Globalisierung bremsen kann sich lohnen

Trump macht auf Protektionismus. Ist das immer schlecht? Nein, wie ein Beispiel aus der Geschichte zeigt.

Schutzzölle in der Landwirtschaft hielten die Globalisierung nicht auf: Schweizer Bauernfamilie in den 1950er-Jahren. Foto: Keystone

Schutzzölle in der Landwirtschaft hielten die Globalisierung nicht auf: Schweizer Bauernfamilie in den 1950er-Jahren. Foto: Keystone

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Es ist nicht das erste Mal, dass vor dem Ende der Globalisierung gewarnt wird. Nach der Ölkrise von 1973 war man besorgt, nach dem Amtsantritt von Ronald Reagan Anfang der 80er-Jahre und erst recht nach dem Scheitern des WTO-Gipfels 1999 in Seattle. Doch die Sorge erwies sich jedes Mal als übertrieben. Nun wird erneut vor einer grossen protektionistischen Welle gewarnt. Ist die Angst diesmal berechtigt?

Pessimistische Stimmen verweisen auf die 30er-Jahre, als eine verheerende Weltwirtschaftskrise die Globalisierung zerstört habe. Die Wähler seien verzweifelt gewesen und hätten sich radikalen Parteien zugewandt, welche die Wirtschaft gegen aussen abgeschottet hätten. Heute zeige sich wieder etwas Ähnliches. Die Finanzkrise und ihre Folgen hätten die Leute ins globalisierungsfeindliche Lager getrieben.

Oft wird in diesem Zusammenhang der Smoot-Hawley Tariff Act von 1930 erwähnt. Der US-Kongress beschloss damals mitten in der Weltwirtschaftskrise, die Zölle anzuheben. Dies habe jede Hoffnung auf ein baldiges Ende des Abschwungs im Keim erstickt, wird argumentiert. Heute bestehe die grosse Gefahr, dass wiederum die USA das Ende der Globalisierung einläuten. Trumps Wahl markiere eine Zeitenwende.

Die 30er-Jahre waren eine Zeit des Unheils. Autoritäre Parteien wie die deutschen Nationalsozialisten gelangten an die Macht. Der Welthandel brach um 50 Prozent ein, und es bildeten sich Wirtschaftsblöcke, die sich voneinander abkoppelten. Es ist ein Szenario, das sich niemand wünschen kann, und es ist legitim, davor zu warnen.

Die damaligen Umstände unterscheiden sich jedoch so stark von den heutigen Verhältnissen, dass es schwerfällt, die Warnung ganz ernst zu nehmen. Der wichtigste Unterschied ist, dass zu Beginn der Weltwirtschaftskrise der Erste Weltkrieg nur gerade zehn Jahre zurücklag und keineswegs überwunden war. Militante nationalistische Strömungen existierten bereits vor der Krise. Heute ist dies nicht der Fall. Wer Trump mit Hitler oder Mussolini vergleicht, übertreibt masslos.

Des Weiteren wird die Bedeutung des Smoot-Hawley Tariff Act stark überschätzt. Die USA waren damals eine ziemlich geschlossene Volkswirtschaft, sodass die Wirkungen auf den Welthandel beschränkt waren. Ausserdem hat die Forschung längst gezeigt, dass ganz andere Gründe für die Weltwirtschaftskrise verantwortlich waren: das starke Währungssystem, die internationale Verschuldung und die schwachen Bankensysteme.

Parallelen zum Schock von 1873

Viel mehr lässt sich lernen aus den Erfahrungen der 1870er-Jahre. Damals fand eine Überschneidung von Finanzkrise und Globalisierungsschock statt, die stark an die heutige Zeit erinnert. Die Finanzkrise fand 1873 als Folge des deutschen Gründerbooms statt und fiel heftig aus. Das Wachstum blieb mehrere Jahre unterdurchschnittlich. Der Globalisierungsschock ging nicht von Asien, sondern von den USA aus. Die Verbreitung der Eisenbahn und der Dampfschifffahrt verbilligten die Getreide­importe aus Übersee so stark, dass ein grosser Teil der europäischen Bauern nicht konkurrenzfähig war. Die Kombination von konjunktureller und struktureller Krise ergab einen gefährlichen Cocktail.

Da damals je nach Land immer noch bis zu 50 Prozent im Landwirtschaftssektor arbeiteten, löste dies eine gewaltige politische Druckwelle aus. Die Agrarverbände forderten hohe Zölle gegen die amerikanische Getreideinvasion und hatten bald Erfolg damit. Bekannt geworden ist die deutsche Zollerhöhung von 1878 durch den «eisernen Kanzler» Otto von Bismarck. Auch in der Schweiz reagiert man. Es war der Beginn einer protektionistischen Landwirtschaftspolitik, die bis heute anhält.

Interessanterweise bedeutete dies keineswegs das Ende der Globalisierung. Der Welthandel wuchs weiter bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914. Die Fortschritte in der Kommunikations- und Transporttechnologie erwiesen sich als stärker als die neu errichteten Zollmauern. Es gelang, die Globalisierung zu bändigen und innenpolitisch besser abzustützen, ohne sie zum Stillstand zu bringen.

Möglicherweise stehen wir vor einem ähnlichen Szenario. Die internationale Verflechtung wird nicht mehr so aktiv vorangetrieben wie bis anhin, da und dort vielleicht sogar etwas zurückgenommen, aber sie bleibt im Wesentlichen bestehen oder verstärkt sich sogar. Die Erfahrung der 1870er-Jahre legt den Schluss nahe, dass es politisch klüger ist, die Einwände der Globalisierungsgegner mit konkreten Massnahmen zu entkräften statt ein kommunikatives Sperrfeuer gegen sie zu eröffnen. Es gibt guten und schlechten Protektionismus.

Tobias Straumann ist Wirtschafts­historiker und lehrt an den Universitäten Basel und Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.01.2017, 20:33 Uhr

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