Warum kürzt die Novartis über 2000 Stellen, Herr Narasimhan?

2000 Stellen für fünf Prozent Marge: Der Novartis-CEO erklärt im Interview, warum er dem Pharma-Tanker einen neuen Kurs verpasst.

«Wir wollen in der Schweiz vertreten bleiben»: Novartis-CEO Vasant Narasimhan äussert sich zur Streichung von über 2000 Stellen. Video: SDA

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Sie wollen über 2000 Stellen in der Schweiz streichen und begründen dies unter anderem mit sinkenden Produktionsvolumen bei herkömmlichen Medikamenten. Der Trend ist aber nicht neu. Warum reagieren Sie so spät und so massiv?
Wir haben bereits vor zwei Jahren angekündigt, dass wir unsere Produktion straffen müssen. Und wir arbeiten daran, wie wir mit den sinkenden Produktionsvolumina umgehen. Doch das ist komplex, wir müssen quasi einem Tanker einen neuen Kurs geben. Bei Novartis Technical Operations arbeiten 28’000 Menschen an 66 Standorten in 26 Ländern. Die Entscheidungen über die nötigen Anpassungen brauchten Zeit. Jetzt sind wir so weit.

Dennoch überrascht, wie stark Sie jetzt abrupt Jobs streichen. Hat das alte Management hier zu wenig gemacht?
Zu meinem Vorgänger äussere ich mich nicht. Als ich im Februar die Verantwortung übernahm, war es mir und meinem neuen Team wichtig, dass wir unsere Anpassungsfähigkeit erhöhen. Dazu sind Einschnitte in der Produktion und bei den zentralen Diensten von Novartis Business Service nötig. Unser Engagement in der Schweiz ändert sich dadurch aber nicht, unser wichtigstes Forschungscenter ist nach wie vor hier in der Schweiz, und wir investieren in Produktionsanlagen für die neuartigen Gentherapien.

Novartis hat allein im ersten Halbjahr fast 10 Milliarden Dollar verdient. Glauben Sie, dass Sie der Bevölkerung vor diesem Hintergrund den Jobabbau vermitteln können?
Wie bewegen uns in einem harten globalen Wettbewerb. Mit Blick auf die operative Marge hinken wir der Konkurrenz hinterher. Im Schnitt liegt die Marge in der Pharma-Industrie bei 35 Prozent, bei Novartis beträgt sie nur 30 Prozent. Wir müssen daher unsere Strukturen straffen, um weiterhin genug Geld zu verdienen, damit wir in neue Medikamente und moderne Produktionsanlagen investieren können. Sonst fallen wir zurück.

Und dank der Jobkürzungen erreichen Sie die 35 Prozent Marge?
Die Kürzungen sind ein Teil davon, die Marge zu erhöhen. Die Schweiz ist aber nicht das einzige Land, wo wir Anpassungen vornehmen. In Grossbritannien haben wir heute ebenfalls den Abbau von 400 Stellen in der Produktion angekündigt. In den USA haben wir ein Werk geschlossen. Dank solcher Effizienzmassnahmen wollen wir bis zum Jahr 2022 eine Marge um die 35 Prozent erreicht haben.

«Wir investieren weltweit in der Schweiz am meisten. Damit das so bleibt, muss sie aber attraktiv bleiben.»

Der Jobabbau kostet aber zunächst einmal Geld?
Wir rechnen mit Restrukturierungskosten von 1,4 Milliarden Dollar in den kommenden fünf Jahren. Werte für einzelne Länder weisen wir nicht aus. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir alles tun werden, um die Kürzungen in der Schweiz so sozialverträglich wie möglich zu gestalten.

Sind weitere Schritte denkbar? Etwa die Zusammenlegung der Standorte Stein und Schweizerhalle?
Nein, das schliesse ich aus. Stein bleibt weltweit unsere grösste Produktionsanlage für biologische Wirkstoffe. Hier investieren wir 90 Millionen Franken in den Aufbau und in die Produktion neuer Gentherapien. Der Standort Schweizerhalle insgesamt befindet sich im Umbruch. Wir suchen gemeinsam mit anderen lokalen Firmen nach einem neuen Betreiber für den Industriepark dort. Ziel ist, dass sich dort neue Firmen ansiedeln, welche die Infrastruktur mitnutzen.

Fürchten Sie, dass der Jobabbau politische Folgen haben könnte? Und die geplante Steuerreform gefährdet, die für Sie sehr wichtig ist?
Ich hoffe, dass die Politiker und die Bevölkerung hier den breiteren Kontext sehen. Novartis beschäftigt auch nach dem Abbau rund 10 Prozent seiner Mitarbeitenden in der Schweiz, das entspricht dem historischen Durchschnitt. Alcon siedelt von den USA in die Schweiz über. Wir investieren weltweit in der Schweiz am meisten in Forschung und Entwicklung. Damit das so bleibt, muss die Schweiz aber attraktiv bleiben. Das bedeutet, wir brauchen wettbewerbsfähige Steuersätze und ein liberales Einwanderungsrecht, damit wir die besten Köpfe ins Land holen können.

Erstellt: 25.09.2018, 19:35 Uhr

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