Kalt und abgehoben

Am Weltwirtschaftsforum geisselte sich die globalisierte Elite selber. Doch sie ist unfähig, wirklich etwas zu verändern.

Die WEF-Teilnehmer bemühten sich um Bodenhaftung, oft vergeblich: Polizist auf dem Dach des Davoser Kongresshotels. Foto: Ruben Sprich (Reuters)

Die WEF-Teilnehmer bemühten sich um Bodenhaftung, oft vergeblich: Polizist auf dem Dach des Davoser Kongresshotels. Foto: Ruben Sprich (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die globalisierte Elite der Weltwirtschaft gelobt, besser hinzuhören, was die gewöhnlichen Menschen beschäftigt. Das war an den Panels des diesjährigen Weltwirtschaftsforums immer wieder zu hören. Auf den ersten Blick ist der Grad der Erkenntnis hoch: «Die Leute haben genug von der Elite, von der Art, wie geführt wird. Es gibt ein Anti-Davos-Gefühl – ein Gefühl gegen alles, wofür Davos steht», sagte etwa der Begründer des weltgrössten Hedgefonds.

Was aber bedeutet dieses demonstrative In-sich-Gehen der Davos-Männer und wenigen Davos-Frauen? Nicht viel.

Erstens ist das, was in Davos als Einsicht daherkam, vor allem Ausdruck von Sorge, Unsicherheit und Angst; die berechtigte Angst vor gefährlichen Entwicklungen, die dem Einfluss der sich in Davos versammelten Manager und Staatsmänner entzogen bleiben könnten. Von einem neu anbrechenden Zeitalter war diese Woche im Bündner Alpendorf oft die Rede, von tektonischen Verschiebungen.

Doch worin diese Verschiebungen genau bestehen, das weiss niemand. Die Unsicherheit darüber war fühlbar. Auch die präsentierten Studien zeichneten nur grobe Szenarien – klar scheint einzig: Die Verschiebungen versprechen nichts Gutes. Im Gegenteil: Mehr Populismus, mehr Abschottung, mehr Nationalismus, mehr Konflikte, möglicherweise sogar militärische – das ist die Erwartung. Vor allem werde die Globalisierung enden, die seit den 80er-Jahren in der Welt für tektonische Verschiebungen gesorgt habe.

Der Davos-Mann verliert an Einfluss

Die Sorgen, die sich die Weltelite um die gewöhnlichen Bürger macht, gehen zweitens auch auf die Erkenntnis zurück, dass ihr Einfluss auf die politischen und ökonomischen Entwicklungen gesunken ist. Man hat in Davos schon früher über die problematischen Seiten der Globalisierung gesprochen. Das war stets ein kleiner Tribut an die Bewegung der Antiglobalisierer, die das WEF oft mit grösseren Demonstrationen begleitet hat. Davon war dieses Jahr nichts mehr zu sehen. Aber Demonstrationen gegen die Eliten und die Globalisierung sind auch unnötig geworden. Gegner der wirtschaftlichen Öffnung – wenn auch solche mit einer ganz anderen Gesinnung als die einstigen – haben die Schalthebel der Macht erobert. Seit Freitag sitzen sie mit Donald Trump im Oval Office des Weissen Hauses.

Doch es geht um mehr als um Machtverlust: Der Davos-Elite entgleitet auch die Deutungs­hoheit, die sie bisher innehatte. Öffnung, weltweite Vernetzung und das Suchen von Lösungen für globale wirtschaftliche sowie politische Herausforderungen – aus diesen Ideen bestand das Credo des WEF. Auf einer anderen Existenzgrundlage kann es nicht aufbauen. Doch diese Ideen haben stark an Anziehungskraft eingebüsst – die Versprechungen der Globalisierung wurden für viele nicht eingelöst.

Den Kontakt zur Basis verloren

Deshalb fehlt der Davos-Elite drittens schlicht die Glaubwürdigkeit, dass sie bereit sein könnte für echte Änderungen. Die Davos-Männer und -frauen denken nicht nur in völlig anderen Kategorien, ihr Leben findet weit weg statt von dem der gewöhnlichen Leute, deren Anliegen in Davos beschworen wurden. Es sei kein Wunder, befinde sich in den USA die öffentliche Infrastruktur in einem solch schlechten Zustand, merkte an einem Podium ein Teilnehmer kritisch an. Die anwesende Elite benutze diese ja kaum.

Dass die gleiche Elite weder den Brexit kommen sah noch die Wahl von Donald Trump, liege daran, dass sie sich nie um die Stimmung an der Basis gekümmert habe. Sonst wäre sie weniger überrascht gewesen über den Ausgang dieser Volksbefragungen. Das sagte Anthony Scaramucci, der einzige anwesende Vertreter der neuen Trump-Regierung. Die grossen Auftritte aus den USA hatten die Mitglieder der abgetretenen Administration: Aussenminister John Kerry und Barack Obamas Vize Joseph Biden.

Wie schwierig es ist, hergebrachte Denkmuster zu durchbrechen, machte auch Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), an einem Podium in Davos klar. Als sie und andere beim IWF das Thema der wachsenden Ungleichheit und dessen Bedeutung für die wirtschaftliche und politische Entwicklung zu lancieren versuchte, habe das in ihrer Institution zu Widerstand geführt. Viele seien der Meinung gewesen, Ungleichheit sei schlicht kein angemessenes Thema für den Fonds.

Es geht vor allem ums Geschäft

Die Glaubwürdigkeit, welche die WEF-Elite bei breiten Bevölkerungsschichten verloren hat, hat nicht nur mit diesen starren Denkmustern zu tun. Vielen Vertretern dieser Elite geht es schlicht ums Business. Solange die eigene Kasse stimmt, interessiert es sie gar nicht, dass andere nicht von der viel gepriesenen wirtschaftlichen Öffnung profitieren. Dabei unterschätzen sie den sozialen und politischen Sprengstoff, der sich derzeit in vielen Ländern bildet.

Vor allem Vertreter der in Davos anwesenden Wirtschaftselite aus den USA erkennen – wie sie im privaten Rahmen auch Journalisten erzählen – vorderhand vor allem Profitmöglichkeiten, die ihnen gerade die Wahl von Donald Trump bietet: durch tiefere Steuern, weniger Regulierungen und Infrastrukturinvestitionen. Trumps Drohungen, den Freihandel einzuschränken, werden weitgehend verdrängt. Der neue Präsident wolle einfach einen für die USA faireren Handel durchsetzen, heisst es dann. Daran könne doch gar nichts schlecht sein.

Darüber hinaus war in Davos die Tendenz zu erkennen, dass sich die Davos-Menschen mit den neuen Umständen irgendwie zu arrangieren versuchen. Der Aufstieg der Populisten wurde etwa mit dem Argument begrüsst, diese hätten zwar keine Lösungen bereit, würden aber zumindest die richtigen Fragen stellen. Deshalb sei die Entwicklung doch nicht ganz so schlecht.

Diese Erkenntnis ist das Eingeständnis der Eliten, wie abgehoben sie sind. Und es kommt einer gewaltigen Unterschätzung der Risiken gleich, die mit diesen Bewegungen und ihren führenden Vertretern verbunden sind.

Erstellt: 20.01.2017, 21:07 Uhr

Artikel zum Thema

Globalisierung bremsen kann sich lohnen

Gastbeitrag Trump macht auf Protektionismus. Ist das immer schlecht? Nein, wie ein Beispiel aus der Geschichte zeigt. Mehr...

Trumps Geist – der heimliche Star von Davos

Anthony Scaramucci schaut für den President-elect am WEF nach dem Rechten. Früher schmiss er hier die besten Partys. Heute sagt er, in welchen drei Kategorien Trump denkt. Mehr...

Für den Davos-Mann hat der Wind gedreht

Analyse Warum nur hat das WEF die Trump-Brexit-Welle verschlafen? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog Negativzinsen: Was soll das?

Mamablog Ach, diese Instagram-Muttis!

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...