Davos verliert sein Auge

Die Globalisierungskritik ändert die Strategie. Das Anti-WEF verlässt Davos. Das neue Ziel heisst: Bern. Und die Schweizer Konzerne.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Oscar Wilde meinte, dass man seine Freunde nach dem Aussehen und seine Feinde nach der Intelligenz auswählen sollte. Insofern ist es kein gutes Zeichen für das Weltwirtschaftsforum (WEF), dass es wieder ohne Gegner in Davos ist. Fünfzehn Jahre hatte das WEF einen kleinen Gegengipfel: das Public Eye. Nächstes Jahr steigt noch eine Derniere, dann löst es sich auf. Und tut dies mit der freundlichen Herzlosigkeit, mit der man eine flüchtige Beziehung beendet: «Es war nett. Aber es ist vorbei.»

Die Organisation, die mit wechselnden Partnern (erst Friends of the Earth, dann Pro Natura, dann Greenpeace) das Public Eye organisierte, war die Erklärung von Bern (EVB). Die Nord-Süd-Organisation ist die intellektuellste NGO der Schweizer Szene: der Thinktank unter den Globalisierungskritikern. Und so ist die Geschichte des Public Eye die Geschichte der verschiedenen Taktiken des Protestes im 21. Jahrhundert.

Die Jahre des Hypes

«Warum wir das WEF attackierten? Es war ein Symbol. Und nichts lässt sich besser angreifen als ein Symbol», sagt der Geschäftsführer der EVB, Andreas Missbach. Tatsächlich war zu Anfang das Elektrisierendste am WEF, dass niemand wusste, was es überhaupt tat. In knapp 30 Jahren war es zum grössten Privatclub der Welt gewachsen: Nicht zuletzt durch den genialen Trick, die Eintrittspreise auf mehrere 10'000 Dollar festzulegen – je teurer, desto begehrenswerter. Es war ein Treffen für Top-Konzernchefs mit Top-Politikern. Mehr wusste man nicht.

Das Einzige, was bekannt war, waren die Slogans: «In Davos sind die globalen Leader.» Und: «Wir sind da, um die Welt zu verbessern.» Das machte das WEF zum perfekten Reklamationsbüro für ­alles, was auf der Welt schieflief. Und dafür gab es Bedarf.

Die Antiglobalisierungsbewegung erschien im Dezember 1999 fast aus dem Nichts. Jahre hatte die Kritik an der ­Globalisierung in Internetforen gemottet. Und kam an der WTO-Konferenz in ­Seattle zum Ausbruch: Die Stadt ertrank in einem Meer aus Menschen, Plakaten, Rauch, Tränengas und schlechter Laune. Und die Konferenz platzte – nicht wegen des Protests, sondern weil US-Präsident Clinton weltweit Mindestlöhne durchsetzen wollte. Um die Konkurrenz in Asien klein zu halten.

Jubiläums-Public-Eye-Award im Jahr 2009 mit unter anderen Heiner Geissler. Video: Youtube

Doch es war ein Sieg. Damit war die Antiglobalisierungsbewegung der erste Star im neuen Jahrtausend: junge Leute, Computer, Zukunft. Der Slogan: «Eine andere Welt ist möglich.» Und mit einem Buffet an Meinungen: für Tradition, für Gerechtigkeit, gegen die Schock-Liberalisierungen, für neue Hierarchien durch das Internet. Für jeden war etwas dabei. Ebenso war es das glanzvollste Jahr des WEF: Die New Economy boomte, neue Geschäftsmodelle, neue Riesenprofite wurden versprochen – der Direktor Klaus Schwab persönlich empfahl eine Denk-Software. (Mit der, wie oft, wenn etwas am WEF gefeiert wurde, die An­leger Millionen verloren.)

Zwei Organisationen in Vollform prallten im Januar 2000 aufeinander. Davos war über Nacht ein Skiort, verformt von Macht: Stacheldraht, Armee, Helikopter, Polizei. Ohne Badge sah man – auch als Journalist – mehrmals mit erhobenen Händen in eine Maschinenpistole. Davos war der Platz, wo man sein musste. Es zeigte Instinkt, im Jahr 2000 ein Protestforum zu eröffnen.

Critictainment

Die ersten drei Jahre waren für das Public Eye ein voller Erfolg – und dann doch nicht. Zwar war die Weltpresse da, gejagt von der Polizei, verachtet vom WEF – das Forum verbot 2002 sogar die eigene Hauszeitung –, aber fast alle ­Kameras zeigten hauptsächlich den ­Krawall. Dazu kam, dass das Public Eye ernsthafte Panels von Aktivisten, Gewerkschaftern, Kritikern aus dem Süden durchführte, wobei das Problem die ­Seriosität der Leute aus dem Süden war: Sie sprachen von Zahlen, Daten, Paragrafen. Fast nie in Anekdoten.

Doch für Ernst war Davos der falsche Ort. Eine der grössten Überraschungen am WEF, so Missbach, war dessen Banalität. Weltberühmte Köpfe äusserten dort ununterscheidbare Sätze wie «China is important» oder «Europe must do reforms». Die zweite Überraschung war, dass es Konzernchefs, Presse, Demonstranten gleich ging. Alle rannten vier Tage durch Konferenzsäle, das Handy am Ohr, mit dem Gefühl alles Wichtige zu verpassen: noch exklusivere Köpfe, Geschäfte, Klatsch, Gelegenheiten. «Als fände das wahre Davos im Geheimen statt», wie Phil Collins sagte.

William K. Black an den Public Eye Awards 2013. Video: Youtube

Die Reaktion des Public Eye war 2005 radikal. Man beantwortete Schwurbel mit Humor. Und setzte auf Critictainment. Das Herzstück war nicht mehr eine Konferenz, sondern ein actionreicher Nachmittag, moderiert von einem Prominenten: dem Kabarettisten Patrick Frey, dem Sänger Stress mit der ­Ex-Miss Schweiz Melanie Winiger, dem James-Bond-Schurken Anatole Taubman.

Das Herzstück der Show war eine Erfindung, die schnell überall kopiert wurde: ein Preis, den niemand wollte. Nominiert dafür waren die skandalösesten Konzerne: Glencore, Goldman Sachs, Nestlé etc. Das Kernpublikum sass auch nicht mehr in Davos, sondern weltweit vor dem Internet: bei den Abstimmungen. Und das Ziel waren längst nicht mehr internationale Organisationen wie IWF oder WTO: Diese waren längst transparenter, wirkungsloser geworden. Sondern die Machtträger des neuen Jahrhunderts: die Konzerne.

Recherche als Propaganda

Es gibt wenige Protestorganisationen, welche die Erfindungskraft der EVB haben. Den kühnsten Coup landete sie nicht in Davos. Die EVB setzte auf ein anderes Nebenprodukt der Globalisierung als Konferenzlärm: Komplexität und Unübersichtlichkeit. Und konzentrierte sich also auf Recherche.

Kein Medium, keine Behörde hatte es etwa unternommen, die umsatzstärkste Branche der Schweiz systematisch zu durchleuchten. Die EVB tat es, arbeitete wie eine Zeitung und schrieb das Buch: «Rohstoff. Das gefährlichste Geschäft der Schweiz.» Seitdem gilt die EVB auf diesem Gebiet als Expertin und bestimmt die Agenda, etwa mit einem kompletten Gesetzesentwurf für eine Rohstoff-Überwachungsbehörde. Die Protest- und Propagandamethode der Zukunft in einer unübersichtlichen Welt ist: wirklich Bescheid zu wissen.

Joseph Stiglietz an den Public Eye Awards 2012. Video: Youtube

Demgegenüber wirkte das Public-Eye, der geschickte Aufmerksamkeits­parasit, nicht mehr erwachsen genug. Auch weil das Forum in Davos sein Geheimnis, also auch seine Magie verloren hat. Es ist längst nicht mehr der superteure Privatclub der 1000 Manager. Sondern ein superteurer Zirkus von 2500 Leuten, darunter Rudeln von Journalisten: «Das WEF ist heute ein Networkingtool für die globale Managerklasse. Sehr praktisch für diese. Aber ohne grosse weitere Bedeutung», sagt Missbach. Längst verzerrt die Macht den Skiort nicht mehr primär durch Polizei und Stacheldraht. Sondern dadurch, dass in jeder freien Ecke eine Pepsico-, Sony- oder UBS-Werbebaracke eingebaut ist.

«Es gibt keinen schlechteren Ort für eine politische Botschaft als Davos», sagt EVB-Sprecher Oliver Classen. Classen hatte mehrere Jahre das Public Eye organisiert und das Schmähpreiskonzept erfunden. Und verabschiedet es nun wieder: «Naming und Shaming ist nicht mehr das effizienteste Konzept, wenn man mit Konzernkritik etwas ­erreichen will. Und das wollen wir.»

Initiativpläne

Das neue Konzept, das die EVB fährt, ist ein Verbund mit 50 anderen NGOs unter dem Namen «Recht ohne Grenzen». Es ist das grösste Bündnis dieser Art, das es in der Schweiz je gab. Warum? Sein Hebel sind die Menschenrechtsprinzipien, die die UNO 2011 für Konzerne verabschiedet hat. Und nun von den Ländern umgesetzt werden müssen. Diese Prinzipien sind in Sachen Konzerne das erste Papier mit Zähnen.

Es geht im Wesentlichen um drei Punkte: 1. Staaten sind hauptverantwortlich für die Einhaltung von Menschenrechten. Firmen aber auch. Und zwar grosse wie kleine. 2. Es braucht neben dem finanziellen auch ein nicht finanzielles Reporting – ob die Standards eingehalten werden. Bei Fabriken etwa in der Produktion, bei Banken etwa in dem, was sie finanzieren. 3. Verstösse, auch im Ausland, können in der Schweiz eingeklagt werden.

Kurz: Es ist das konkreteste Instrument, dass die Globalisierungskritiker je in die Hand bekommen haben. Entsprechend entschlossen setzen sie darauf: mit Gesetzesentwürfen, Lobbying und Plänen für eine Volksinitiative. Der Entscheid, ob man eine Initiative lanciert, fällt im Januar. Doch vorher steigt noch die Derniere des Public Eye: mit der Kür des schurkischsten Konzerns der letzten 15 Jahre. Zur Wahl stehen unter anderem Gazprom, Goldman Sachs und Glencore. Die alle den Preis nicht wollen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.11.2014, 08:00 Uhr

Artikel zum Thema

«Eigentlich interessiert das WEF niemanden»

Warum stirbt der Public Eye Award? Dazu Andreas Missbach von der Erklärung von Bern – und zur Frage, was mit der geplanten Volksinitiative angestrebt wird. Mehr...

Schluss mit Konzern-Bashing

Das WEF verliert einen wichtigen Anlass: Den Public Eye Award gibts nur noch 2015. Interessant ist die Begründung für den Abgang. Mehr...

Diese Probleme muss die Welt 2015 anpacken

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) hat in einer Studie ermittelt, worüber sich die Welt im nächsten Jahr am meisten sorgen wird. Eine grosse Herausforderung bleibt die ungleiche Einkommensverteilung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Blogs

History Reloaded Der radikale Moralist

Von Kopf bis Fuss Warum die «Ikea-Diät» so erfolgreich ist

Die Welt in Bildern

Abkühlung: Der kleine Gorilla Virunga wird von seiner Mutter Nalani durch den Biopark Valencia in Spanien getragen. Virunga ist der zweite Gorilla, der im Rahmen des europäischen Artenschutzprogrammes geboren wurde. (17.August 2018)
(Bild: Manuel Bruque/EPA) Mehr...