«Depressive Gewissheit»

Etliche Gesprächsrunden befassten sich mit den Aussichten für die Wirtschaft angesichts tiefer Zinsen, fallender Ölpreise und des starken Dollars. Viel Optimismus herrscht nicht.

UBS-Chef Axel Weber kam als ehemaligem Präsidenten der Deutschen Bundesbank bei Debatten zu EZB-Massnahmen besonderes Gewicht zu. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

UBS-Chef Axel Weber kam als ehemaligem Präsidenten der Deutschen Bundesbank bei Debatten zu EZB-Massnahmen besonderes Gewicht zu. Foto: Laurent Gillieron (Keystone)

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Die Debatten am ersten Tag des WEF in Davos waren geprägt von der Unsicherheit über die Entwicklung in der Weltwirtschaft. In mehreren Gesprächsrunden kam in diesem Zusammenhang die Entscheidung der schweizerischen Notenbank zur Sprache, ihre Euro-Franken-Untergrenze aufzuheben. Dabei interessierte, ob der weltweite Schock wegen dieser Massnahme als Warnhinweis für weitere unerwartete und tendenziell destabilisierende politische Entscheidungen gewertet werde müsse.

Kritik an der Schweizerischen Nationalbank (SNB) wurde aber kaum geäussert. Im Gegenteil: Das Verständnis für ihr Handeln überwog: Axel Weber, Verwaltungsratspräsident der UBS, stellte sich klar hinter die SNB und meinte: «Ein Ende mit Schrecken ist besser als ein Schrecken ohne Ende.» Es sei schliesslich immer klar gewesen, dass der Ausstieg unerwartet und unangemeldet kommen müsse. Kenneth Rogoff, einer der weltweit führenden Makroökonomen, bestritt in einer anderen Runde, dass die SNB einen gefährlichen Präzedenzfall für die Welt gesetzt habe: Die Schweiz sei in einer Situation, in der es besonders schwierig sei, den Wechselkurs zu stabilisieren. Auf die Frage, ob die Einführung des Mindestkurses eine gute Idee gewesen sei, antwortete er allerdings ausweichend.

Schwacher Euro als Zweck

Grosses Gewicht in den Debatten am Mittwoch hatte auch die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) und die anhaltend schlechte wirtschaftliche Lage der Eurozone, die letztlich der Grund für die Schwierigkeiten der Schweizer Geldpolitik ist. Wie umfangreich die Geldspritzen durch Käufe von Staatsanleihen sein werden, die die EZB heute bekannt gibt, war am Mittwoch in Davos aber von untergeordnetem Interesse. UBS-Präsident Axel Weber meinte, die EZB werde die Erwartungen kaum enttäuschen, er rechne aber auch nicht mit Verwerfungen auf den Devisen- und Kapitalmärkten, denn die Massnahme schlage sich schon weitgehend in den Preisen und Kursen nieder. Der deutlich gesunkene Europreis in Dollar ist ein Hinweis darauf. Aktuell kostet der Euro weniger als 1.16 Dollar. Laut Rogoff besteht in der Schwächung des Euro ohnehin der eigentliche Zweck der Geldspritzen der EZB, damit wenigstens die Exporte für Wachstum sorgen können.

Entscheidend war die Frage, wie viel EZB-Chef Mario Draghi überhaupt noch zur Verbesserung der Lage in der Eurozone tun kann. Besonders skeptisch zeigte sich auch hier Axel Weber, dessen Ansicht als Ex-Chef der Deutschen Bundesbank besonderes Gewicht zukommt. Erstens fehlten in Europa die Marktstrukturen, wie sie in den USA für solche Anleihenkäufe vorgeherrscht hätten. Wichtiger aber sei, dass die Möglichkeiten der Notenbank zu einer weiteren Verbesserung der Lage in Europa ohnehin begrenzt seien. Nur eine deutlich weitergehende Integration auch der Fiskalpolitik und umfassende Strukturreformen könnten letztlich helfen. Ansonsten werde die Geldpolitik der EZB immer wirkungslos verpuffen. Den Zweifel, dass Europa bald aus der Krise kommt, hat Rogoff mit der provokativen Aussage ausgedrückt, dass auf dem alten Kontinent kein Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung bestehe, sondern eine depressive Gewissheit darüber.

In einer Gesprächsrunde, die die grossen Schwankungen auf den Kapital- und Devisenmärkten zum Thema hatte, machte Rogoff klar, dass es noch nie eine Zeit gegeben habe, in der es weltweit zu einem derart raschen Rückgang der Zinsen gekommen sei. Eine Ansicht, die auch von anderen Experten, wie dem einstigen mexikanischen Notenbankchef Guillermo Ortiz, geteilt wurde: Die Kapitalmärkte bewegten sich in einem völlig unbekannten Umfeld.

Die Tiefstzinsen weltweit sind die Folge der entsprechenden Geldpolitik der führenden Notenbanken. An diesem Umstand wurde allerdings keine Kritik laut. Im Gegenteil wurde weitherum betont, dass die Deflationsgefahr unterschätzt werde, genauso wie die Schwierigkeit für die Notenbanken, für eine steigende Teuerung zu sorgen.

Die einzige Ausnahme unter den führenden Weltwirtschaften der Welt sind hier die USA, wo im laufenden Jahr eine Zinserhöhung erwartet wird. Wie verschiedentlich angemerkt wurde, kann auch dies zu weltwirtschaftlichen Verwerfungen führen. Etwa wenn es deshalb zu starken Kapitalabflüssen aus Schwellenländern und damit verbundenen Währungseinbrüchen kommt.

Dass der Dollar umgekehrt anhaltend stark bleiben wird, darüber war man sich an den Gesprächsrunden in Davos einig. Damit verbunden war aber auch die Sorge vor einem «Währungskrieg», das heisst dem Versuch von Ländern, sich durch eine Abwertung der eigenen Währung gegenüber anderen Ländern Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Hier besteht auch internationales Konfliktpotenzial für die Eurozone, die besonders an einer schwachen Währung interessiert ist.

Viel zu reden gab die Entwicklung des Ölpreises, der sich innert sieben Monaten in Dollar praktisch halbiert hat. Im Juni kostete ein Fass der Sorte Brent noch mehr als 110 Dollar, aktuell weniger als 49 Dollar. Insgesamt dominierte die Ansicht, dass diese Entwicklung positiv für die Weltwirtschaft sei, weil sie für tiefere Energiekosten sorge und damit wie eine Steuererleichterung für Unternehmen und Konsumenten wirke. Aber auch negative Nebenwirkungen kamen zur Sprache. So gab der Chef der Chinesischen Notenbank, Zhou Xiaochuan, zu bedenken, dass die tiefen Preise der Tendenz zu nachhaltigeren Energien in seinem Land schaden könnten, da sie nun relativ teuer seien.

Chinesische Fehlplanung

Problematisch sind die tiefen Ölpreise aber auch für Länder, die von den Exporten dieses Rohstoffs abhängen. In diesem Zusammenhang war auch die Wirtschaftskrise in Russland ein Thema. Der russische Vizepremier Arkad Dworkowitsch erklärte allerdings, das grösste Problem für sein Land sei nicht der tiefe Ölpreis, sondern die Unsicherheit über dessen Entwicklung. Im Fokus seines Landes stehe jetzt in erster Linie die Stabilisierung der Banken. Dass auf Russland harte Zeiten zukommen, bestritt er nicht: Allein die Leitzinsen von 17 Prozent seien für die Unternehmen verheerend. Dass Russland im laufenden Jahr in eine tiefe Rezession fallen wird, war unbestritten.

Viel Raum nahm auch die Entwicklung in China ein. Erst am Dienstag wurde bekannt, dass die chinesische Wirtschaft im letzten Jahr 7,4 Prozent gewachsen ist, womit die Zielgrösse von 7,5 Prozent der chinesischen Regierung leicht unterschritten wurde. 2013 lag das Wachstum bei 7,7 Prozent. Notenbankchef Zhou Xiaochuan machte klar, dass China grundsätzlich von tieferen Wachstumsraten ausgehe, weil nur dies mit ­einer nachhaltigeren Entwicklung zusammengehe, die nicht mehr auf Investitionen und Exporten basiere, sondern auf dem Konsum der einheimischen Bevölkerung. Die Erträge auf Investitionen in China schrumpften zunehmend, merkte eine chinesische Unternehmerin in einem anderen Panel an: ein deutlicher Hinweis auf Fehlplanungen. Auf die Frage, wie hoch ein nachhaltiges Wachstum Chinas denn sein werde, antwortete Xiaochuan, das werde der Volkskongress im März entscheiden.

Erstellt: 21.01.2015, 22:40 Uhr

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