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Lippenbekenntnisse und bunte Socken

Frauen und ihre Themen spielen eine grosse Rolle am WEF. Trotzdem bleibt der Anlass fest in Männerhand.

«Männer müssen quasi aus dem Weg». Das WEF hat einen Frauenanteil von rund 20 Prozent. Wie denken die Frauen im Equality Center darüber? Video: Nicolas Fäs.

John Kerry ist in Eile, zügig läuft er durch die Gänge des Kongresszentrums in Davos. Nur für ein kurzes Gespräch habe er Zeit, sagt der ehemalige US-Aussenminister, als man ihn anspricht. Ob er es problematisch finde, dass am WEF so wenig Frauen teilnehmen? Mit dieser Frage hat Kerry offenbar nicht gerechnet. «Ich sehe viele Frauen hier», meint er lapidar. Der Einwand, dass der Anteil nur knapp ein Fünftel betrage, interessiert ihn nicht. «Mit den Einladungen habe ich nichts zu tun.»

Sticht heraus in vielerlei Hinsicht: Der kanadische Premier Justin Trudeau hielt ein flammendes Plädoyer für den Feminismus.
Sticht heraus in vielerlei Hinsicht: Der kanadische Premier Justin Trudeau hielt ein flammendes Plädoyer für den Feminismus.

Was sogar das WEF mittlerweile als Problem erkannt hat, scheint Kerry nicht einmal aufzufallen. 21 Prozent beträgt der Frauenanteil am Weltwirtschaftsforum dieses Jahr. Das ist zwar etwas mehr als noch vor einigen Jahren, 2015 waren es 17 Prozent. Geht es in diesem Tempo weiter, dauert es bis zu den 50 Prozent aber noch mehr als 20 Jahre. Würde man Journalistinnen, Assistentinnen und Pressesprecherinnen aus den 21 Prozent herausrechnen, wäre die Quote wohl noch deutlich tiefer. Das WEF äussert sich zu dieser Frage nicht. Wer sich aber im Kongresszentrum umschaut, merkt: Das Diskutieren, Netzwerken und Geschäftemachen wird den Männern überlassen. Sie machen die grosse Mehrheit der Anwesenden aus.

Ganz anders in der «Equality Lounge», etwa einen Kilometer vom Kongresszentrum entfernt. Tritt man von der Promenade ins Café, wähnt man sich in einer anderen Welt. Der Strassenlärm verstummt. Zwei Dutzend Frauen und etwa halb so viele Männer sitzen auf weissen Stühlen um weisse Tische herum. In einer Ecke kann man sich massieren lassen, im Raum nebenan findet ein Panel zu «Medien und Gleichberechtigung» statt. Hier sollen sich vor allem Frauen wohlfühlen.

Das Diskutieren, Netzwerken und Geschäftemachen wird den Männern überlassen.

Die Lounge gibt es seit einigen Jahren. Neu ist, dass im Co-Chair des WEF, der das Forum gestaltet, nur Frauen sitzen, unter ihnen IWF-Chefin Christine Lagarde und IBM-Chefin Ginni Rometty. Auch im Programm wird das Thema dieses Jahr gut aufgefangen. Es gibt ein Frühstück zum Thema «Wie Frauen Erfolg haben», eine Diskussionsrunde über «Geschlecht, Macht und das Aufhalten sexueller Gewalt», einen Empfang für Frauen im Blockchain-Geschäft. Die Rede des kanadischen Premiers Justin Trudeau passte dazu: Sie war ein flammendes Plädoyer für den Feminismus.

In der Unterzahl: IWF-Chefin Christine Lagarde. Foto: Denis Balibouse (Reuters)
In der Unterzahl: IWF-Chefin Christine Lagarde. Foto: Denis Balibouse (Reuters)

Offiziell scheint das WEF die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Warum also ist es trotzdem immer noch fest in Männerhand? «Trotz all der Arbeit, die das WEF für die Gleichstellung leistet, ist das hier noch immer eine Männerwelt», findet etwa Philip Jennings, Chef des Gewerkschafts-Dachverbands UNI Global Union. «Der Anlass sollte eigentlich ein Abbild der Gesellschaft sein», sagt Heinz Karrer, Chef des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. Stattdessen sei er «ein Abbild der Führungsetagen in Wirtschaft und Politik». Das Forum sei «ein Spiegelbild der Welt», sagt auch Iris Bohnet, Professorin für Verhaltensökonomie in Harvard und Autorin eines Buches über Gleichstellung, kurz vor einem Panel im Kongresszentrum. «Bevor sich die politischen, ökonomischen und universitären Eliten nicht verändern, wird es auch das WEF nicht tun.»

Wendepunkt bei 30 Prozent?

In einigen Dingen sei das Forum aber fortschrittlicher als andere Organisationen, sagt Bohnet. Die Delegationen der strategischen Partner – Firmen wie ABB, IBM, Microsoft oder Nestlé – müssen einen Frauenanteil von mindestens 20 Prozent aufweisen. Wichtige Massnahmen Richtung Gleichstellung habe das Forum ergriffen: «Es hat eine Quote eingeführt, misst deren Umsetzung, und die weiblichen Co-Chairs dienen als Rollenmodelle für andere Frauen.»

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Shelley Zalis, Chefin der «Equality Lounge», ist noch nicht zufrieden. Wenn die Frauenquote von 20 auf 30 Prozent steigen solle, müssten die Zulassungskriterien angepasst werden. «Das wird dann ein Wendepunkt sein.» Gewerkschaftsführer Jennings ist überzeugt, dass sich mit mehr Frauen in den höchsten Positionen auch die Themen ändern würden, die am WEF debattiert werden. Der Stil des Events würde sich erst mit einem höheren Frauenanteil ändern, sagt auch Mark Pieth, Strafrechtsprofessor und Korruptionsexperte. «Solange die Quote tief ist, passen sich Frauen wohl an die herrschenden Verhältnisse an.»

Die herrschenden Verhältnisse – das sind dieses Jahr in Davos auch die, in denen US-Präsident Donald Trump eine grosse Bühne bekommt. In der «Equality Lounge» macht das einige Besucherinnen wütend. «Dass er hierherkommt, dass er überhaupt Präsident ist», sagt eine von ihnen, «ist ein Zeichen gegen Frauen.»

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