Die Schattenseiten der neuen Ökonomie

In Davos ist auch die digitale Wirtschaft vertreten. Amerikaner und Europäer sehen die Risiken anders.

«Nicht mehr Kapital, sondern Daten treiben heute die Wirtschaft an», sagte Japans Premier Shinzo Abe bei seiner Ansprache. Foto:  AFP

«Nicht mehr Kapital, sondern Daten treiben heute die Wirtschaft an», sagte Japans Premier Shinzo Abe bei seiner Ansprache. Foto: AFP

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Manchmal reicht schon ein Bummel über die Promenade in Davos, um zu erkennen, was die Welt der Wirtschaft derzeit bewegt. Viele Pavillons und Chalets im Zentrum sind von Technologie- und Datenfirmen wie ­Huawei, Palantir oder Facebook angemietet.

«Nicht mehr Kapital, sondern Daten treiben heute die Wirtschaft an», sagte Japans Premierminister Shinzo Abe bei seiner Ansprache beim WEF. Japan präsidiert derzeit die G-20, den Club der 20 wichtigsten Volkswirtschaften. Eines der wichtigsten Themen des G-20 sei, «dass Daten frei die Grenzen überschreiten können», so Abe.

Doch der Facebook-Skandal, bei dem millionenfach unerlaubt Nutzerdaten zur Analysefirma Cambridge Analytica abgeflossen sind, hat gerade in Europa der Euphorie in Sachen Digitalwirtschaft einen Schlag versetzt. In Gesprächen mit Vertretern der Digitalwirtschaft wie Ex-Google-Manager Sebastian Thrun und dem Schweizer Start-up-Investor Klaus Hommels fällt auf, wie unterschiedlich Europäer und Amerikaner die Risiken und den Regulierungsbedarf im Geschäft mit Daten sehen. Einigkeit besteht nur in einer Frage: Die Chinesen sind hier bereits eine Supermacht und könnten demnächst weltweit den Takt vorgeben.

Transparenz und Wachstum

Der deutsche Informatiker und Robotiks-Experte Thrun ist bekannt geworden, weil er bei Google unter anderem das erste autonome Auto mitentwickelt hat. Im Jahr 2012 gründete er die Weiterbildungsplattform Udacity, die in Zusammenarbeit mit Tech-Unternehmen praxisnahe Onlinekurse entwickelt.

Thrun war Gast bei einem Frühstück der Initiative «Digitalswitzerland». Im Gespräch zeigt sich der Schnellredner als lupenreiner Vertreter des Silicon-Valley-Denkens: Fortschritt ist positiv. Den Datenskandal bei Facebook bezeichnet er als «Wachstumsschmerzen», denn «Google und Facebook haben alles Interesse daran, dass ihre Nutzerdaten nicht in die falschen Hände geraten».

Thrun glaubt, dass die verstärkte Nutzung von Daten die Transparenz verbessert. «Es gibt einen Zusammenhang zwischen Transparenz und dem Wirtschaftswachstum.» Sprich: Je transparenter und frei zugänglicher Daten in einer Gesellschaft sind, umso reicher würde diese. «Dank Transparenz gibt es weniger Verbrechen und Korruption.» Als Beleg für seine These führt er Nordkorea an, den wohl intransparentesten Staat der Welt, der zudem bettelarm ist.

Und China? Die Regierung nutzt alle Möglichkeiten der Technik, um die Bevölkerung zu kontrollieren. Wer in einigen Städten bei Rot über die Ampel läuft und dabei gefilmt wird, bleibt dank perfekter Gesichtserkennung hängen. Die Busse wird automatisch vom Konto abgebucht. Der Bürger ist gläsern, die Regierung ist es nicht. Thrun glaubt, dass dies auf Dauer nicht haltbar sein wird. «Auch China wird transparent werden müssen.»

Europäer sind kritischer

Europäische Manager von Tech-Unternehmen sehen das kritischer. «Es zeigt sich immer mehr, dass soziale Medien enorme politische Macht entfalten», sagt ein Topmanager eines grossen Datenanalyse-Anbieters, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Als Beleg führt er etwa die Gelbwestenbewegung in Frankreich an, die dank Facebook zu einem nationalen Phänomen wurde. «Wir wissen nichts darüber, wie der Algorithmus von Facebook bestimmte Nachrichten der Gelbwesten weiterverteilt und solche Phänomene schafft», so der Manager. «Wenn wir von Transparenz reden, dann brauchen wir auch Transparenz darüber, wie dieser Algorithmus funktioniert.»

Diese Meinung teilt Klaus Hommels, der mit seiner Schweizer Firma Lakestar einer der führenden Risikokapitalgeber in Europa ist und mit frühen Beteiligungen bei Facebook und Spotify einen guten Riecher bewies. «Wir haben längst die Hoheit über unsere Informationen verloren», warnt er. Die Frage einer Regulierung oder Überwachung der Algorithmen, die Nachrichten in sozialen Medien weiterverteilen, sei daher legitim.

Bisher kümmere sich die Politik aber nicht darum. «Das liegt daran, dass Politiker mit solchen Themen bei den Wählern nicht punkten können, denn auch den Nutzern fehlt das Bewusstsein für die Problematik», sagt ­Hommels.

«Je weniger Restriktionen, desto besser»

Mehr Restriktionen und Regulierung erschweren das Geschäft, dessen ist sich auch Hommels bewusst. Aber China mit der unbegrenzten Nutzung von Kundendaten könne für Europa kein Vorbild sein, trotz Erfolge von Netzriesen wie Alibaba oder ­Tecent. «Das ist es nicht wert», so der Tech-Investor.

Marissa Mayer, Ex-Chefin von Yahoo, sieht das ganz anders. «Je weniger Restriktionen es gibt, umso besser», sagt sie. «Denn gerade die Entwicklung von künstlicher Intelligenz hängt von der Menge und der Qualität der zugrunde liegenden Daten ab.» Nur so könnten die Systeme schnell und viel lernen. Hier habe China bald einen uneinholbaren Vorsprung. «Um hier mitzuhalten, müssten Europa und Nordamerika ihre Daten zusammenlegen», so Mayer.

Erstellt: 23.01.2019, 21:00 Uhr

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