Warum der Fax nicht totzukriegen ist

Vor 40 Jahren kam der Fax in die Schweiz. Trotz E-Mail und SMS setzen Firmen noch heute auf die völlig veraltete Technologie. Für viele ist sie unverzichtbar.

Die Fax-Flut hält an: Im Telefonbuch der Swisscom finden sich 165 000 Fax-Einträge. Foto: Cortis & Sonderegger (13 Photo)

Die Fax-Flut hält an: Im Telefonbuch der Swisscom finden sich 165 000 Fax-Einträge. Foto: Cortis & Sonderegger (13 Photo)

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Es ist ein Geräusch, das fast schon melancholische Gefühle hervorruft. Dieses hohe, schrille Signal, das erklingt, wenn ein Faxgerät sich mit dem anderen verbindet und der Versand des Dokuments beginnt. Jahrelang galt es als Inbegriff von Fortschritt und Globalisierung. Briefe, Berichte und Pläne liessen sich plötzlich innert Minuten originalgetreu durch die ganze Welt schicken. Heute hört man das Gesurre meist nur noch, wenn man sich verwählt. Es erinnert daran, dass es die Geräte aus der telekommunikativen Urzeit immer noch gibt, obwohl man sie kaum mehr braucht.

Diese Urzeit liegt in der Schweiz 40 Jahre zurück. Am 1. Mai 1976 starteten die schweizerischen PTT-Betriebe einen völlig neuen Dienst. Faxogramm nannten sie ihn. Das Angebot war vorerst nur als einjähriger Versuch angelegt. In sechs Städten konnten Kunden fortan Faksimile aufgeben und empfangen. «Das konkrete Bedürfnis lässt sich im Augenblick nicht feststellen», schrieb der Staatskonzern als Begründung. Die Entwicklung im Ausland lasse aber auf ein «latentes Interesse schliessen».

34 Minuten für fünf Seiten

Das neue Angebot war in Sachen Anwendungsbreite zwar dem Telex oder dem Telegramm überlegen. Aber es war sehr teuer. Der Versand von fünf A4-Seiten kostete 32 Franken. 6 Franken fielen pro Blatt an, hinzu kam eine Grundgebühr von 2 Franken. Wollte der Sender, dass sein Faxogramm dem Empfänger direkt ins Büro gebracht wird, musste er noch mehr zahlen. Dann kam die Taxe für Expresszustellung durch den Postboten hinzu. Und auch Geduld brauchte es. Ein fünfseitiges Dokument benötigte 34 Minuten, um von Poststelle zu Poststelle zu gelangen. Kein Wunder: Mit 50 Baud war die Übertragungsgeschwindigkeit 2000-mal langsamer als eine durchschnittliche Internetverbindung heute.

Scanner, SMS und E-Mail haben der einstigen Innovation längst den Rang abgelaufen. Sie sind schneller und einfacher zu bedienen. Trotzdem behauptet sich der Fax bis heute. Auf dem Briefpapier und den Visitenkarten vieler Firmen steht die Faxnummer weiterhin prominent neben der Telefonnummer und der E-Mail-Adresse. Im Telefonbuch der Swisscom gibt es aktuell immer noch 165 000 Fax-Einträge. Besonders viele davon stammen aus dem Baugewerbe, der Medizinalbranche und der Anwaltsgilde. Dass der Totgesagte quicklebendig ist, kann auch Dolphin Systems bestätigen, ein Schweizer Anbieter von Faxdiensten. «Die Zahl der versendeten Faxe wächst bei uns jährlich zweistellig», sagt Sprecher Florian Frei. Seit 2009 habe sie sich verdreifacht.

Für die Widerstandskraft des Fax gibt es verschiedene Gründe. Einer davon: Viele Nutzer schätzen, mit Sicherheit zu wissen, dass ihre Nachricht beim Empfänger angekommen ist. Die Mitteilung «Sendung OK» wird nur angezeigt, wenn die Übertragung auch tatsächlich stattgefunden hat. «Egal wo auf der Erde – ein Fax kommt immer an. Es gibt keine übersensiblen Spamfilter, die Nachrichten löschen», so Fax-Experte Frei. Auch Lesebestätigungen bei E-Mails sind weniger zuverlässig.

Höhere Gültigkeit zugesprochen

Zudem haben Hacker beim Fax keine Chance. Der global verwendete G3-Faxstandard auf Basis des sogenannten ­T-30-Protokolls gilt als extrem sicher. Jeder Versuch, eine Sendung abzufangen oder zu verändern, würde umgehend zu einem Abbruch führen. Daher wird dem Fax in der Geschäftswelt auch heute noch höhere Gültigkeit zugesprochen als dem E-Mail. «Per Fax versendete, unterschriebene Dokumente sind im Geschäftsverkehr oft anerkannt», erklärt Swisscom-Sprecher Armin Schädeli.

Auch Anwalt Adrian Rufener von der St. Galler Kanzlei Amparo versendet noch immer Faxe. «Ich verwende die Versandmethode dann, wenn ich keine E-Mail-Adresse kenne oder auf der Website nur ein Mailformular vorfinde», so der Jurist. Besonders bei Amtsstellen, etwa Strafverfolgungsbehörden, würden E-Mail-Adressen oftmals nicht bekannt gegeben. Da sei der Fax eine gute Alternative. Und noch ein Grund lässt Rufener zum Fax greifen: «In gewissen Fällen wirkt ein Fax einfach etwas ‹offizieller›.» Mehr Bestand vor einem Richter habe er aber nicht, warnt der Anwalt. «Das ist ein Märchen. In einem Prozess hat der Richter die eingereichten Beweismittel zu würdigen. Dies gilt sowohl für ein E-Mail wie einen Fax.»

Der wohl wichtigste Grund für das Überleben des Fax ist jedoch, dass er sich gewandelt hat. Immer weniger Unternehmen besitzen heute noch Faxgeräte. Der Absatz von Weltmarktführer Brother sinkt in dieser Sparte Jahr für Jahr. In vielen professionellen Druckern ist nämlich heute eine Fax-Option eingebaut. Zudem setzen immer mehr Firmen auf spezialisierte Onlineanbieter.

Der Sprung auf den PC

Mit ihren Diensten können Faxe direkt aus dem Internetbrowser oder per E-Mail ohne Faxgerät verschickt und empfangen werden. «Das vereinfacht das Handling der Faxe, da diese nicht in irgendeiner Ecke des Büros auf Papier geholt werden müssen, sondern als PDF-Dateien jedem Mitarbeiter direkt auf seinen PC zugestellt werden können», sagt Dolphin-Sprecher Frei.

Dieser Trend wird sich in den kommenden Monaten nochmals verstärken. Denn Ende 2017 schaltet die Swisscom das analoge Telefonnetz ab. Danach können Kunden nur noch übers Internet telefonieren und faxen. Die Empfehlung des Telekommunikationskonzerns ist deshalb auch klar: «Wechseln Sie auf IP-basierte Lösungen, unter anderem das Versenden und Empfangen von Fax via PC.» Der Fax ist tot, es lebe der Fax!

Erstellt: 22.05.2016, 22:23 Uhr

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