich begrüsse ich jeden Anbieter von Bahntransporten. Leider ist die SBB Cargo zu klein, um sich als europäischer Anbieter aufzustellen. Sie wird von den grossen ausländischen Bahnengesellschaften ziemlich erdrückt.

Sie könnten ihr als Retter zu Hilfe eilen.
Wir sind angefragt worden, ob wir uns beteiligen wollen, aber das ist nicht unser Geschäft. Für Kooperationen sind wir immer, da hatten wir öfters Gespräche. Ein interessantes Projekt scheiterte, weil die SBB zu teuer waren. Wir hätten mehr Güter auf die Schiene bringen können, wir hatten zahlreiche interessierte Kunden.

Wäre es nicht am besten, SBB Cargo der Deutschen Bahn oder SNCF zu übergeben?
Sie würde zu dominierend werden. Das ist nicht in unserem Interesse. Wir wünschen uns auch im Schienenverkehr Wettbewerb. Andernfalls würden die Preise steigen, und die Leistungsfähigkeit würde abnehmen. Die SBB hätten Partnerschaften eingehen müssen. Jetzt ist es zu spät, weil die anderen so stark geworden sind, dass sie keinen Anlass mehr haben, einen Kleinen zu stützen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2008, 11:06 Uhr

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