Putzkraft oder Herzchirurg

Ob der technologische ­Wandel die Ungleichheit ­verstärkt, ist ­umstritten. Nicht aber, dass sie vorerst bleibt.

Haben wir in der Zukunft nur noch die Wahl zwischen einem Job als Putzkraft oder einem Doktortitel in Medizin oder Informatik? Putzfrau in der Universität Bern. Foto: Keystone

Haben wir in der Zukunft nur noch die Wahl zwischen einem Job als Putzkraft oder einem Doktortitel in Medizin oder Informatik? Putzfrau in der Universität Bern. Foto: Keystone

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Die Bilanz ist ernüchternd: Nur zwei von hundert Hände gehen in die Höhe. Die Frage der Moderatorin lautete, wer im Publikum glaube, dass sich die Einkommensunterschiede der westlichen Welt in den nächsten fünf Jahren verringern werden. Die 98 anderen Anwesenden der ersten Davoser Veranstaltung zum Thema Ungleichheit zuckten betreten mit den Schultern. Und nur einer sagte das Offensichtliche: «Es liegt an uns. Die Menschen in diesem Raum treffen die Entscheidungen, um etwas zu ändern.»

Es ist Erik Brynjolfsson. Der 52-jährige Amerikaner ist Professor am MIT, dem amerikanischen Gegenstück zur ETH, und Co-Autor eines Buchs namens «The Second Machine Age». Seine These: Die technologische Revolution, die wir derzeit erleben, vernichtet Tausende von Jobs. In den USA verschwinden in den nächsten 10 bis 20 Jahren laut Schätzungen 45 Prozent der Arbeits­plätze – überflüssig gemacht durch Smartphones, Computerchips und Roboter. Was bleibt, sind Stellen für entweder unqualifizierte oder hochqualifizierte Arbeitskräfte. Die Mittelklasse wird praktisch ausradiert.

In Brynjolfssons Zukunft haben wir alle nur noch die Wahl zwischen einem Job als Putzkraft oder einem Doktortitel in Medizin, Informatik oder Biochemie.

Eine Vision, die die grossen Technologiekonzerne so nicht teilen. John Chambers, Chef von Cisco, sagt zwar, dass die technologische Entwicklung ein halsbrecherisches Tempo angenommen habe. «Nehmen Sie, was seit den 90er-Jahren mit dem Internet passiert ist, und multiplizieren Sie es mit 10: Genau das steht uns bevor.» Allerdings glaubt Chambers auch, dass «jeder Einzelne» von dieser Entwicklung profitieren werde.

Und damit steht er nicht alleine da. Die Chefs der Technologiefirmen betonen in Davos vor allem die Chancen, die der Wandel für die Gesellschaft bringt. Die grösste Herausforderung sehen sie in der Datensicherheit. Denn: Technologie würde die Welt produktiver machen, sagt Hans Vestberg, Konzernchef des Netzausrüsters Ericsson. Und: «Am Ende haben von solchen Technologieschritten immer alle profitiert.»

«Über die Verlierer reden»

Tatsächlich gibt ihm die Geschichte recht. Bei früheren technologischen Umbrüchen wurden immer erst Stellen vernichtet, bevor dann später noch mehr neue Jobs geschaffen wurden. Doch sei es dieses Mal anders, ist Brynjolfsson überzeugt. Denn obwohl die Wirtschaft die letzten zehn Jahre gewachsen ist, stagnierten die Einkommen des Mittelstandes. «Der Kuchen wird immer grösser. Es gibt mehr Mil­liardäre denn je. Und trotzdem profitiert der Durchschnittsbürger der entwickelten Welt nicht davon», sagt der rothaarige Professor. Die Welt müsse anerkennen: «Kein ökonomisches Gesetz besagt, dass vom Wachstum jeder profitiert.»

Ökonomen wie Brynjolfsson oder der Franzose Thomas Piketty mit seinem Buch «Kapital» haben das Thema Ungleichheit in der Wissenschaft auf die grosse Agenda gehoben. Ihr folgt jetzt die Politik: US-Präsident Barack Obama machte sie in seiner Ansprache zur Lage der Nation zum Thema. Und auch Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga mahnte in Davos: «Jede Entwicklung hat Gewinner und Verlierer. Wir müssen endlich anfangen, auch über die Verlierer zu sprechen.» Als Nächstes wäre jetzt eigentlich die Wirtschaft dran.

Erstellt: 21.01.2015, 22:09 Uhr

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