Wenn Roboter Menschen operieren

In der Medizin ist die Digitalisierung in den letzten Jahren rasant fortgeschritten.

Filigrane Finger: Präsentation eines Operationsroboters vom Typ Da Vinci in Genf (3. Mai 2012). Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Filigrane Finger: Präsentation eines Operationsroboters vom Typ Da Vinci in Genf (3. Mai 2012). Foto: Martial Trezzini (Keystone)

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Der Patient liegt auf dem Operationstisch. Neben ihm steht kein Chirurg, sondern ein Roboter mit mehreren Armen. Der Arzt sitzt in einer Ecke des OP-Saals, blickt auf einen Bildschirm und steuert Roboterarme im Körper des Patienten.

Was wie Science-Fiction klingt, ist längst Realität – auch in Schweizer Spitälern. Operationsroboter vom Typ Da Vinci beispielsweise werden bei Pros­tata- oder Gebärmutteroperationen eingesetzt. Die «Finger» des Roboters sind viel filigraner als diejenigen des Arztes und können deshalb feinere Arbeiten ausführen.

Doch die Entwicklung geht noch viel weiter. «In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird es in unserem Bereich zur weitgehenden Digitalisierung kommen», sagt Hans-Florian Zeilhofer, Chefarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsspital Basel. Jährlich kämen 10 bis 20 Prozent mehr dazu.

In der Gesichtschirurgie beispielsweise werden erkrankte oder zerstörte Gesichtsteile schon seit einigen Jahren mithilfe von Computern und Software operiert. Vor der Operation werden die Daten eines Patienten erfasst, um den Eingriff zu planen. Diese Daten werden im Operationssaal in ein Navigationssystem eingespeist, das dem Chirurgen während der Operation hilft, den richtigen Weg zu finden, quasi wie im Auto. Auf einem Bildschirm wird in Echtzeit angezeigt, wo der Chirurg wie mit Säge und Bohrer hantieren muss.

Die Chirurgie neu erfunden

Und bald wird ein Teil der Arbeit des Chirurgen ganz vom Roboter ausgeführt. Carlo – so heisst die Maschine –steuert selbstständig einen Laser, der die Knochen ohne Hitzeschäden trennt. Carlo steht für Computer Assisted, Robot-guided Laser Osteotome. «Als Erste haben wir am Unispital Basel eine Technologie, die Klinikreife hat», sagt Zeilhofer. Nächstes Jahr soll Carlo zum ersten Mal einen Menschen operieren.

Der Vorteil des Laserroboters ist, dass er eine beliebige Geometrie in den Knochen schneiden kann. «Mit der Säge können wir eine gerade Linie von A nach B schneiden», erklärt Zeilhofer, «mit dem Laser können wir beispielsweise sogenannte Schwalbenschwanz-Verzinkungen machen.» Die Knochenteile können so nach der Operation einfach zusammengesteckt werden und müssen nicht mehr zusammengeschraubt oder mit Draht gebunden werden. «Der Patient profitiert von einer schnelleren Heilung», so Zeilhofer. Zudem sei der Eingriff weniger schmerzhaft und schonender, weil der Laser sanfter arbeite als die Säge, die viel Druck auf die Weichgewebe ausübe.

Im Unterschied zu Da Vinci, der von einem Arzt bedient werden muss, arbeitet Roboter Carlo allein. Die verschiedenen funktionellen Schnitte, die er anwenden kann, sind programmiert. «Damit wird die Chirurgie bis zu einem gewissen Grad neu erfunden», sagt Zeilhofer. Den Chirurgen werde Carlo aber nicht ganz ersetzen. «Er nimmt ihm nur bestimmte Eingriffe ab.»

Der Chirurg müsse während der Operation auf verschiedene Ereignisse reagieren können, die trotz guter Planung unvorhersehbar seien. «Dieses Spannungsfeld von Planung und Improvisation kann keine Maschine abdecken», sagt Zeilhofer. Die Arbeit werde so noch anspruchsvoller. Das müsse auch in der Aus- und Weiterbildung der Ärzte berücksichtigt werden. Zudem macht der Einsatz von Maschinen die Unterstützung durch technisches Personal im Operationsaal nötig. «Das ist ein neues Berufsbild, das hier entsteht.» Die Universität Basel sei darum mit Partnern daran, neue Lehrgänge auszuarbeiten.

Erstellt: 20.07.2015, 09:51 Uhr

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