Shakira geht dahin, wo es wehtut

Die kolumbianische Sängerin Shakira sprach am WEF über ihren Kampf gegen Armut und für eine bessere Bildung in ihrer Heimat.

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Sie hat Kinder getroffen, deren Vater oder Mutter von Guerrillabanden erschossen wurden. Sie ist gross geworden in einem Land im ewigen Bürgerkrieg, hat mit ihrem Vater als Siebenjährige erstmals die Armenviertel ihrer Heimatstadt Baranquilla besucht und ist später dann, als sie schon erfolgreich war, rausgefahren in die entlegensten Ecken ihres Heimatlandes, in Dörfer, in denen es keinen Strom gab, kein fliessendes Wasser und keine geteerten Strassen.

«Wir sind dorthin gegangen, wo die Regierung sich verabschiedet hat», erzählt Shakira, die erfolgreiche Latin-Pop-Sängerin, die in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten Nummer-eins-Hits wie «Hips Don't Lie» oder «Whenever, Wherever» gelandet hat. Und nun steht sie, die vielfache Grammy-Gewinnerin, in Davos auf der Bühne, in einer - von Kolumbien aus betrachtet - auch ziemlich entlegenen Ecke der Welt. Und berichtet im Kongresszentrum und wenig später dann auch in einem Saal des Hilton Hotels schräg gegenüber von ihrem Kampf gegen die Armut. Und das heisst für sie vor allem: für eine besser Bildung.

Mit 20 Jahren hat sie eine Stiftung gegründet und in den entlegenen Dörfern Kolumbiens Schulen gebaut, erst eine, dann immer mehr, um den ärmsten Kindern zu helfen. Shakira will Kindern in jungen Jahren, mit vier, fünf, sechs, und später dann in den ersten Schuljahren, Zugang zu einer besseren Ausbildung ermöglichen: Denn je früher Kinder gefördert würden, sagt sie, je früher sie ausgewogenes Essen erhalten, aber auch Aufmerksamkeit und Zuwendung, «umso besser sind sie in der Schule und umso erfolgreicher später im Leben».

Ein weltweiter Fonds für die frühkindliche Erziehung

Sie sei nach Davos gekommen, sagt die heute 39-Jährige über ihre Reise nach Graubünden, um die Mächtigsten der Welt wachzurütteln. Jene 3000 Manager und Spitzenpolitiker, die zum Weltwirtschaftsforum gekommen sind, diesem alljährlichen Treffen in den Schweizer Bergen. Hier gebe es, argumentiert die Sängerin, genug Geld, genug einflussreiche Menschen, um etwas zu verändern. Die Internet- und Telefonkonzerne zum Beispiel könnten, wenn sie wollten, kostenlos Breitband und Lernmaterialien zur Verfügung stellen, und eigentlich brauche es auch ein weltweiten Fonds, ähnlich wie im Kampf gegen Malaria oder Aids, um die frühkindliche Erziehung zu fördern.

Shakira trägt ihre Forderungen voller Emotionen vor, voller Verve. «Ich weiss», sagt sie halb entschuldigend, «dass ich andere Menschen mit meiner Leidenschaft manchmal verrückt machen kann». Sie berichtet von den Schulen, die ihre Stiftung Pies Descalzos, übersetzt: Barfuss, gegründet hat, und davon, dass Kinder, die unter anderen Umständen von Drogenhändlern oder Guerillabanden angeworben werden, nun zur Universität gingen und dort mitunter zu den Besten zählten. Sie zitiert eine Statistik: Demnach ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind zum Guerillero wird, zehnmal höher, wenn es nicht zur Schule geht.

«Die Babys von heute werden die Probleme von morgen lösen.»Shakira in Davos

Und dann versucht sie die Manager im Saal noch mit einem anderen Argument davon zu überzeugen, dass sie sich für die frühkindliche Erziehung von Kindern engagieren müssen, solange Regierungen in Schwellenländern wie Kolumbien nicht dazu in der Lage seien: «Die Babys von heute werden die Unternehmen von morgen führen, sie werden die Gesellschaft von morgen gestalten und die Probleme von morgen lösen.» Es gehe ihr dabei nicht darum, durch private Initiativen «die Regierungen vom Haken zu lassen», sondern im Gegenteil: Die Wirtschaft müsse vorangehen, um der Politik anschliessend keine andere Möglichkeit zu lassen, um deren Vorhaben zu unterstützen.

Viel Applaus bekommt sie, als Hilde Schwab, die Frau von Klaus Schwab, dem Chef des Weltwirtschaftsforums, anschliessend den Crystal Award überreicht, eine alljährliche Auszeichnung für soziales Engagement.

Die Sängerin spricht auch über ihre Rolle als Mutter

Solche Auftritte von Sängern, Schauspielern, Sportlern oder Musikern gehören seit Jahren zu Davos. In diesem Jahr sind zum Beispiel auch der Schauspieler Matt Damon, die Geigerin Anne-Sophie Mutter, der Rapper Will.i.am oder der Formel-Eins-Weltmeister Nico Rosberg zu Gast. Die Macher des Wirtschaftstreffens versuchen dadurch, das straffe, aus Hunderten von Diskussionen und Reden bestehende Programm aufzulockern und zugleich auch Akzente jenseits der klassischen Management- und Wirtschaftsthemen zu setzen - etwa indem bei der globalen Elite für mehr Entwicklungshilfe oder den Kampf gegen den Hunger geworben wird.

So wirbt Shakira («die Dankbare») bei ihren Auftritten nicht bloss für eine bessere Ausbildung von kleinen Kindern, sondern auch dafür, die Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung umzusetzen: von der Geschlechtergerechtigkeit bis hin zu angemessenen Arbeitsbedingungen und sauberem Wasser.

Ein paar Mal wird die Sängerin sehr persönlich. Immer dann, wenn es auch um ihre eigene Rolle als Mutter von zwei jungen Kindern geht. Einmal wird sie von einer russischen Fernsehjournalistin gefragt, was sie denn als Erstes sage oder denke, wenn sie morgens aufwache - und was sie ihren Kindern dann mit auf den Weg gebe. Ob sie als Vorbild ein paar Tipps mitgeben könne? Klar, kann sie, sagt die Sängerin lachend: Ihr erster Gedanke sei oft: «Ich bin spät dran.» Sie sei da nicht besser als andere Mütter, morgens oft gestresst und habe die gleichen Kämpfe zu bewältigen.

Und dann erklärt sie, wie wichtig es ihr sei, anderen Kindern, deren Familien es nicht so gut geht wie der ihren, zu helfen und andere von ihrem Erfolg profitieren zu lassen: «Für mich ist es wichtiger, ein Kind sich gut entwickeln zu sehen, als noch einen Grammy zu gewinnen.»

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 17.01.2017, 11:55 Uhr

Die Grammy-Gewinnerin in einer – von Kolumbien aus betrachtet – entlegenen Ecke der Welt: Shakira in Davos. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

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