Warren Buffett zeigt sein wahres Gesicht

Der Börsenguru verkauft sich gern als Investor in der Not. Zu Hilfe kommt er aber nie ohne Kalkül – wie auch jetzt beim Sears-Konkurs.

Präsentiert sich gern als Geldgeber mit grossväterlichem Charme: Warren Buffett mit Journalistinnen an der Aktionärsversammlung seiner Firma Berkshire Hathaway 2016. Foto: Reuters

Präsentiert sich gern als Geldgeber mit grossväterlichem Charme: Warren Buffett mit Journalistinnen an der Aktionärsversammlung seiner Firma Berkshire Hathaway 2016. Foto: Reuters

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Der Konkurs von Sears erregt die Gemüter. Diese Woche entscheidet sich, ob das altehrwürdige Warenhaus zerstückelt wird oder durch einen neuen Winkelzug des Hedge-Fund-Managers Eddie Lampert vorerst am Leben bleibt. Für das Insolvenzverfahren dürfte sich auch ein prominenter Investor interessieren, der wohl lieber im Hintergrund bleibt: Warren Buffett ist als Kreditgeber und Aktionär massgeblich an der Immobiliengesellschaft Seritage Growth Properties beteiligt, an die Sears 2015 einen Grossteil der Liegenschaften ausgegliedert hat. De facto hat Konzernchef Lampert das traditionsreiche Kaufhaus damit um wertvolle Assets gebracht.

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Dass sich Buffett auf einen solchen Deal eingelassen hat, mag erstaunen. Schliesslich gibt sich der Chef von Berkshire Hathaway gern als Börsenguru mit grossväterlichem Charme, der die kurzsichtige Gier an Wallstreet verabscheut. Doch stimmt dieses Bild von ihm wirklich? Oder ist der mit gut 80 Milliarden Dollar drittreichste Mensch der Welt doch nur von knallhartem Profitdenken getrieben wie so viele andere in seinem Metier auch?

Das Drama um Dempster

Um das «Orakel von Omaha» zu verstehen, muss man in die Geschichte blicken: Anfang der Sechzigerjahre platziert Buffett seine erste grosse Wette, als er den kriselnden Agrarausrüster Dempster Mill zu einem Spotpreis kauft. Finanziell stellt sich die Transaktion als Erfolg heraus. Die Restrukturierung der Gruppe ist aber mit einer Massenentlassung verbunden, was Buffett in seiner Heimat Nebraska scharfe Kritik einträgt. «Er war geschockt», schreibt seine Biografin Alice Schroeder. «Er hatte nicht mit der Wut und der Gehässigkeit gegen seine Person gerechnet.»

Das Drama um Dempster prägt Buffett das Leben lang. Bei Beteiligungen delegiert er die operative Verantwortung fortan an andere und beschäftigt sich aus sicherer Distanz mit seinen Investments. Bis heute deutet am Hauptsitz von Berkshire in Omaha denn auch nichts auf einen der grössten Konzerne Amerikas hin. Im unscheinbaren Bürogebäude an der 3555 Farnam Street sind kaum viel mehr als ein Dutzend Mitarbeiter tätig.

Eine Schlüsselrolle in der Berkshire-Gruppe spielt die Assekuranzsparte. Reizvoll findet Buffett am Versicherungsgeschäft vor allem das, was er «Float» nennt: den kontinuierlichen Strom an Prämiengeldern, den er für Investments nutzt. Im Lauf der Jahre hat er so eine Kollektion von über achtzig Unternehmen erstanden: von der Eisenbahngruppe BNSF und dem Chemiekonzern Lubrizol über den Süsswarenhersteller See’s und den Stromversorger BHE bis hin zu rund 190 Milliarden Dollar an Aktienbeteiligungen.

Das Berkshire-Aktienportfolio

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Zu diesem Imperium wäre Buffett nie gekommen, wenn er nur ein gutmütiger Investor wäre. Obwohl sich der 88-Jährige als wohlwollender Kapitalist präsentiert, favorisiert er Unternehmen aus Branchen, in denen der freie Wettbewerb kaum spielt. Stets betont er zudem, dass er auf leicht verständliche Geschäfte setze. Tatsächlich sind seine Transaktionen aber nicht selten hoch komplex. Das zeigt etwa sein Engagement beim Zusammenschluss von Kraft und Heinz, wo er mit der brasilianischen Private-Equity-Gesellschaft 3G Capital zusammenspannte. Die Megafusion ging mit einer Welle von Entlassungen einher und bürdete dem neuen Unternehmen einen Berg von Schulden auf.

Nicht zu Buffetts freundlichem Image passen ausserdem diverse Skandale. Zu den grössten gehört die Manipulation des Bondmarktes durch die Wallstreet-Bank Salomon Brothers in den Neunzigerjahren, wo er als Kernaktionär kurzzeitig das Steuer übernehmen musste. Als Anteilseigner des Kreditprüfers Moody’s hatte er sich dann im Nachgang der Finanzkrise vor dem US-Kongress zu verantworten. Wenige Jahre später kam es zu einer Insideraffäre beim Kauf von Lubrizol, worauf sein Adjutant David Sokol abtreten musste. In keinem guten Licht stand Buffett auch unlängst da, als die überaggressiven Geschäftspraktiken seiner «Lieblingsbank» Wells Fargo publik wurden.

Helfer mit kühlem Kalkül

Buffett verkauft sich gern als Retter in der Not. Zu Hilfe kommt er aber nie ohne Kalkül. In der Schweiz etwa liess er sich den Kapitalzuschuss an den Rückversicherer Swiss Re in der Krise überaus teuer bezahlen. Zudem versuchte er so, günstig eine namhafte Beteiligung am Unternehmen zu erlangen. Umso mehr missfiel es ihm, als Swiss Re das Darlehen vorzeitig zurückzahlte. «Er hat sich nachher noch jahrelang darüber aufgeregt», sagte Verwaltungsratspräsident Walter Kielholz später dazu zur NZZ. Aufgegangen ist die Strategie hingegen bei Goldman Sachs und Bank of America, wo Berkshire nun zu den grössten Aktionären gehört.

Klar ist: Was die langfristige Performance betrifft, kann so gut wie niemand mit Buffett mithalten, schlagen die Aktien von Berkshire den Markt doch um Längen. Selbst der «Weise von Nebraska» ist vor Fehlgriffen aber nicht gefeit. Ein aktuelles Beispiel ist das Engagement in IBM, das er im Mai vollständig beendet hat. Wenig glücklich scheint ausserdem sein Timing bei Apple. Mit knapp 60 Milliarden Dollar machte der iPhone-Hersteller Ende September die mit Abstand grösste Position im Berkshire-Aktienportfolio aus. Heute sind die Titel fast 20 Milliarden Dollar weniger wert. Auch wenn Buffetts exzeptioneller Erfolg als Investor unbestritten ist, bedeutet das daher nicht, dass er ein Heiliger ist.

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Erstellt: 17.01.2019, 15:53 Uhr

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