Der Mann mit den vielen Geschichten

Ren Zhengfei hat vor 29 Jahren mit Huawei Chinas erste internationale Marke gegründet. Am WEF in Davos trat der Unternehmer zum ersten Mal öffentlich auf.

Ren Zhengfei, Chef der chinesischen Telecomfirma Huawei. Foto: J.-C. Bott (Keystone)

Ren Zhengfei, Chef der chinesischen Telecomfirma Huawei. Foto: J.-C. Bott (Keystone)

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Es war kurz nach dem Erdbeben in Japan und dem folgenschweren Tsunami. Die Flutwelle hatte mehrere Atomreaktoren beschädigt und die Behörden begannen gerade, die Bevölkerung rund um Fukushima zu evakuieren. Auch die dortigen Angestellten des chinesischen Telecomriesen Huawei wollten schleunigst ihren Posten räumen. Doch davon wollte ihr oberster Chef, der Huawei-Gründer Ren Zhengfei, nichts wissen.

Kein Krieg, keine Krise, keine Katastrophe hätten das Unternehmen je davon abgehalten, seine Pflicht zu erfüllen. Nicht das Erbeben in Chile, nicht die kriegerischen Konflikte in Libyen oder im Irak – und daran werde auch das Atom­unglück in Japan nichts ändern. «Oder ist euer Leben etwa wertvoller als das der Japaner?», fragte Ren seine Angestellten. Und während die lokale Bevölkerung das verstrahlte Gebiet verliess, rückten die Huawei-Leute ins Zentrum der Zerstörung vor. Und bauten die kollabierten Telecomnetze wieder auf.

Das ist eine von vielen Geschichten, die Ren Zhengfei an diesem Morgen erzählt. Den Rahmen bildet ein Gespräch mit dem britischen TV- und Rundfunksender BBC vor etwa 70 Zuschauern am WEF in Davos. Gut gelaunt und umgeben von einem ganzen Tross seiner Angestellten sitzt er der Moderatorin gegenüber – im dunklen Zwirn und mit langen Unterhosen, die unter den Hosenstössen hervorblitzen.

Den Auftritt habe er nicht gesucht, sagt Ren. Als er zusagte, habe er geglaubt, es handle sich um ein Treffen hinter verschlossenen Türen. Reingelegt hätten ihn seine Spitzenmanager. Sagt es und lächelt in die Kamera, die seine Worte per Livestream via Internet in der ganzen Welt verbreitet.

Unter Spionageverdacht

Ren gilt als der verschwiegenste Unternehmer Chinas – vielleicht sogar der Welt. Das Gespräch in Davos ist sein erster öffentlicher Auftritt überhaupt, oder zumindest ausserhalb Chinas. Sein allererstes Interview gab er 2013 neuseeländischen Journalisten – kurz nachdem der amerikanische Kongress einen brisanten Bericht veröffentlicht hatte. Darin empfahl der zuständige Ausschuss, Huawei in den USA keine Übernahmen zu erlauben. Die Gefahr sei zu gross, dass der chinesische Staat über Huawei seinen Einfluss geltend machen würde. Seither kursiert immer wieder der gleiche Verdacht: dass Huawei für China spioniert.

Mitverantwortlich für diese Gerüchte ist der Umstand, dass es bislang kaum Informationen gab – weder über den Konzern, der in 170 Ländern, darunter der Schweiz, tätig ist und letztes Jahr 46 Milliarden Dollar Umsatz machte, noch über dessen Gründer. Bekannt war lange nur, dass Ren seit 1978 Mitglied der Kommunistischen Partei ist und vor der Gründung des Unternehmens lange der chinesischen Volksarmee angehörte. Erst vor einem Jahr machte Huawei Angaben zur Eigentümerstruktur. Demnach ist Ren mit einem Anteil von 1,4 Prozent grösster Aktionär, während der Rest auf rund 65'000 Mitarbeitende verteilt ist – damals ausschliesslich Chinesen.

Der Auftritt in Davos muss darum auch als Teil einer Charmeoffensive gesehen werden, um Huaweis Ruf im Ausland zu verbessern. Etwa indem Ren sich vom Militär distanziert: Er habe keine Karriere bei der Armee angestrebt. Er sei dort nur gelandet, um der Armut zu entfliehen – und um seinem Land zu dienen. Er sei in einer Zeit aufgewachsen, als seine Familie als reich galt, «weil wir Salz zum Kochen hatten». Als Teenager hätte er keine Kleider gehabt: «China war damals weder in der Lage, sein Volk zu ernähren, noch, es anzuziehen.»

Blech für Wasserleitungen

Das Militär habe ihn angestellt, weil er studiert hatte – und die Volksarmee Ingenieure brauchte, um Textilfabriken zu bauen. Als es dann keine Arbeit mehr gab und die Armee verkleinert wurde, habe er sich in der Welt der Staatsfirmen versucht – und sei fürchterlich gescheitert. Huawei habe er darum eigentlich aus Notwehr gegründet – weil man ihn beim Staatsbetrieb nicht mehr haben wollten.

Mit Spionage hat er natürlich nichts zu tun, sagt Ren. Obwohl er die Kommunistische Partei unterstütze und sein Land liebe, würde Huawei niemals «die Interessen eines anderen Landes oder einer anderen Regierung» verletzen. Huaweis Einnahmen stammten einzig und allein von einem Ort: «Aus den Taschen unserer Kunden.» Wenn Huaweis Arbeit die Kunden enttäusche, «bekommen wir kein Geld», sagt Ren. Und schlimmer noch: «Unsere Frauen würden uns verlassen.»

Auf der einen Seite sagt Ren klar: «Die chinesische Regierung hat uns nie darum gebeten, jemanden auszuspionieren.» Gleichzeitig spielt er aber Huaweis Fähigkeiten herunter: Die Technik sei viel zu simpel, um jemanden auszuspionieren. Telecomnetze seien wie Wasserleitungen: «Und wir machen dafür das Blech für diese Leitungen.» Damit könne man aber weder die Wasserqualität kontrollieren, noch die Durchflussmenge steuern.

Rens Auftritt ist insgesamt eine Mischung aus Anekdoten, wohl platzierten Botschaften und einer fast theatralischen Inszenierung von Bescheidenheit. Auf die Frage, wieso er öffentliche Auftritte meide und sich lieber mysteriös gebe, antwortet er etwa: «Ich bin alles andere als mysteriös. Ich bin nicht kompetent. Ich weiss nichts über Technologie, Management oder über Finanzen. Ich sitze bloss auf einer Limousine, während alle anderen das Auto ziehen. Aber nur ich bin im Scheinwerferlicht.»

Die Katastrophe in Japan hat sich für Huawei übrigens ausgezahlt: Die Zahl der Aufträge stieg danach deutlich. «Weil wir in der Krise bewiesen haben, dass man sich auf uns verlassen kann», sagt Ren. Dazu, was aus den Mitarbeitenden geworden sei, sagt er nichts.

Erstellt: 22.01.2015, 21:48 Uhr

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