Viel Startkapital – ungewisse Zukunft

Stiftungspräsident Ryan Jesperson ist optimistisch, dass das mit einer halben Milliarde Dollar ausgestattete Start-up Tezos seine Probleme überwunden hat.

Ryan Jesperson will mit der Tezos-Blockchain durchstarten. Foto: Sabina Bobst

Ryan Jesperson will mit der Tezos-Blockchain durchstarten. Foto: Sabina Bobst

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Tezos ist eines jener Jungunternehmen, die mit Negativschlagzeilen das Vertrauen in die Blockchain-Branche erschütterten. Das US-Paar Arthur und Kathleen Breitman startete das Projekt und sammelte im Juli vergangenen Jahres 232 Millionen Dollar. Wie im Blockchain-Geschäft üblich, zahlten die meisten Leute in den Kryptowährungen Bitcoin und Ether ein.

Dank Kursgewinnen stieg der Wert der Einzahlungen auf zwischenzeitlich über eine Milliarde Dollar. Mitte Oktober lag er gemäss Angaben von Tezos bei einer halben Milliarde, was für ein Jungunternehmen immer noch beachtlich ist. Zum Vergleich: Ethereum – das heute die Grundlage für die meisten Blockchain-Projekte bildet – sammelte zum Start in einem Crowdfunding 18 Millionen Dollar.

Geld für die Gründer

Zu Negativschlagzeilen kam es, weil sich die Tezos-Gründer und der damalige Stiftungsratspräsident Johann Gevers verkrachten. Zudem verzögerte sich die Entwicklung der Blockchain-Plattform und die Herausgabe der Token. Letzteres ist ein Gegenwert in Form einer hauseigenen virtuellen Währung für die Einlage der Investoren.

Wobei es bei Tezos genau genommen keine Investoren gibt: In internen Dokumenten ist nur von Gönnern die Rede. Die Einzahlungen sind also mit keinen Rechten verknüpft, sondern im Grunde nur eine Spende für eine verheissungsvolle Technologie. Das sorgte auch für Verunsicherung, weil das etlichen Anlegern nicht bewusst war. Ebenso, dass die Gründer 8,5 Prozent des ursprünglich einbezahlten Kapitals erhalten sollen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind.

Sieben statt drei Stiftungsräte

Nach dem Rücktritt von Gevers im Februar dieses Jahres wurde der 38-jährige Amerikaner Ryan Jesperson als neuer Stiftungsratspräsident eingesetzt. Er arbeitete früher als Turnaround-Experte im Gesundheitswesen, später in der Entwicklungshilfe und der Fintechbranche. Er ist auch einer von über 30'000 Leuten, die früh an Tezos beteiligt waren. Jesperson engagierte sich in der Community und setzte sich unter anderem mit einer Petition für die Interessen des Projekts und der Anleger ein. Von dort schaffte er den Sprung an die Spitze der Tezos-Stiftung.

Jesperson wird nicht müde, zu betonen, dass er das Amt des Stiftungsratspräsidenten nie angestrebt habe. Inzwischen ist er mit seiner Familie nach Zug umgezogen, wo sich der Hauptsitz von Tezos befindet. Als einer seiner ersten Schritte hat er die Zahl der Tezos-Stiftungsratsmitglieder von drei auf sieben erhöht.

Warum benötigt ein Jungunternehmen eine halbe Milliarde Dollar?

Immer wieder für Diskussionen sorgt auch das beträchtliche Kapital, das Tezos geäufnet hat. Warum benötigt ein Jungunternehmen eine halbe Milliarde Dollar? Jesperson begründet dies wie folgt: Tezos wollte sicherstellen, dass eine möglichst grosse Gemeinde an interessierten Anlegern entsteht, und er wollte nicht, dass es nur einige wenige grosse Investoren gibt.

Tatsache ist allerdings, dass Tezos heute viel mehr Geld hat, als es derzeit für die Umsetzung seines Vorhabens benötigt. Was geschieht mit dem überschüssigen Geld? Die Stiftung Tezos legt es an und finanziert damit Blockchain-Projekte, Stiftungen und Forschung im Zusammenhang mit dem Tezos-Netzwerk.

Im vergangenen Halbjahr sind Negativschlagzeilen zu Tezos ausgeblieben. Jesperson hält das für ein gutes Zeichen. Im Juni startete das Jungunternehmen mit einer Testversion seiner Plattform, im September ging das Hauptnetz online.

Doch was bietet Tezos eigentlich an? Ähnlich wie Ethereum ist es eine von Grund auf neu konzipierte Blockchain-Plattform. Entwickler aus aller Welt können diese nutzen, um Geschäftsideen umzusetzen. Tezos ermöglicht sichere Transaktionen direkt von Dienstleister zu Empfänger, ohne dass eine Zwischenhändlerin oder eine Intermediärin wie eine Bank nötig wäre. Die Transaktionen lassen sich mit Bedingungen oder Verträgen – sogenannten Smart Contracts – verknüpfen.

Sparsame Blockchain

Jesperson schwärmt im Gespräch von der Technologie, die der Tezos-Plattform zugrunde liegt. Die auch im Transportwesen verwendete Programmiersprache OCaml sorge für Sicherheit. Zudem arbeitet Tezos im Proof-of-Stake-Verfahren. Bisherige Blockchain-Technologien verbrauchten grosse Mengen an Energie, da intensive Rechenleistungen nötig waren. Mit Proof of Stake wird bei vergleichbarer Sicherheit nur noch ein Bruchteil der Energie benötigt. Und schliesslich ermöglicht Tezos eine fortlaufende Modernisierung des Systems, ohne dass es wie kürzlich bei Bitcoin-Cash zu Abspaltungen kommt.

Aufgrund dieser Neuerungen bezeichnet Jesperson Tezos als Blockchain 3.0. Bitcoin war die Version 1.0, die als erste ohne Intermediär sichere Finanztransaktionen ermöglichte. Die Version 2.0 lancierte Ethereum. Sie ermöglichte, in die Blockchain-Transaktionen Verträge einfacher zu integrieren. Doch für Blockchain 3.0 gibt es keine einheitlichen Kriterien. Auch andere Projekte reklamieren für sich, diese Stufe erreicht zu haben.

Ob sich Tezos etablieren kann, hängt davon ab, ob das Start-up genügend Entwickler für die eigene Plattform begeistern kann, die auf der Plattform erfolgreiche Projekte umsetzen. Das ist die Bewährungsprobe, die jetzt ansteht. Jesperson betont, dass Tezos eine starke Community habe und daran sei, Partnerschaften aufzubauen. Doch von einem Durchbruch als etablierte Plattform ist Tezos noch weit entfernt, was auch Experten im Zuger Crypto Valley bestätigen. Gelingt dieser Schritt nicht, wird das Projekt trotz üppigem Kapital nicht abheben.

Erstellt: 04.12.2018, 11:46 Uhr

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