In Wanderschuhen gegen die Weltordnung

Hunderte Menschen marschieren in einem Protestzug nach Davos. Ob die Winterwanderung zum Auftakt des WEF ankommt, ist offen.

Ziel Davos: WEF-Gegner und Klimaaktivisten am Montag auf ihrer «Winterwanderung für Klimagerechtigkeit».

Ziel Davos: WEF-Gegner und Klimaaktivisten am Montag auf ihrer «Winterwanderung für Klimagerechtigkeit». Bild: Christian Willner/close.photography

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Der Protest trifft sich am Montagmorgen um halb neun, auf dem Bahnhofplatz Schiers. Da steht er nun mit Bannern, Plakaten und Rucksäcken und skandiert: «Klimagerechtigkeit jetzt!» Rund 350 Menschen sind da, die meisten haben die Nacht auf dem Boden der Dorfturnhalle verbracht, in Schlafsäcken und Hängematten, ein Massenschlag der WEF-Gegnerinnen und Klimaaktivisten. An diesem Montag wollen sie ihre Parolen 22 Kilometer weitertragen, hinauf nach Klosters. An die rote Linie.

In der 2700-Seelen-Gemeinde Schiers erfolgt an diesem Morgen der Startschuss zur zweiten Etappe der «Winterwanderung für Klimagerechtigkeit», eines dreitägigen Protestmarschs zum World Economic Forum in Davos. Organisiert hat den Protest das Kollektiv «Strike WEF», ein Zusammenschluss aus Umweltorganisationen, NGOs, Parteien und Privaten. Angeschoben wurde er schon vor Monaten, in Bern.

Los ging die Wanderung am Sonntagnachmittag mit einer Kundgebung in Landquart, enden soll sie pünktlich zum WEF-Auftakt in Davos, im Bergort, der einmal im Jahr von Sicherheitskräften aus dem ganzen Land und der Schweizer Armee gesichert wird. Wenn sich ein beachtlicher Teil der mächtigsten Menschen des Planeten hier zu Gesprächen über seine Zukunft trifft: Konzernchefs, Staatsoberhäupter, die «verantwortliche Elite» – in den Augen der Organisatoren des Marsches tragen sie die Hauptschuld dafür, dass die Welt ist, wie sie ist. Für das Gefälle zwischen Reich und Arm, zwischen Nord und Süd. Für die Klimakrise.

In Klosters haben die Behörden ihre rote Linie gezogen. Bis hierhin ist die Winterwanderung bewilligt, darf der Protestzug auf Kantonsstrassen stattfinden. Hinter Klosters aber beginnt das Bollwerk Davos.

«Es fängt bei mir an»

Der Demozug schiebt sich vorwärts. Junge, Alte, Menschen in Clownoutfits, mit Bannern auf dem Rücken, Flaggen in der Hand – ein wilder Mix. «Wir finden nur dann breites Gehör für unsere Anliegen, wenn wir gemeinsam auf die Strasse gehen», sagt eine Frau – 52, Prättigauerin. «Alle sozialen Schichten, alle Altersgruppen.» Was diesen Mix eint? Die Gewissheiten. Dass es so nicht weitergehen kann. Dass die Zeit für den Wandel gekommen ist – und dass man nicht still sein wird, bis er Tatsache ist.

Im Clownoutfit: Der Protestzug verlief bisher bunt, vielfältig und vor allem friedlich. (Bild: Kristian Buus)

Adrian Gass lebt und arbeitet in Bern. Nun ist er hier, weil die Welt eine andere werden soll. «Und das fängt bei mir selbst an.» Er wurde 30 Jahre alt, bis er das erkannte. Davor habe er gelebt wie die meisten: gereist, geflogen, irgendwo das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Eines Tages habe er sich gefragt: «Was tue ich da eigentlich?» Das Fliegen hat er seither eingestellt – «ausgebrochen aus der Generation Easyjet». Er hat den Job gewechselt. Und er macht die Ausbildung zum Jäger – «wenn du Tiere isst, dann töte sie wenigstens selbst».

«Die Grosskonzerne sind auch darum so erfolgreich, weil sie mit deinem und meinem Geld geschäften.»Adrian Gass

Adrian Gass, die Prättigauerin, all die Menschen verkörpern eine Bewegung, die spätestens seit all den Schülerstreiks und Grosskundgebungen eine andere ist, eine vielschichtigere. Auf dem Weg ins nächste Dorf spricht Gass von Vertrauen in staatliche Lenkung, gepaart mit Eigenverantwortung. Der junge Mann zieht nicht mit der Forderung nach der Überwindung des Kapitalismus gen Davos. «Hier sehen das wohl einige anders», sagt er schulterzuckend. «Die Grosskonzerne sind auch darum so erfolgreich, weil sie mit deinem und meinem Geld geschäften – wir spielen das Spiel mit.» Er will vor allem den Druck auf die politischen Entscheidungsträger erhöhen – die seien genauso in Davos wie die Wirtschaftskapitäne. «Strengere Regulierungen statt Verbrüderung» erwarte er von der Politik.

Die Wanderung und Bern

Aus den Boxen dröhnt Musik. Passanten bleiben stehen, Gesichter erscheinen an den Fenstern, man winkt. Die Idee für die Wanderung durch die idyllischen Dörfer hat ihre Wurzeln auch in Bern. Sie stammt aus den Kreisen um die Organisatorinnen und Organisatoren der Tour de Lorraine, des Berner Kulturanlasses, der vor 20 Jahren gegründet wurde, um Geld zu sammeln – für eine Anti-WEF-Demo.

Luca Hubschmied gehört zu den Leuten hinter der Tour und läuft nun nach Davos. «Der Protest am WEF ist in Bern tief verwurzelt, damit solidarisiere ich mich sehr stark», sagt er. Die Wandernden sind mit klaren Forderungen im Gepäck unterwegs. Die wichtigste: Die Politik soll die Wirtschaft zu Klimaschutzmassnahmen «zwingen», damit mindestens die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreicht werden.

Halt in einem Sägewerk in Küblis. Mittagessen. Klosters ist einen halben Tagesmarsch entfernt, die Antwort auf die Frage, wie die Sache ausgeht, ein paar Stunden näher gerückt. Bislang verlief die Wanderung völlig friedlich. Polizisten begleiteten den Zug nur mit einigem Abstand und in kleiner Zahl. Heute Dienstag dürfte sich das ändern. Dann ist der Weg zu. Zumindest jener über die Kantonsstrasse hinauf nach Davos. Die Strasse ist gemäss den Behörden eine wichtige Rettungsachse. Die Demo würde diese Achse stören.

Die letzten Kilometer

Es bleiben andere Pfade, Wanderwege eventuell, eine kurze Zugfahrt, wenns gar nicht anders geht. In Davos soll heute eine kleine Platzkundgebung der Juso stattfinden, allerdings ist die nur für 300 Personen bewilligt – im Demozug sind schon am Montag mehr unterwegs. Zudem dürften auf den WEF-Auftakt weitere dazustossen. Das macht die Ausgangslage kompliziert. Eine Teilnehmerin spricht von einem «Gefühl des Unbehagens».

«Wenn die Strassen nach Davos zu sind, sagt das ja auch schon sehr viel aus.»Luca Hubschmied

Für Luca Hubschmied hat der letzte Abschnitt «Symbolcharakter». Wenn die Strassen zu sind, sage das ja auch schon sehr viel aus. Ziel sei es, möglichst viele Leute nach Davos zu bringen. Denn: «Dort gehört der Protest hin.»

Am Montagabend steht die Winterwanderung an der roten Linie. In Socken. Hunderte Schuhpaare sind am Eingang des grossen Veranstaltungszentrums aufgereiht – der Ort soll sauber bleiben. Es gibt Essen aus Kochtöpfen. Im Saal diskutieren namhafte Leute auf einem Podium. Dann: wieder Massenlager.

Erstellt: 21.01.2020, 06:23 Uhr

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