Warum sich die UBS dem «Schweine-Shitstorm» beugt

Ein Ökonom erzürnt die Chinesen, die Grossbank schickt ihn in den Urlaub. Das liegt an den neuen Prioritäten der Schweizer Banken.

Fürchtet Kunden zu verlieren: Die UBS in China. Foto: Getty Images

Fürchtet Kunden zu verlieren: Die UBS in China. Foto: Getty Images

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Missverständnisse kommen unter engsten Freunden vor – schneller noch zwischen verschiedenen Kulturen. Der britische Ökonom im Dienste von UBS Paul Donovan sprach vergangene Woche in einem Kommentar von «chinesischen Schweinen». Laut Donovan und UBS waren Tiere gemeint, für einige chinesische Zuhörer klang es nach einer Beleidigung der Einheimischen. Es kam zu geschäftlichen Konsequenzen. Die Bank entschuldigte sich und beurlaubte Donovan umgehend. Es ist ein Zeichen, dass es für UBS und auch ihre Schweizer Konkurrentin Credit Suisse in China um nichts anderes als ihre Zukunft geht.

China hat sich hinter den USA als zweitreichstes Land der Welt etabliert. Nirgendwo anders entsteht schneller so viel Vermögen. Die Zahl sogenannter Ultra High Net Worth Individuals (UHNWI), Personen mit einem Vermögen über 50 Millionen Dollar, ist nur in Nordamerika noch höher. «Jede Woche entstehen in China zwei neue Milliardäre», sagt Eugene Qian, Chef von UBS Securities China, im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft». Gemäss einer Analyse von Morgan Stanley soll das Neugeld der Schweizer Privatbanken in den nächsten Jahren zu einem grossen Teil aus der Region kommen.

Wo die Reichen wohnen

UBS-Chef Sergio Ermotti und CS-CEO Tidjane Thiam erklärten an einer Finanzkonferenz vor zwei Wochen in Paris denn auch unisono ultrareiche Chinesen zur Priorität. Am profitabelsten sei es für die Banken, allein schon bestehende Beziehungen zu vertiefen. Diese Kunden seien oft zugleich Unternehmer und brauchten nicht nur private Vermögensverwaltung, sondern auch Kredite und Kapitalmarktleistungen aus den Investmentbanken der beiden Grossen wie die Emission von Anleihen und Aktien. So übernahm UBS an ihrem schweizerisch-chinesischen Joint Venture als erste ausländische Bank im Dezember mit 51 Prozent die Mehrheit. Im April tat es ihr Credit Suisse gleich.

Die unangefochtenen Platzhirsche im chinesischen Banking sind die einheimischen Finanzkolosse.

In der Grossregion Asien sind UBS und CS heute schon die grössten Vermögensverwalter. In China selbst kommen sie dabei allerdings nicht an der inländischen Konkurrenz vorbei. Credit Suisse betreibt in China selbst gar kein Private Banking. Das Geschäft besorgen beide Schweizer Grossbanken hauptsächlich aus der Sonderverwaltungszone Hongkong und aus Singapur heraus.

Zahlen zum Geschäft mit chinesischen Kunden teilen beide nicht mit. UBS bezeichnet sie als «substanziell», CS als «signifikant» innerhalb des Asiengeschäfts. In Hongkong gehören UBS und CS gemäss Daten von Bloomberg meist zu den Top-zehn-Investmentbanken, wenn es um die Emission von Aktien und Anleihen geht. Auch bei diesen Geschäften ist der Schweizer Fussabdruck in China weniger gross. UBS schafft es bei der Emission von Anleihen und Aktien nur in die Top zwanzig, Credit Suisse ist hier vor allem bei den grossen Syndikatskrediten unter den führenden Banken dabei.

Denn die unangefochtenen Platzhirsche im chinesischen Banking sind die einheimischen Finanzkolosse. Die vier grossen Staatsbanken sind gemessen an ihrer Bilanzsumme die grössten Banken der Welt. Sie dominieren das landesweite Geschäft mit Krediten und Anleihen, gespeist durch Einlagen aus einem Retailmarkt mit Hunderten Millionen von Kunden.

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Die chinesischen Riesen konnten sich ungestört entwickeln. Lange schottete das Land seinen Bankenmarkt ab und liess ausländische Präsenz nur dosiert zu. «Das hat dazu geführt, dass ausländische Banken marginalisiert wurden», sagt Dinny McMahon, Experte für das chinesische Finanzsystem vom US-chinesischen Think Tank Paulson Institute. Laut McMahon befinden sich bis heute weniger als 2 Prozent der chinesischen Vermögen unter ausländischer Verwaltung.

Doch nicht nur die chinesischen Grossbanken und die ausländischen globalen Institute sind für UBS und CS harte Konkurrenz. Reiche Chinesen bezahlen mittlerweile bevorzugt mit den mobilen Lösungen Alipay und WeChat der Tech-Konzerne Alibaba und Tencent. Diese nehmen in China zugleich Spareinlagen entgegen und geben Kredite aus. Der grösste Geldmarktfonds des Landes mit rund 245 Milliarden Dollar ist als Abfallprodukt von Alipay entstanden.

Die Rolle als Türöffner

Zwar ist die Konkurrenz hart, doch der Reichtum wächst weiter, und die Staatsführung öffnet seit einigen Monaten das Finanzsystem. Obwohl sie nämlich die Kreditvergabe eingeschränkt hat, wegen der Überschuldung vieler staatlicher Unternehmen und des risikoreichen Wachstums einiger staatlicher Banken, soll der Volkswirtschaft nicht der finanzielle Treibstoff ausgehen. Eine Chance für Auslandbanken, nicht nur verstärkt als Kreditgeber und -vermittler aufzutreten, sondern auch als Türöffner ins Reich der Mitte. «Wir bieten grossen globalen Investoren und Unternehmen Zugang zu China und stellen die notwendige Liquidität zur Verfügung», sagt UBS-China-Chef Qian.

Die Euphorie wird zurzeit gebremst vom Handelsstreit zwischen den USA und China.

Und umgekehrt wollen sie für chinesische Investoren und Unternehmer das Tor zur Welt sein. UBS und CS können ihnen eine Vermögensdiversifikation bieten, wie es lange abgeschottete Inländer nicht können. Die grossen Inlandbanken selbst haben aber längst ebenfalls Filialen in den Finanzzentren dieser Welt eröffnet, um den eignen Unternehmen und der Seidenstrasse-Initiative der Staatsführung den Weg zu bereiten. In Zürich vor Ort sind die Industrial and Commercial Bank of China und die China Construction Bank.

Die Euphorie wird zurzeit gebremst vom Handelsstreit zwischen den USA und China, der weltweit auf die Konjunkturaussichten drückt. Das spüren UBS und CS in diesem Jahr, in Form investitionsunfreudiger Kunden. Dazu können hausgemachte Probleme das Geschäft trüben, wie zuletzt Mitte März, als UBS wegen unsorgfältiger Börsengänge in Hongkong eine Sperre von einem Jahr und 48 Millionen Franken Strafe aufgebrummt bekam. Dass nun aber selbst missverständliche Bemerkungen eines Angestellten weitreichende Konsequenzen für das Geschäft haben können, das hat man sich am Paradeplatz sicher nicht träumen lassen.

Erstellt: 20.06.2019, 10:12 Uhr

«Pig-Shitstorm» für UBS

Eigentlich ging es Paul Donovan in seinem Kommentar vergangene Woche um höhere Inflation, ausgelöst durch eine Krankheit bei Schweinen in China. Dazu sagte der Ökonom, angestellt in der globalen Vermögensverwaltungseinheit der UBS: «Spielt das eine Rolle? Es ist wichtig, wenn du ein chinesisches Schwein bist. Es ist wichtig, wenn man gerne Schweinefleisch in China isst.»

«Beleidgend und rassistisch»

Während Donovan wohl tatsächlich die Tiere meinte, reagierten Zuhörer in China empört. «Beleidgend und rassistisch» sei der Kommentar, liess die Chinese Securities Association verlauten und fordete die Entlassung Donovans. Chinesische Finanzakteuere und Zeitungen stimmen in den Reigen ein. Doch bei blossen Äusserungen blieb es nicht. Eines der grössten Staatsunternehmen, China Railway Construction, hat sich gegen eine Zusammenarbeit mit UBS bei einer geplanten Anleiheemission entschieden. Zudem stoppte der chinesische Broker Haiton Securities die Geschäfte mit der Schweizer Grossbank.

Unfreiwillige Auszeit für Donovan

«Wir entschuldigen uns vorbehaltlos für ein allfälliges Missverständnis, das durch diese harmlos gemeinten Kommentare von Paul Donovan verursacht wurde», liess UBS via Nachrichtenagentur Reuters mitteilen. Auch Donovan entschuldigte sich öffentlich und wurde beurlaubt. Seine Zukunft bei UBS ist ungewiss. «Wir haben Paul Donovan gebeten, eine Auszeit zu nehmen, während wir diese Angelegenheit prüfen. Wir evaluieren, ob weitere Schritte erforderlich sind», sagt ein UBS-Sprecher gegenüber «Finanz und Wirtschaft». Britische und Schweizer Medien schrieben im Nachgang vom Einknicken der Bank gegenüber chinesischen Drohgebärden.

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