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Davos ist bloss ein Schaufenster

Die Ideale des WEF-Gründers Klaus Schwab spielen in der Alpenstadt keine zentrale Rolle. Es geht um Deals und Geschäftstreffen.

Lädt immer wieder Personen nach Davos ein, die international mit Systemkritik Bedeutung erlangen: WEF-Gründer Klaus Schwab. Foto: Keystone
Lädt immer wieder Personen nach Davos ein, die international mit Systemkritik Bedeutung erlangen: WEF-Gründer Klaus Schwab. Foto: Keystone

Am 21. Januar beginnt in Davos das Weltwirtschaftsforum – meist bloss als WEF bezeichnet – zum 50. Mal. Die Veranstaltung in den Bündner Bergen, wo sich die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eliten der Welt jährlich für vier Tage zusammenfinden, gilt vielen als Paradebeispiel jener Welt, die gerade im Untergehen ­begriffen ist. Es ist die Welt der Globalisierung, in der sich Nationen den Wünschen grosser Konzerne zu beugen haben, weil sie sonst von diesen gemieden werden. Dann ­drohen ausbleibende Investitionen und Steuerausfälle. Es ist auch die Welt, in der gigantischer Reichtum als Ausdruck von wirtschaftlichem Erfolg gefeiert wird und in der die wirtschaftlichen Spitzen ganz selbstverständlich der Politik die Agenda diktieren.

Der berühmte Politologe Samuel Huntington schrieb über die Teilnehmer des WEF schon im Jahr 2004, das seien Menschen mit «wenig Bedarf an nationaler Loyalität», sie würden «nationale Grenzen als Hindernisse» betrachten und «nationale Regierungen als Rückstände aus der Ver­gangenheit, deren einzige nützliche Funktion darin besteht, die globalen Operationen der Elite zu erleichtern».

Der wirtschaftliche Erfolg in den reichen Ländern schien die Macht und das Selbstverständnis der globalen Eliten zu rechtfertigen. Doch mit der Finanzkrise und ihren Folgen erlitt die ganze Davos-Ideologie Schiffbruch. Die wachsende Ungleichheit wurde zu einem internationalen Thema, ebenso der Klimawandel und das Demokratiedefizit in den Strukturen der Globalisierung. Das ist eine Ursache für den Aufstieg der Populisten weltweit.

«Das WEF steht weder für eine Haltung noch für eine Politik. Gefrönt wird dort vor allem der Macht.»

In den USA wurde mit Donald Trump ein Anti-Davos-Man zum Präsidenten gewählt. Statt der Globalisierung stellt er das nationale Eigeninteresse über alles. Internationale Übereinkünfte und Institutionen straft er mit Verachtung. Doch als dieser Trump vor zwei Jahren zum ersten Mal ans WEF reiste und dort seine Sicht des nationalen Egoismus verbreitete, wurde er von der Weltelite wie ein Rockstar gefeiert. Die Welt hat daraus erneut gelernt: Das WEF steht weder für eine Haltung noch für eine Politik; gefrönt wird dort vor allem der Macht.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Klaus Schwab mit der Gründung des WEF im Jahr 1971 etwas ganz anderes im Sinn hatte. Inspiriert von der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland, wollte er eine Plattform schaffen, damit sich die Verantwortlichen in der Wirtschaft der Anliegen aller sogenannten Stakeholder annehmen: neben deren ihrer Aktionäre auch jener der Beschäftigten, der Zulieferer und vor allem auch der Gesellschaft.

Bis heute ist dieses Anliegen beim WEF deutlich spürbar: Die Diskus­sionspanels in Davos zu allen grossen Weltthemen sind meist spannend und lehrreich und werden sehr offen geführt. Geladen sind nicht nur ­führende Politiker und Wirtschaftsvertreter, sondern auch ihre Kritiker. Die meisten dieser Diskussionen werden im Netz übertragen und können überall verfolgt werden. Zudem zeigt das WEF selbst viel Engagement: Zu so gut wie jedem wichtigen Thema gibt es eine Arbeitsgruppe oder einen Bericht der Organisation.

«Schwabs Ideale und die tatsächliche Bedeutung des WEF für die versammelten Eliten existieren weitgehend nebeneinander.»

Und immer wieder lädt Klaus Schwab Personen nach Davos ein, die inter­national auch mit Systemkritik Bedeutung erlangen. Jüngstes Beispiel ist die 17-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg. Schon letztes Jahr durfte sie die versammelten Manager wegen deren Profitorientierung beschimpfen. Nächste Woche darf sie es erneut tun. Das WEF wird auch als Organisation geprägt von der Sicht, dass die Eliten der Welt den Gang der Geschichte verstehen und verändern können, wenn sie sich bloss zusammenraufen. Wenn es nur so einfach wäre.

In Davos versammeln sich die Top­manager und Spitzenpolitiker aber nicht wegen der hehren Ideale des Klaus Schwab. Praktisch zur selben Zeit, als dieser das WEF gründete, begann sich in der Wirtschaftswelt eine ganz andere Doktrin durchzu­setzen: jene des «Shareholder-Value», gemäss der das einzige Ziel eines Unternehmens darin besteht, den Aktienwert zu steigern. In der Praxis bedeutete das oft, dass Profite ohne Rücksicht auf Risiken und Kosten für Umwelt und Gesellschaft zur ausreichenden Rechtfertigung unternehmerischen Handelns wurden. Das galt besonders für den Finanzsektor.

Bescheidener Einfluss

Schwabs Ideale und die tatsächliche Bedeutung des WEF für die versammelten Eliten existieren weitgehend nebeneinander. Die anwesenden Topleute nutzen den Anlass vor allem für Deals und Geschäftstreffen.

Dass das WEF die Welt nicht so verbessern konnte, wie das sein Gründer einst wollte, heisst umgekehrt nicht, dass die Veranstaltung für Fehlentwicklungen in der Welt verantwortlich ist. Davos ist bloss ein Schaufenster für die Probleme, Gräben und Konflikte dieser Welt. Der Einfluss des Treffens auf den Gang der Dinge bleibt eher bescheiden.

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Geld, Macht, Protest: Alles zum WEF 2020

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