Der Migros-Krach geht weiter

Die Absetzung des Verwaltungsrats der Migros Neuenburg-Freiburg wurde abgelehnt. Doch nun erstattet der Rat der Genossenschafter Anzeige.

Behält seinen Posten: Präsident der Migros Genossenschaft Neuenburg-Freiburg (MNF) Damien Piller. Bild: Anthony Anex/Keystone

Behält seinen Posten: Präsident der Migros Genossenschaft Neuenburg-Freiburg (MNF) Damien Piller. Bild: Anthony Anex/Keystone

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Der Krach zwischen der Migros und ihrem Regionalfürsten in der Genossenschaft Neuenburg-Freiburg (MNF) geht weiter. Am Mittwoch wurde das Ergebnis der historischen Abstimmung veröffentlicht: Der Präsident Damien Piller und die drei übrigen Mitglieder des Verwaltungsrats – Philippe Menoud, Marcelle Junod und Jean-Paul Eltschinger – dürfen bleiben. Eine deutliche Mehrheit von 64,5 Prozent der an der Abstimmung teilnehmenden Genossenschafterinnen und Genossenschafter votierten gegen die Absetzung des Verwaltungsrats und damit gegen die Empfehlung sämtlicher Gremien des orangen Riesen.

Für die Migros ist das ein brutaler Rückschlag. Aber sie gibt den Kampf nach der verlorenen Abstimmung nicht auf. Der Genossenschaftsrat – er vertritt die Interessen der Genossenschafterinnen und Genossenschafter – hat Anzeige wegen Urkundenfälschung und versuchten Betrugs erstattet. «Es besteht ein starker Verdacht auf Wahlmanipulation, weshalb das Ergebnis dieser Wahl geprüft werden muss», teilte die Migros Neuenburg-Freiburg mit. Sie behalte sich das Recht vor, das Abstimmungsergebnis noch einmal überprüfen zu lassen.

«Wir nehmen das heute bekannt gegebene Resultat zur Kenntnis. Die Migros wird alles unternehmen, um die Mitglieder der Direktion und die Mitarbeitenden in dieser schwierigen Situation zu unterstützen», sagt Daniel Bena, der Präsident des Genossenschaftsrats.

Pöstler findet verdächtige Stimmzettel

Das Westschweizer Fernsehen (TSR) hatte bereits am Montagabend auf mögliche Betrugsfälle hingewiesen. Ein Postangestellter hatte 400 angebliche Stimmzettel entdeckt, und zwar in einer kleinen Gemeinden ausserhalb der Kantone Neuenburg und Freiburg. Stimmberechtigt waren aber nur Genossenschafter von Neuenburg-Freiburg. Die 400 Stimmzettel votierten alle für den Verbleib von Damien Piller im Amt. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Neuenburg bestätigt den Eingang der Anzeige. Sie ordnete bereits an, alle Stimmzettel zu sichern.

«Wir wollen die Ruhe innerhalb der Regionalgenossenschaft wiederherstellen.»André Clerc, Verwaltungsrats-Vertreter

Damien Piller äusserte sich nicht öffentlich. An seiner Stelle brachte André Clerc, der Vertreter des Verwaltungsrats, seine Zufriedenheit über das Abstimmungsergebnis zum Ausdruck und dankte den Wählern «für ihre Weitsicht und ihr Vertrauen». Die Genossenschafterinnen und Genossenschafter hätten sich nicht durch die Propaganda des Migros-Genossenschafts-Bundes in Zürich beeinflussen lassen, schreibt er in einer Mitteilung. Das Ergebnis sei eindeutig und «unwiderruflich». Der Verwaltungsrat werde «in Kürze über die Massnahmen entscheiden, die zu ergreifen sind, um die Ruhe innerhalb der Regionalgenossenschaft wiederherzustellen».

Von den 124’000 Wahlberechtigten nahmen über 50’000 Genossenschafter an der von der Revisionsfirma PWC durchgeführten Abstimmung teil. Gemäss PWC betrug die Wahlbeteiligung damit knapp 42 Prozent. Das ist erstaunlich viel und nährt den Verdacht auf Manipulationen. In der Genossenschaft lag die Wahlbeteiligung bei der jährlichen Abstimmung über das Jahresergebnis jeweils zwischen 15 und 18 Prozent, obwohl es dabei jeweils für alle Teilnehmer eine Tafel Schokolade als Belohnung gibt.

Piller wegen ungetreuer Geschäftsführung angezeigt

Der Streit mit Piller beschäftigt die Migros nun bereits seit Monaten. Der Migros-Genossenschafts-Bund in Zürich hatte im Sommer Strafanzeige gegen Piller eingereicht. Er wirft dem Freiburger Immobilienunternehmer, der die Regionalgenossenschaft seit 23 Jahren präsidiert, ungetreue Geschäftsführung vor. Er soll bei Bauprojekten für zwei Migros-Filialen im Kanton Freiburg von der Migros Zahlungen von 1,6 Millionen Franken erwirkt haben, für die es keine Gegenleistung gebe.

Der Bericht machte deutlich, dass angesichts von Pillers vielfältigen Funktionen Interessenkonflikte bestanden.

In der Folge erstattete auch die Direktion der Regionalgenossenschaft Strafanzeige. Zudem entzogen sämtliche nationalen und regionalen Migros-Gremien dem gesamten Verwaltungsrat das Vertrauen und forderten die Mitglieder zum Rücktritt auf. Nur ein Verwaltungsratsmitglied trat daraufhin zurück: Elena Wildi-Ballabio, im Hauptberuf Direktionssekretärin von Bundesrat Ignazio Cassis. Ein vom Verwaltungsrat um Piller in Auftrag gegebener Expertenbericht bestätigte im Wesentlichen die Feststellungen des Untersuchungsberichts, den der Migros-Genossenschafts-Bund in Auftrag gegeben hatte.

Vor allem konnten die Experten nicht feststellen, welche konkreten Gegenleistungen für die 1,6 Millionen Franken geleistet worden sein sollten. Ausserdem weist der Bericht auf Widersprüche in den Angaben Pillers hin. Der Bericht machte deutlich, dass angesichts von Pillers vielfältigen Funktionen bei diesen Projekten bedeutende Interessenkonflikte bestanden.

Damien Piller bestreitet alle Vorwürfe und will sein Amt nicht abgeben. Weil der Genossenschaftsrat den Verwaltungsrat nicht einfach abwählen kann, musste eine Abstimmung durchgeführt werden. Mit der Klage gegen das Abstimmungsergebnis geht der Konflikt nun in die nächste Runde.

Lesen Sie auch unsere Analyse und erfahren Sie warum die Affäre um Damien Piller nur das grellste Warnsignal für den kriselnden Zustand des orangen Riesen ist.

Erstellt: 20.11.2019, 21:24 Uhr

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