WEF in Davos

«Uns ist es todernst»

Gewerkschaftsführer Philip Jennings kommt zum 20. Mal nach Davos. Dieses Jahr will er unter anderem Migros und Coop anprangern.

Kommt bereits das 20. Mal nach Davos: Gewerkschaftsführer Philip Jennings (links).

Kommt bereits das 20. Mal nach Davos: Gewerkschaftsführer Philip Jennings (links). Bild: John Gress/Reuters

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Sie waren vor 20 Jahren der erste hochrangige Gewerkschaftsvertreter in Davos. Wie kam es dazu?
Ende Januar waren die Zeitungen immer voll mit Schlagzeilen zu neoliberalen Wirtschaftsthemen. Es ging nur um Unternehmen, und wie sie noch erfolgreicher werden könnten. Die Probleme der Menschen kamen nicht zur Sprache. Also sorgte ich im Herbst 1994 für ein Treffen mit Klaus Schwab – und fuhr Anfang 1995 das erste Mal nach Davos.

Wie war das damals?
Wie beim ersten Schultag. Ich war völlig verloren. Aber es hat sich gelohnt. Heute sind wir die Stimme der Arbeitskräfte am Forum. Und das WEF funktioniert völlig anders als damals.

Heute bilden soziale Anliegen einen festen Bestandteil der Agenda. Nur: Was macht Sie so sicher, dass das tatsächlich etwas bringt?
Da treffen sich 2500 Leute in Davos, darunter Hunderte, vielleicht sogar über 1000 Vertreter der Wirtschaftselite, Hunderte Spitzenpolitiker – und was tut das Forum? Es definiert nur gesellschaftspolitische Schlüsselprobleme: soziale Unruhen, ungleiche Einkommensverteilung, strukturelle Arbeitslosigkeit. Das ist bemerkenswert.

Aber das sind genau die gleichen Schlüsselprobleme wie vor einem Jahr. Wo bleibt die Wirkung?
Schauen Sie sich an, was seither passiert ist! US-Präsident Barack Obama hat gesagt, Ungleichheit sei die grösste Herausforderung unserer Zeit. In Deutschland sprechen sich Kanzlerin Angela Merkel und ihre neue Koalition für einen Mindestlohn aus. Sogar der konservative britische Finanzminister George Osborne findet, dass die tiefen Löhne auf das Niveau von vor der Krise angehoben werden müssen. Und wissen Sie, was? Die Arbeitgeberseite stimmt ihm zu! Auch Japans Premier Shinzo Abe will die Kaufkraft der Angestellten erhöhen.

Bislang sind allerdings keine Löhne erhöht worden.
Es braucht eine Weile, bis die Botschaften durchsickern. Als ich letztes Jahr am WEF gesagt habe, die Welt brauche eine Lohnerhöhung, haben mich die Leute angeschaut, als hätte ich etwas geraucht. Es hiess, die Welt stecke in der Krise – das Letzte, was man von der Wirtschaft verlangen könne, seien höhere Löhne. Dabei sind die Folgen der ungleichen Einkommensverteilung für die Wirtschaft enorm – heute wie damals.

Und welche Botschaft haben Sie?
Das WEF steht unter dem Motto Reshaping the World – die Welt umgestalten. Bevor die Weltelite jedoch damit anfangen kann, etwas umzugestalten, muss sie erst erkennen, dass die Weltwirtschaft aus den Fugen geraten ist.

Klaus Schwab will nicht, dass das WEF erneut im Zeichen der Krise steht. Verdrängt er die Probleme?
Für mich ist Davos dieses Jahr ein Wendepunkt. Wir leben in einer Zeit enormer Umbrüche – ökonomisch, technologisch, demografisch und sozial. Vielleicht müssen wir uns erst von der Vergangenheit lösen, um die grossen Fragen unserer Zeit lösen und in die Zukunft schauen zu können. Klaus Schwab versucht zu sagen: Wir waren jetzt lange genug im Krisenmodus. Der Moment ist gekommen, um nach vorne zu schauen – und die grossen Fragen anzugehen, die unsere Zivilisation bedrohen.

Lässt sich die Krise einfach abhaken?
Wir können nicht einfach weitermachen wie bisher. Die OECD hat darum ein riesiges Projekt mit über 30 Arbeitsgruppen gestartet, das nach alternativen ökonomischen Modellen sucht, die nachhaltiger, gerechter und zukunftssicherer sind. Das wirtschaftliche System hat versagt, das finanzielle System hat versagt, und das ökologische System steht – so wie wir bislang damit umgegangen sind – vor dem Kollaps. Wir brauchen neue Denkansätze und einen neuen Sinn für Gemeinschaft und Gesellschaft.

Versteht die Wirtschaftselite das? Oder macht sie der Schock nur vorübergehend etwas demütiger?
Der Finanzsektor hat seine Lektion bestimmt noch nicht gelernt. Die Leute sind sich ihrer Verantwortung nicht bewusst. Die Wirtschaft als Ganzes ist viel zu sehr von den Banken abhängig. Es ist, als hielte man uns eine Pistole an den Kopf. Darum haben wir bislang auch noch kein adäquates Mittel gefunden, um die nächste Krise zu verhindern.

Wen wollen Sie in Davos unbedingt treffen?
Ich habe immer eine Liste mit Wirtschaftsführern im Kopf, mit denen ich über ihre Arbeitsbedingungen sprechen will. Dazu gehört etwa der Wal-Mart-Chef – der kommt jedes Jahr. Zu einem richtigen Gespräch hat es allerdings noch nie gereicht – obwohl ich ihn schon zweimal irgendwo auf einem Gang angesprochen und mich vorgestellt habe. Irgendwie war er jedes Mal fürchterlich in Eile.

Sie spielen eine zentrale Rolle beim Bangladesh-Abkommen, das nach dem Kollaps einer Textilfabrik mit über 1000 Toten zustande kam. Dutzende westlicher Kleidermarken übernehmen darin formell die Verantwortung für die Sicherheit der Produktionsstätten im Land. Wie ist der aktuelle Stand?
Mittlerweile haben über 100 Marken das Abkommen unterzeichnet. Wir haben ein Büro in Bangladesh eröffnet und eine weltweite Trägerorganisation aufgebaut. Dieser Tage fangen wir mit den Inspektionen der Fabriken an und werden in den nächsten Monaten sämtliche Produktionsstätten abklappern, die die Mitgliedsmarken beliefern.

Sie wollen jede einzelne Fabrik überprüfen? Das geht doch nicht.
Wer sagt das? Seien Sie nicht so skeptisch. Wir haben 2000 Produktionsstätten auf unserer Liste. Wir wollen noch dieses Jahr die allermeisten Fabriken besichtigen. Es ist uns todernst damit. Was uns viel grössere Sorgen bereitet als die schiere Zahl der Fabriken, ist die Tatsache, dass es noch immer viele Unternehmen gibt, die sich dem Abkommen verweigern – etwa die Migros und Coop.

Und wie begründen sie das?
Migros und Coop weigern sich einfach. Ich habe ihnen geschrieben, sie haben mir geantwortet. Und ich werde noch diese Woche einen neuen Brief abschicken. Das Abkommen setzt einen neuen Standard, weil es die Marken direkt in die Verantwortung nimmt. Es setzt einen neuen Standard. Alle Beteiligten glauben fest daran, dass wir etwas bewirken können – und wir hoffen, dass sich das System auch in anderen Ländern durchsetzen wird. Trotzdem weigern sich Migros und Coop mitzumachen.

Migros und Coop argumentieren, die finanziellen Konsequenzen wären nicht absehbar. Darum bleiben sie beim alten System.
Das hat sich in Bangladesh als wirkungslos erwiesen! Weder ist es rechtlich unabhängig und transparent, noch kommen dabei die Arbeiter zu Wort. Die Unglücksfabrik wurde kurz vor dem Brand anhand dieses alten Modells überprüft. Migros und Coop halten an einem System fest, das versagt hat. Das halte ich für einen grossen Fehler. Sie sagen zwar, dass sie kaum Kleider aus Bangladesh beziehen, aber meiner Meinung nach ist das keine Entschuldigung. Sie stellen sich auf eine Stufe mit Firmen wie Wal-Mart oder Gap.

Was würde der Beitritt kosten?
Es kann nicht gratis sein, beim Abkommen mitzumachen. Irgendwer muss ja für die ganze Organisation bezahlen. Aber der Beitrag würde Migros und Coop nicht ruinieren.

Von welcher Summe sprechen wir?
Der Beitrag ist nicht fix, sondern abhängig von der Menge, die man in Bangladesh produziert. Für Migros und Coop geht es schätzungsweise um einige Zehntausend Franken.

Die Chefs von Migros und Coop sind nicht in Davos, sonst könnten Sie Ihnen auflauern – wie bei Wal-Mart.
Stimmt. Aber ich erwarte viele Fragen von Journalisten zum Bangladesh-Abkommen. Das werde ich nutzen, um die Verweigerungshaltung von Migros und Coop anzuprangern. Ich werde nicht aufhören, bis sie unterschreiben.

Erstellt: 22.01.2014, 10:00 Uhr

Zur Person

Der gebürtige Waliser lebt seit den Achtzigerjahren in der Westschweiz und ist seit 2009 Schweizer Bürger. 2013 hat ihn das Westschweizer Wirtschaftsmagazin «Bilan» zu einem der 300 wichtigsten Schweizer erkoren. Der 61-Jährige ist Generalsekretär der internationalen Gewerkschafterorganisation Uni Global Union mit Sitz in Nyon, die weltweit über 20 Millionen Mitglieder hat und 900 Gewerkschaften in 180 Ländern vertritt. Uni Global Union ist gemeinsam mit der Gewerkschaftsorganisation Industriall verantwortlich für das Brand­schutz­abkommen in Bangladesh. (aba)

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