So könnte Raiffeisen die verlorenen Millionen zurückholen

Die Bank will den Schaden der Ära Vincenz nicht auf sich sitzen lassen. Juristen haben eine Idee, wie.

Pierin Vincenz (l.) und sein einstiger Stellvertreter und Nachfolger Patrik Gisel. Foto: Daniel Ammann

Pierin Vincenz (l.) und sein einstiger Stellvertreter und Nachfolger Patrik Gisel. Foto: Daniel Ammann

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Die Notiz klingt lapidar und sagt viel über die frühere Kultur bei Raiffeisen aus. «Es war wohl wieder mal eine mündliche Absprache zwischen Pierin Vincenz», heisst es im Bericht von Raiffeisen-Sonderermittler Bruno Gehrig. Niemand am Konzernsitz habe beim ehemaligen Raiffeisen-Chef in Ungnade fallen wollen – daher habe er dort unbehelligt schalten und walten ­können, so das Fazit der Untersuchung.

Der Bericht blendet allerdings aus, was von der Zürcher Staatsanwaltschaft untersucht wird. Es finden sich deshalb darin keine eindeutigen Nachweise für ein strafrechtlich relevantes Verhalten von Pierin Vincenz oder von anderen Führungskräften bei Raiffeisen. Stattdessen zeigt er auf, wie Raiffeisen Schweiz unter der Ära Vincenz funktionierte und wie dabei alle Kontrollen versagten.

Zwischen 2012 und 2015 wurden von Raiffeisen für rund 1 Milliarde Franken Firmen hinzugekauft. Bei einigen Trans­aktionen zeigte sich laut dem ­Bericht aber eine «Hemdsärmeligkeit», die den «Kauf von ­Beteiligungen ohne angemessene Rücksicht auf betriebswirtschaftliche Logik, Preis und Risiken forcierte». Das zeigt sich beim Aufbau des Vermögensverwaltungsgeschäfts für professionelle Kunden.

Firma zu hoch bewertet

So erwarb Raiffeisen über eine indirekte Tochter eine Gesellschaft, deren Wert Raiffeisen-intern mit 17 bis 19 Millionen Franken festgesetzt wurde. Ein «externer Berater, der Pierin Vincenz nahestand» – fragt sich, ob damit sein wichtiger Geschäftspartner Beat Stocker gemeint ist –, habe die Bewertung überarbeitet, um einen Wert von 35 Millionen zu rechtfertigen.

Am Ende wurde der Preis auf 30 Millionen Franken festgesetzt. 10 Millionen davon sollten erst nach Erreichen von gewissen Zielen fliessen. Laut Bericht wurde mehr als die Hälfte davon ausbezahlt, ohne dass die vereinbarten Meilensteine je erreicht wurden. Raiffeisen schrieb daher auf das Investment 14,3 Millionen ab – fast die Hälfte des investierten Betrags.

Einem ehemaligen Kadermitglied von Raiffeisen Schweiz versprach Vincenz laut dem Bericht eine Abgangsentschädigung von 850'000 Franken. Das grosszügige Abschiedsgeschenk hätte aber vom VR abgesegnet werden müssen. Stattdessen stattete Vincenz den Banker mit einem auf drei Jahre befristeten Beratervertrag aus. Dieser wurde vom Raiffeisen-Chef und einem weiteren Geschäftsleitungsmitglied signiert. Eine Beratungsleistung sei aber nie «abgerufen» worden. Um welchen ehemaligen Mitarbeiter es sich handelt, legt die Bank nicht offen.

Bruno Gehrig leitete die Sonderermittlung. Foto: Keystone

Erstmals wurden nun die Kosten der Ära Vincenz beziffert. Sie sollen sich auf maximal 300 Millionen Franken belaufen. Darin sind Abschreiber auf Beteiligungen und die Aufarbeitung der Altlasten enthalten. Raiffeisen-Präsident Guy Lachappelle will den Schaden mindern: «Wir wollen so viel wie möglich davon wieder zurückholen.»

Niemand sei daher aus dem Schneider, auch nicht Vincenz’ einstiger Stellvertreter und Nachfolger auf dem Chefposten Patrik Gisel. Die Bank hat bei der Anwaltskanzlei Homburger ein Gutachten in Auftrag gegeben, das untersuchen soll, ob auf Einzelpersonen Regress genommen werden kann. Raiffeisen prüft auch, ob der Buchprüfer PWC seiner Aufgabe nachgekommen sei. Das Mandat für die Revisionsstelle wird im Sommer zudem neu ausgeschrieben.

Juristen bezweifeln, dass es gelingt, die alte Führungsriege zur Rechenschaft zu ziehen. Ihr müsste nachgewiesen werden können, dass ihre Taten der Bank direkt einen Schaden verursacht haben. Der Bericht könnte dazu dienen, den Schaden bei der Versicherung geltend zu machen. Solche Policen hätten oftmals eine Deckung von rund 100 Millionen Franken. Für einen Zürcher Wirtschaftsjuristen bildet der Gehrig-Bericht daher höchstens einen Zwischenstand ab, im schlimmsten Fall sei er lediglich PR, die helfe, die Schuld auf einzelne Personen abzuschieben.

Whistleblower erwünscht

In den letzten Monaten wurde der Verwaltungsrat der Bank neu aufgestellt, nun hat die Erneuerung die Geschäftsleitung erfasst. Ende des letzten Jahres verkündeten Vincenz-Nachfolger Patrik Gisel und sein Interimsnachfolger Michael Auer ihren Abschied. Nun gaben die Geschäftsleitungsmitglieder Gabriele Burn, Beat Hodel und Paulo Brügger ihren Rücktritt bekannt. Damit ist niemand aus der Raiffeisen-Führung aus der Ära Vincenz mehr im Amt.

Die Bank wollte damit offenbar ein Zeichen setzen. Nun werden die Posten nach und nach wieder besetzt. Dabei will man auch auf interne Talente setzen. Zuerst wird nun überprüft, welche Funktionen in der Geschäftsleitung vertreten sein sollen. Bis im Sommer soll die Geschäftsleitung dann wieder komplett sein.

Als erste unmittelbare Massnahme auf den Gehrig-Bericht hat die Bank eine Whistleblower-Stelle eingeführt. Die Untersuchung hält nämlich fest, dass es intern warnende Stimmen gab. Doch wurden sie nicht gehört. Nun sollen sie im Unternehmen bekannt gemacht werden. Es soll gezeigt werden, dass die Whistleblower eine Vorbildfunktion hatten, so Lachappelle.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.01.2019, 07:26 Uhr

Raiffeisen-Präsident Guy Lachapelle zum drohenden 300-Millionen-Abschreiber

Herr Lachappelle, nach der Durchsicht des Gehrig-Berichts stellt sich die Frage: Wie gross ist der Schaden, der Raiffeisen dadurch entstanden ist?
Durch mangelnde Führung und Kontrolle, organisatorische Versäumnisse und eine personenzentrierte Kultur entstanden finanzielle Nachteile, vor allem aber ein Reputationsschaden für die ganze Raiffeisen-Gruppe.

Raiffeisen droht ein grosser Abschreiber von bis zu 300 Millionen Franken. Wird erbereits im aktuellen Geschäftsjahr stattfinden?
Ja, der Abschreiber findet im Geschäftsjahr 2018 statt und beträgt maximal 300 Millionen Franken.

Worüber sind Sie am meisten enttäuscht: über das Versagen der Kontrolle? Oder sind es die unbegründeten Abgangsentschädigungen für einzelne Kader?
Der Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz bedauert das Ausmass der festgestellten Mängel. Der Gehrig-Bericht bestätigt, dass es vor 2015 im Rahmen der Diversifikationsstrategie über mehrere Jahre zu gravierenden Mängeln in der Akquisition und dem Management von Beteiligungen gekommen ist.

Was lief falsch?
Übliche Bewilligungsprozesse und Kontrollmechanismen haben nicht gegriffen, das ist besonders stossend. Es braucht den Neuanfang mit einer ausgeprägten Verantwortungskultur.

Schuld an den früheren Zuständen trägt Pierin Vincenz nicht allein. Die alte Führungsetage hat versagt. Mit welchen konkreten Massnahmen lässt sich die Kultur bei Raiffeisen Schweiz verbessern?
Der Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz reagiert mit einem Massnahmenpaket, das im Wesentlichen drei Themenkomplexe umfasst: die Etablierung einer ausgeprägten Verantwortungskultur, die verbesserte Führung und Kontrolle sowie die verbesserte Governance. Damit einher geht eine Erneuerung der Gremien. Das betrifft jetzt insbesondere die Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz.

Das Interview wurde schriftlich geführt. (Redaktion Tamedia)

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