Vorwürfe gegen Piller erhärten sich

Der Untersuchungsbericht, der vom Verwaltungsrat der Migros Neuenburg-Freiburg in Auftrag gegeben wurde, kann seinen Präsidenten nicht weisswaschen.

Damien Piller will Chef der Migros Neuenburg-Freiburg bleiben. Foto: Béatrice Devènes/Lunax

Damien Piller will Chef der Migros Neuenburg-Freiburg bleiben. Foto: Béatrice Devènes/Lunax

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Die 124'000 Genossenschafter der Migros Neuenburg-Freiburg haben überraschende Post erhalten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Migros stimmen sie darüber ab, ob der Verwaltungsrat ihrer Genossenschaft abgesetzt werden soll. Sämtliche Gremien der Regionalgenossenschaft und des Migros-Genossenschafts-Bundes (MGB) fordern den Rücktritt von Damien Piller, seit 23 Jahren Präsident in Neuenburg-Freiburg, und der übrigen drei Mitglieder des Verwaltungsrats. Sie werfen ihm ungetreue Geschäftsführung vor.

Piller weist alle Vorwürfe zurück und hat nicht die Absicht abzutreten. Am Montag informierte die Migros in ihrem Magazin über die Abstimmung. Daraufhin liess Piller die Verbreitung des Textes per superprovisorische Verfügung verbieten und reichte Strafanzeige wegen Ehrverletzung ein. Im Internet ist jetzt nur noch die Abstimmungsempfehlung des Verwaltungsrats zu lesen, der gegen die Amtsenthebung argumentiert. Die Stellungnahmen des MGB und des Genossenschaftsrats mussten geschwärzt werden.

Der Freiburger Immobilien­könig und Medienunternehmer setzt sich clever zur Wehr. Mit Anzeigen in Westschweizer Medien macht er Stimmung gegen die Zürcher Dominanz und gibt sich als Verteidiger des Dutti-Geistes («Ich kämpfe für die Werte Gottlieb Duttweilers»). Das kommt in der Westschweiz gut an. «Die Statuten der Migros werden mit Füssen getreten», titelte «La Liberté».

Als Piller Mitte Oktober an einer Pressekonferenz über vorläufige Ergebnisse eines Gutachtens berichtete, das der Verwaltungsrat in Auftrag gegeben hatte, titelten die Zeitungen: «Piller hat sich nicht bereichert» («Freiburger Nachrichten»), «Entlastet» («Walliser Bote») und «Ein neues Audit wäscht Piller weiss» («24 heures»). Den letztgenannten Titel korrigierte die Zeitung später. Tatsächlich kann von Weisswaschen keine Rede sein. Der Bericht des Genfer Anwalts Alan Hughes, der bis jetzt nicht veröffentlicht wurde, liegt der SonntagsZeitung vor. Er wirft kein gutes Licht auf Präsident Piller und den Verwaltungsrat.

«Übermässige Toleranz» bei Transaktionen mit Piller

Anders als von Damien Piller dargestellt, bestätigt der Bericht in den wesentlichen Punkten die Feststellungen des Untersuchungsberichts, den der MGB in Auftrag gegeben hatte.

Der Verwaltungsrat von Neuenburg-Freiburg betont, dass der Bericht keine Beweise für eine strafbare Handlung fand. Aber das war auch nicht der Auftrag der Experten. Sie beschränkten sich «auf die Identifizierung von Mängeln innerhalb der Migros-Gruppe» im Zusammenhang mit den Vorgängen beim Bau von zwei Filialen in Belfaux und La Roche FR in den Jahren 2014 und 2015.

Die entscheidenden Vorwürfe beziehen sich auf zwei Zahlungen der Migros à je 800'000 Franken, angeblich als Beteiligung an Infrastrukturkosten. Sie gingen an zwei Firmen, eine im Besitz von Piller, für die andere war er im Mandat tätig und übernahm sie später. Die Zahlungen erhöhten die ursprünglichen Projektkosten für die Migros um ein Viertel.

Der Bericht kritisiert die damalige Geschäftsleitung: «Die Untersuchung ergab Anomalien im Laufe der Prozesse und in den unterzeichneten Urkunden im Zusammenhang mit den beiden Zahlungen.» Es sei nicht hinnehmbar, dass die Direktion nicht in der Lage war, für beide Transaktionen eine vollständige Akte zur Verfügung zu stellen. «Die Ergebnisse zeigen somit eine übermässige Toleranz gegenüber Transaktionen mit dem Präsidenten.»

Man könne sich die Frage stellen, «ob die Mitglieder der Direktion in völliger Unabhängigkeit gehandelt haben». Die damalige Geschäftsleiterin, Marcelle Junod, wurde 2017 von Piller in den Verwaltungsrat geholt. Die Migros fordert auch ihren Rücktritt.

«Jede Regel scheint ignoriert worden zu sein»

Wie der Bericht des MGB stellt auch der Hughes-Bericht fest, dass das Vorgehen für solche Projekte ungewöhnlich war. Vor allem konnten die Experten nicht feststellen, welche konkreten Gegenleistungen für die 1,6 Millionen Franken geleistet worden sein sollten. Sie konnten nicht eruieren, warum dieses Vorgehen gewählt wurde, vermuten jedoch, dass Piller «wahrscheinlich am Ursprung dieses Mechanismus stand».

Die zeitliche Abfolge lege den Schluss nahe, dass das Vorgehen dazu gedient haben könnte, das Risiko für Pillers Firmen zu senken, «um ihre Investitionen zu optimieren». Es könne «nicht ausgeschlossen werden, dass ein Teil dieser Zahlungen die Gewinnmarge dieser Firmen verbessert haben könnte». Ausserdem weist der Bericht auf Widersprüche in den Angaben Pillers hin. Dieser hatte das ungewöhnliche Vorgehen bei den beiden Projekten damit begründet, die Miete für die Migros zu senken. Dafür fanden die Experten jedoch keinen Beleg. Zudem gehören die Mieten in Belfaux und La Roche zu den teuersten in der Genossenschaft.

Der Hughes-Bericht macht deutlich, dass angesichts von Pillers vielfältigen Funktionen bei diesen Projekten bedeutende Interessenkonflikte bestanden. Er hält fest: «Ein Versagen des Präsidenten und des Verwaltungsrats bleibt auch bestehen, weil sie kein wirksames internes Kontrollsystem eingerichtet haben, das eine kritische Prüfung der betreffenden Transaktionen ermöglicht. Im Gegenteil, jede Regel oder jeder Grundsatz der Governance in Bezug auf diese Transaktionen, an denen der Präsident direkt oder indirekt beteiligt war, scheint ignoriert worden zu sein.»

Das Gutachten, das die Kritik an ihm entkräften sollte, stellt Interessenkonflikte und Ungereimtheiten fest.



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Erstellt: 02.11.2019, 19:49 Uhr

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