Sinn und Unsinn der Jagd auf TV-Rechte im Sport

UPC und Swisscom buhlen mit Sportfernsehangeboten um neue Kunden. Doch zahlt sich das auch aus?

Ein Spektakel: Cristiano Ronaldos Traumtor zum 2:0 gegen Juventus Turin. Video: Tamedia/SRF

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Swisscom fährt bekannte Namen auf, um mit der Tochtergesellschaft Teleclub im TV-Geschäft ab August zu punkten: Roman Kilchsperger wechselt von SRF als Moderator ins Sportstudio. Die Fernsehlegende Marcel Reif gibt in der Schweiz ein Comeback. Und der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier wird die Leistung der Unparteiischen bewerten.

Sie alle werden auf Swisscom TV sämtliche Spiele der Champions League für die Zuschauer analysieren. Wie der grösste Schweizer Telecomanbieter am Donnerstag bekannt gab, überträgt er neben der Königsklasse auch die Europa League, die beiden Schweizer Spitzenligen und die Weltmeisterschaft in Russland. Das wichtigste Fussballturnier ist im aktuell höchstauflösenden UHD-Format empfangbar.

Damit hat der staatsnahe Betrieb bei den Fernsehrechten für die Champions League und Europa League in der Schweiz den deutschen Bezahlsender Sky ausgestochen. Das Schweizer Fernsehen darf noch 16 Spiele der Champions League übertragen. Wer als Swisscom-Kunde das zahlungspflichtige Sportangebot nutzen will, kann es ab 21. August neu als Einzelpaket für 30 Franken im Monat abonnieren.

Einnahmen von 15 Millionen Franken stehen geschätzte Ausgaben von 30 Millionen Franken gegenüber.

Mit dem Angebot erhält die Swisscom den Druck auf die Konkurrenten im hart umkämpften Schweizer Sport-TV-Markt aufrecht. Der blaue Riese hat die exklusiven Rechte fürs Schweizer Eishockey an die Kabelnetzbetreiber unter Führung von UPC verloren und muss sich nun allein mit Fussball behaupten. Die Kabelnetzbetreiber haben ihren eigenen Kanal Mysports ins Leben gerufen, um den anhaltenden Rückgang bei der Zahl ihrer Fernsehkunden zu stoppen.

Um die Eishockey-TV-Rechte schwelt ein Streit zwischen UPC und der Swisscom. Der grösste Schweizer Kabelnetzbetreiber weigert sich, der Swisscom die Übertragung von Eishockeyspielen zu ermöglichen. In diesem Fall wurde daher auch die Wettbewerbskommission aktiv. Im Sommer wollte sie keine vorsorglichen Massnahmen ergreifen.

Das Geschäft mit dem Sport-TV läuft harzig, wie auch die Kabelnetzbetreiber erfahren müssen. 50’000 Abonnenten zahlen ein halbes Jahr nach der Lancierung 25 Franken pro Monat für Mysports. Das sind Einnahmen von 15 Millionen Franken für ein Jahr bei geschätzten Ausgaben von 30 Millionen Franken pro Saison allein für die exklusiven Eishockey-TV-Rechte.

Swisscom hält Zahlen unter Verschluss

Total schauen 2,4 Millionen Haushalte digitales Fernsehen über einen Kabelanschluss. Mysports habe der Konkurrenz weniger Kunden abgejagt als erhofft, sagte Ende März Nicolas Perrenoud, der Chef des überregionalen Kabelnetzverbundes Quickline. Vom Erzrivalen Swisscom habe Quickline bis heute nicht sehr viele Zuschauer gewonnen.

Auch beim Marktführer ist nicht klar, ob sich das teure Engagement bei Fussballrechten wirklich rechnet: Genaue Zahlen zu den Sport-Abonnenten hält die Swisscom unter Verschluss, teilt aber mit, sie habe «weit mehr Kunden als Mysports». Total haben 1,5 Millionen Haushalte einen Fernsehanschluss bei der Swisscom.

Produktechef Dirk Wierzbitzki räumt ein, seit der Lancierung von Mysports «ein wenig Sport-TV-Kunden» an UPC, Quickline & Co. verloren zu haben. Aus den Zahlen der Kabelnetzbetreiber lässt sich ableiten, dass ihr Sportsender seit Jahresbeginn 20’000 neue Kunden dazugewonnen hat.

Lockvogelangebote funktionieren kaum

Auf die Swisscom kommen für die nächsten Fussballsaisons ebenfalls hohe Investitionen zu: Ausgaben für die Übertragungsrechte für die Schweizer Ligen und die Champions League, die Löhne für die Fernsehstars sowie die Kosten für den Ausbau der Fernsehstudios in Volketswil. Die Rede ist von einem Frankenbetrag in zweistelliger Millionenhöhe.

«Hohe Investitionen ergeben Sinn, wenn wir mit unserem Sportangebot neue Kunden gewinnen können», sagt Wierzbitzki. Die Hoffnung der Telecomanbieter ist, dass sportbegeisterte Konsumenten «Anschlussumsätze» erwirtschaften, wie es in der Branche heisst.

Gemeint ist, dass sie zusätzlich zum Sportfernsehen Kinofilme mieten oder ihren Internet- und Fernsehanschluss wechseln. Sport-TV als Lockvogelangebot ziehe nur bei einer kleinen Zielgruppe, sagt Wierzbitzki. «Unsere Erfahrungen zeigen, dass für eine Mehrheit der Kunden das Gesamtpaket stimmen muss.» Dazu gehören Preis-Leistungs-Verhältnis, Kundendienst sowie Bündelangebote, die Mobilfunk, Festnetztelefonie und Internet aus einer Hand liefern.

Das sagt der Experte zum Preis

Telecomexperte Ralf Beyeler vom Online-Vergleichsdienst Moneyland.ch begrüsst, dass die Swisscom-Kunden das Sportpaket ab August einzeln lösen können. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es nur zusammen mit einem Spielfilm-Abonnement zu einem höheren Preis von 43 Franken im Monat erhältlich.

Das neue Sportangebot als Einzelpaket sei mit 30 Franken allerdings «viel teurer» als im Bündel. Als Zusatzpaket zum Filmangebot koste es 13 Franken, da die Swisscom für das Kinoabonnement 30 Franken verlange. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2018, 19:57 Uhr

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