Warum Männer mit Luxusschlitten protzen

Ein «Autoposer» gibt Gas, bis ihn alle ansehen, und hält das dann für Ansehen. Aber warum tut er das? Eine wissenschaftliche Erklärung.

Was bei den Schimpansen die Kanister sind, sind bei den menschlichen Verwandten der Sportwagen: Ein Ferrari am Paradeplatz in Zürich. Foto: Keystone

Was bei den Schimpansen die Kanister sind, sind bei den menschlichen Verwandten der Sportwagen: Ein Ferrari am Paradeplatz in Zürich. Foto: Keystone Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jetzt gratis in allen Schweizer Städten: der Soundtrack zur Hölle. Mackertypen mit Kurzhaarschnitt prollen in übermotorisierten Angeberkarren durch die Innenstadt. Mit Vollgas von null auf fünfzig, immer wieder, den ganzen Sommer lang, aus Freude am Stören. Sie führen sich auf wie die apokalyptischen Reiter, dabei ist ihr Schauspiel lächerlich. «Autoposer» nennt man sie in Deutschland.

Zum Beispiel am Bellevue in Zürich, das jeden Samstag zur asphaltierten Bühne für die Zurschaustellung metallgewordener Männlichkeitsfantasien degradiert wird. Ohne Unterlass paradieren dort die Möchtegerns und zeigen ostentativ ihr Nötighaben. Sie malträtieren das Trommelfell der verängstigten Mehrheit, die dem gesundheitsschädigenden Donnergrollen ohnmächtig ausgeliefert ist. Rücksichtnahme auf andere Mobilitätsteilnehmer? Ist in der Bedürfnispyramide des Posers nur ein Lego-Steinchen.

Im Auto ein Poser, im Leben ein Loser? Das muss man vermuten, denn anhand der oft in mattdunklen Tönen folierten automobilen Machtdemonstrationen lässt sich mangelndes Feingefühl auch in zahlreichen erfolgsrelevanten Lebensbereichen ausserhalb des Ästhetischen diagnostizieren. Befriedigende Selbstwirksamkeit kann der Poser somit nur noch im Auto erfahren. Das Gebrüll des aufgeblähten Leasingobjekts ist in Wahrheit der Widerhall der unbefriedigten Geltungsgelüste seines Besitzers.

Sportwagenfahren erhöht den Testosteronspiegel – allerdings nur vor Publikum.

Die gruselige Armseligkeit seiner Existenz ist dem Autoposer durchaus bewusst, doch anstatt sie als Antrieb zur Selbstverbesserung zu nutzen, stellt er sie einer von Gangsterrappern inspirierten Umkehrlogik folgend stolz zur Schau, indem er mit martialischem Gasgeben diejenigen schockt, die ihm im Leben abseits der Strassen die so sehr gewünschte soziale Inklusion verweigern. Er gibt Gas, bis ihn alle ansehen, und hält das dann für Ansehen. Die erzeugte Aufmerksamkeit verwechselt er mit Respekt.

Es ist die Wut des zunächst in der Schule, später im sozialen Status abgehängten Bildungsverweigerers, die mit möglichst vielen Dezibel gerächt werden muss.

Doch genug der Entrüstung, kommen wir zur Erklärung. Warum machen die das? Die Nahursache ist: Sportwagenfahren erhöht den Testosteronspiegel. Allerdings nur vor Publikum, wie der kanadische Konsumpsychologe Gad Saad gezeigt hat. Deshalb verirrt sich nur selten ein Poser auf eine abgelegene Landstrasse. Dort kann er niemandem gefallen ausser sich selbst. Womit wir bei der Letztursache sind.

Schimpanse Mike verschreckte durch lautes Aneinanderschlagen leerer Kanister seine Rivalen so sehr, dass er zum Alphamännchen aufstieg.

Forschung hat gezeigt, dass Männer von Frauen als attraktiver beurteilt werden, wenn sie in einem Sportwagen sitzen anstatt in einer Familienkutsche. Natürlich verpufft dieser Effekt, sobald sich der Sportwagenfahrer als Poser entpuppt. Nur weiss das der Poser nicht. Oder es kümmert ihn nicht, weil sein Ziel ein anderes ist: Status.

Status durch Lärm? Das ist nicht ganz abwegig. Denn leider wird lautes, sonores Auspuffgrollen mit kostspieligen Sportwagen assoziiert, wie sie einst den Gutbetuchten vorbehalten waren. Dass heutzutage bei entsprechender finanzieller Priorisierung jeder Mini wie ein Lamborghini röhrt, mindert natürlich den Wert von Lärm als Statussignal. Doch vielleicht führt ja der Lärm selbst zur sozial dominanten Position, so wie es die Verhaltensforscherin Jane Goodall beim Schimpansen Mike beobachtet hat. Dieser verschreckte durch lautes Aneinanderschlagen leerer Kanister seine Rivalen so sehr, dass er zum Alphamännchen aufstieg.

Besserung ist nicht in Sicht. Es wird sogar noch schlimmer, denn längst verlangen nicht nur Poser nach lauten Motoren. Die Autohersteller nutzen alle Tricks der Ingenieurskunst, um die Lärmschutzverordnungen zu umgehen und die primitiven Dominanzgelüste ihrer Kunden zu erfüllen. Nirgends artikuliert sich die schizophrene Zerrissenheit der Gegenwartskultur so prägnant wie hier. Wir geben Millionen für Flüsterbeläge und Schallschutzfenster aus, unternehmen aber nichts gegen den Terror, der aus dem Auspuff kommt.

Christian Fichter ist Professor für Wirtschaftspsychologie.

Erstellt: 05.08.2019, 21:07 Uhr

Artikel zum Thema

Toxische Chefs – und wie Sie mit ihnen umgehen sollten

Kolumne Undankbarkeit von Vorgesetzten setzt den Untergebenen zu. Was lässt sich dagegen unternehmen? Mehr...

Glück kann man kaufen – wenn man weiss, wie

Kolumne Ein Konsumverhalten, das Glück vergrössert anstatt verkleinert, ist lernbar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Warum viele Weisheiten falsch sind

Kolumne Sie können alles schaffen, wenn Sie es wirklich wollen: Das verspricht die Selbsthilfe-Literatur. Mehr...

Wer aufschiebt, wirft sein Leben weg

Kolumne Unwichtige Dinge werden erledigt, wichtige schiebt man vor sich her. Doch Prokrastination ist heilbar. Mehr...

Lohntransparenz schafft Fairness, macht aber unglücklich

Kolumne In der Schweiz darf man über alles reden. Über Sport, Politik, Religion. Sogar über Sex. Aber nicht über den Lohn. Mehr...