Die Elite sucht den Mittelstand

Am WEF bezichtigen sich die Mächtigen aus Wirtschaft und Politik der Vernachlässigung des Volks. Und ringen um Rezepte gegen die Krise und den Aufstieg der Populisten.

«Es gibt einen Mangel an Hoffnung»: IWF-Chefin Christine Lagarde (2. v. l.) an der gestrigen Diskussion. Foto: Jason Alden (Bloomberg)

«Es gibt einen Mangel an Hoffnung»: IWF-Chefin Christine Lagarde (2. v. l.) an der gestrigen Diskussion. Foto: Jason Alden (Bloomberg)

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Auch gestern waren die Manager und Politiker in Davos damit beschäftigt, sich angesichts der politischen Entwicklungen im letzten Jahr die Augen zu reiben, vor allem wegen der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und des Brexit in Grossbritannien. Damit verbunden ist die Angst vor einem weiteren Zulegen der Populisten weltweit und der Ablehnung der in Davos versammelten Elite. Ray Dalio, Gründer des weltgrössten Hedgefonds Bridgewater, brachte das wachsende Grundgefühl in der Bevölkerung so auf den Punkt: «Es ist ein Genughaben von der Elite, von der Art, wie regiert wird. Es ist eine Einstellung gegen alles, wofür Davos steht.»

Seitenhieb gegen Trump: Ausschnitte aus der Diskussion (Start bei Minute 2.17).

Dalio sagte das an der Veranstaltung mit dem Namen «Unter Druck und wütend: Wie bekommen wir die Krise der Mittelklasse in den Griff». Der Vertrauensverlust der Mittelklasse in die Eliten und in die politische Führung wird überall als Ursache für den Erfolg der Populisten identifiziert. Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, hielt an der Veranstaltung fest, dass sich zwar der Anteil der Mittelklasse weltweit über die letzten 40 Jahre verdoppelt habe. Aber das liege in erster Linie an der Entwicklung in den Schwellenländern. In reichen Ländern wie vor allem den USA ist ihr Anteil geschrumpft.

«Wo die Globalisierung endet»

Doch das Problem geht laut Lagarde über den relativen ökonomischen Verlust hinaus: «Es gibt dort heute einen Mangel an Hoffnung, einen Mangel an Vertrauen und ein Unwohlsein über viele der Prinzipien und Visionen, die die Leute für ihre Zukunft bisher hatten.» Ray Dalio zeigte sich daher über die weitere Entwicklung pessimistisch: «Wir werden mehr Protektionismus sehen und eine Rückwärtsentwicklung der Öffnungsbewegung, wie es sie seit den 80er-Jahren gegeben hat. Wir sind am Punkt, wo die Globalisierung endet.»

Einen grossen Frust der Mittelschicht sieht Italiens Finanzminister Pier Carlo Padoan auch in Europa: «Die Leute sind enttäuscht und desillusioniert über ihre Zukunft und über die ihrer Kinder. Sie sorgen sich über die Nachhaltigkeit des sozialen Sicherungssystems und haben Angst davor, nicht mehr Nein zu dem sagen zu können, was die politische Elite will», sagte der Ökonom. Er findet es wenig verwunderlich, dass populistische Parteien zulegen, denn sie verschrieben sich dem Nein. Das Problem aber sei, dass man mit dem Nein keine Politik zum Wohl der Leute machen könne.

Tatsächlich würden populistische Parteien sogar jenen am meisten schaden, deren Interessen sie angeblich vertreten wollten, sagte Larry Summers, einst US-Finanzminister unter Bill Clinton und Wirtschaftsberater von Barack Obama. Als Beispiel nannte er Donald Trumps Druck auf Firmen, ihre Produktion in den USA zu belassen und nicht nach Mexiko zu verlagern, um US-Arbeitsplätze zu retten. Weil aber durch Trumps Druck auf Mexiko dessen Währung Peso abgestürzt ist und so mexikanische Produkte deutlich wettbewerbsfähiger gemacht hat, seien in den USA sehr viel mehr Arbeitsplätze gefährdet.

Gefühltes Desinteresse

Auch Summers erklärt sich den Aufstieg der Populisten einerseits mit dem relativen ökonomischen Zurückbleiben der Mittelklasse – aber auch mit einem empfundenen Desinteresse der politischen Führung und der Elite an diesen Problemen: «Die Mittelklasse hatte immer mehr den Eindruck, dass die Regierung für alle schaut, nur nicht für sie: für die ärmeren Länder, für die Immigranten, für die Schwachen und die Minderheiten. Auch wenn das legitime Anliegen sind, die Mittelklasse fühlte sich übergangen.»

Viele Teilnehmer der Diskussionsrunde waren der Ansicht, die Populisten würden wunde Punkte ansprechen, die von der Politik und den Eliten bisher zu wenig beachtet blieben. Diese Ansicht vertrat in einer anderen Veranstaltung unter dem Namen «Die Demokratie stärken» auch die Schweizer Bundespräsidentin Doris Leuthard. Es gelte, mehr auf die normalen Bürger zu schauen, auch diese müssten von der ökonomischen Entwicklung profitieren können; das hätte die Politik vernachlässigt, meinte sie. Die demokratische Mitbestimmung, wie sie die Schweiz ausgeprägt ermöglicht, sah Leuthard als wichtiges Element für die Integration der Bevölkerung in die politischen Prozesse.

Unterstützt wurde sie von Politologieprofessor Jan-Werner Müller, der in Princeton lehrt. Das Schweizer System sei auf eine permanente Partizipation ausgelegt, die die Leute in die Diskussion integriere und Korrekturen an den politischen Entscheiden ermögliche.

Erstellt: 18.01.2017, 23:18 Uhr

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