Ohne WEF gehts nicht mehr

Das Weltwirtschaftsforum ist «too big to fail» für Davos. Läden und Hotels nehmen Unsummen ein – und könnten ohne die Veranstaltung nicht mehr überleben.

Je näher das Kongresszentrum, desto höher die Miete. An der Promenade in Davos kaufen sich während des WEF viele internationale Firmen ein – zu exorbitanten Mietpreisen. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

Je näher das Kongresszentrum, desto höher die Miete. An der Promenade in Davos kaufen sich während des WEF viele internationale Firmen ein – zu exorbitanten Mietpreisen. Foto: Arnd Wiegmann (Reuters)

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Die Promenade ist die wichtigste Strasse in Davos. Sie verbindet Davos Dorf mit Davos Platz. Hier befinden sich das Kongresszentrum, viele bekannte Hotels wie der Seehof, das Belvédère oder das Pöstli. An der Promenade sind auch die meisten Läden, die Davos zu bieten hat. Während vier Tagen im Januar pulsiert hier das Leben. In der Nacht machen die Leuchtreklamen die Strasse zum alpinen Piccadilly Circus.

Google, Facebook, amerikanische und Schweizer Banken und indische Softwarekonzerne richten während der WEF-Woche ihre Showrooms an der Promenade ein. Sie investieren grosse Summen, um Sportgeschäfte in Business Lounges und Kleiderboutiquen in Bars zu verwandeln. Je näher beim Kongresszentrum, desto höher die Miete.

Bei den meisten Firmen handelt es sich um Partner des WEF. Doch es gibt auch Trittbrettfahrer, die von der Strahlkraft profitieren wollen und sich einen Laden mieten, um dort Veranstaltungen durchzuführen. Wie etwa der Tabak­konzern Philip Morris, der in Davos Partys veranstaltet und etwa Sheryl Crow einfliegen liess. Ebenfalls nicht abgesprochen mit dem Veranstalter ist die sogenannte Caspian Week Conference, die mehrheitlich von Firmen aus dem Rohstoffhandel finanziert wird. Das treibt die Preise zusätzlich in die Höhe.

400'000 Franken pro Woche

Erich Schmid ist seit über dreissig Jahren Hotelier in Davos. Er betreibt das Hotel Europe, das sich ebenfalls an der Promenade befindet. Bisher konnte er der Versuchung widerstehen, seine Räumlichkeiten an einen Konzern zu vermieten. Doch jedes Jahr werde es schwieriger, die Angebote abzulehnen.

Er schätzt, dass er zwischen 300'000 und 400'000 Franken netto einnehmen könnte, wenn er Bar und Restaurant über die vier WEF-Tage vermieten würde. Er geht davon aus, dass ein Ladenbesitzer pro 100 Quadratmeter Fläche rund 100'000 Franken verdient. «Und zwar netto, nach Abzug aller Kosten für Umbau und Personal.»

Dass die Versuchung gross sei, für eine Woche das Geschäft zu schliessen, bestätigt auch Esther Heldstab, die mit ihrer Schwester seit fünfzehn Jahren den Souvenirladen Swiss Alp Fantasy an der Promenade führt. «Wir könnten eine Jahresmiete einnehmen», sagt sie. Das habe sie bisher immer abgelehnt. Es mache ihr Spass, wenn viele bekannte Leute in ihrem Laden Souvenirs einkaufen würden. John Kerry sei schon gekommen, David Cameron und Nicolas Sarkozy. Diese Woche hätten TV-Crews aus der Mongolei und aus Australien über ihren Laden berichtet, sagt Heldstab.

«Würde das WEF wegfallen, sähe die Promenade ganz anders aus. Es wäre ein Graus.»Erich Schmid, seit über dreissig Jahren Hotelier in Davos

Dass der Souvenirladen für das Gesamterlebnis der WEF-Gäste nicht ganz unwichtig ist, scheint auch WEF-Gründer Klaus Schwab bemerkt zu haben. «Er kam vorbei und hat sich bei uns bedankt, dass wir den Laden nicht aus­gemietet haben», sagt Heldstab. Klar ist aber, dass die Erlöse aus dem Verkauf von Kuhglocken und geschnitztem Braunvieh die möglichen Mietein­nahmen bei weitem nicht aufwiegen. Dass Esther Heldstab mit ihren Souvenirs ein wenig heile Welt ins kühle Davoser WEF-Business bringt, dafür wird sie freilich nicht entschädigt.

Hotelier Schmid sagt: «Wir sind noch eines der ganz wenigen Restaurants, in das jedermann reinkommt, ohne einen Badge oder eine Einladung vorweisen zu müssen.» Er wolle, dass seine Stammgäste auch während des WEF auf einen Apéro vorbeikommen könnten. Andere Gastrobetriebe in Davos haben dem Werben der Konzerne längst nachgegeben. Im traditionsreichen Café Schneider haben sich dieses Jahr De­legationen aus Russland und Indien eingemietet. Auch das beliebte Café Klatsch wird seit einigen Jahren von Konzernen in Beschlag genommen.

Zwangsferien während des WEF

Weil es um sehr viel Geld geht, kann es zu einem Seilziehen zwischen Mieter und Ladenbesitzer kommen. Esther Heldstab sagt, dass sie die Zusatzeinnahmen behalten könnte, falls sie ihren Laden doch mal vermieten würde. Doch nicht alle Immobilienbesitzer in Davos scheinen so grosszügig zu sein. Es ist ein offenes Geheimnis, dass neue Mietverträge oftmals Klauseln beinhalten, die es dem Besitzer ermöglichen, am WEF den Laden an Dritte zu vermieten. Die Ladenmieter müssen dann quasiin die Zwangsferien.

Allerdings muss diese Praxis nicht zum Nachteil des Ladenmieters sein. An der Promenade gibt es Lokale, die wohl leer stünden, wenn ihre Besitzer am WEF auf Zusatzeinnahmen verzichten würden. Ein Immobilienbesitzer erklärt es so: Um teuerungsbereinigt auf die gleichen Mieteinnahmen zu kommen wie vor dreissig Jahren, müsste er für das Lokal 120'000 Franken pro Jahr verlangen. Doch diesen Betrag könne ein traditioneller Laden heute angesichts der Onlinekonkurrenz kaum mehr aufbringen. Weil ihm allein die WEF-Woche 90'000 Franken in die Kasse spült, könne er das Geschäft für den Rest des Jahres für 30'000 Franken vermieten. Für den Besitzer und den Ladenmieter sei das ein Win-win-Geschäft.

Esther Heldstabs Souvenirladen bleibt offen – eine Ausnahme. Foto: Sabina Bobst

Doch was geschieht, wenn das WEF nach fünfzig Jahren genug von Davos hat, wenn es weiterziehen will, etwa ins warm-feuchte Singapur, wie immer wieder mal spekuliert wird? Klar ist, dass die Rechnung dann nicht mehr auf­gehen würde. Viele Läden in Davos müssten wohl schliessen. Auch etlichen Hotels würde die Schliessung drohen, und der Wert der Immobilien würde implodieren.

Von offizieller Seite ist man bemüht, vor allem den Nutzen des WEF für Davos hervorzuheben. Gemeindepräsident Tarzisius Caviezel nennt eine Studie, die den Werbewert der viertägigen Veranstaltung auf 80 bis 85 Millionen Franken beziffert. «Das WEF-Jahrestreffen ist eine der wichtigsten wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Veranstaltungen der Welt.» Bilder von der Tagung würden in die ganze Welt gesendet, sagte er der «Handelszeitung».

Die andere Seite der Medaille ist, dass Davos immer stärker vom WEF ab­hängig wird. Das Weltwirtschaftsforum ist mittlerweile so gross, dass das Gewerbe schlicht nicht mehr auf die Einnahmen verzichten kann. Diese Sicht teilt auch Schmid vom Hotel Europe: «Das WEF subventioniert den Detailhandel in Davos. Würde es wegfallen, sähe die Promenade ganz anders aus. Es wäre ein Graus.»

Erstellt: 23.01.2020, 21:32 Uhr

Immer mehr Trittbrettfahrer

Während des WEF mieten sich rund um das Kongresszentrum immer mehr Organisationen ein, die mit dem Anlass nichts zu tun haben. «Das ist ein grosses Problem für uns», sagte WEF-Geschäftsleitungsmitglied Alois Zwinggi der Agentur Keystone-SDA. Irgendwann werde der Moment kommen, in dem diese ungebe­tenen Gäste das Ökosystem von Davos zum Erliegen brächten. «Dann werden wir vielleicht gezwungen sein, Davos zu verlassen.» Das Problem der verstopften Strassen habe nicht hauptsächlich mit dem WEF zu tun, betonen die Organisatoren immer wieder. Die Teilnehmerzahlen am Forum seien in den vergangenen Jahren konstant geblieben, sagte Zwinggi. «Was gewachsen ist, ist das ganze Parallel­universum um uns herum.» (sda)

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