Welche Länder unter der Steuerflucht in die Schweiz leiden

Eine Auswertung zeigt, dass aus Deutschland, Frankreich oder den USA zwar am meisten Schwarzgeld in die Schweiz geflossen ist. Relativ gesehen ist das Problem aber anderswo viel grösser.

Eine neue Auswertung der Swissleaks-Daten zeigt: Auch wenn vergleichbar wenig Geld aus Entwicklungsländern wie Eritrea auf Schweizer Konten der HSBC-Privatbank lagert, im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung sind die Auswirkungen grösser als etwa den meisten Industrienationen.
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In Grossbritannien sind es 21,7 Milliarden Dollar, in den USA 14,8 Milliarden, in Frankreich 12,5 Milliarden, in Italien 7,5 Milliarden und in Deutschland immerhin noch 4,4 Milliarden. So viel unversteuertes Geld lagerte noch vor einigen Jahren bei einer einzigen Bank in der Schweiz – der Schweizer Privatbankentochter des Grossbankenkonzerns HSBC. Die Zahlen kamen Anfang Jahr im Zuge der sogenannten Swissleaks-Affäre ans Licht, an deren Enthüllung der «Tages-Anzeiger» beteiligt war.

Gemeinsam mit diversen internationalen Zeitungen und Magazinen veröffentlichte der «Tages-Anzeiger» Anfang Februar eine Auswertung der Geschäftstätigkeit der Bank, die auf Daten des ehemaligen HSBC-Informatikers Hervé Falciani basierte. Dieser hatte die Daten 2007 gestohlen und dem französischen Fiskus übergeben. Demnach waren die grossen Industrienationen von der Steuerhinterziehung ihrer Bürger mittels der Schweizer HSBC-Konten besonders betroffen.

Eine neue Auswertung desselben Materials durch zwei Organisationen – Financial Transparency Coalition mit Sitz in den USA und das Hilfswerk Christian Aid aus Grossbritannien – zeigt nun die andere Seite der Geschichte. Sie geht der Frage nach, für welche Länder die finanziellen Auswirkungen der Steuerhinterziehung am grössten sind. Das Resultat: Auch wenn die Industrieländer in absoluten Zahlen am stärksten betroffen sind – gemessen an der Grösse des Landes, respektive seiner Wirtschaftsleistung, sieht die Situation ganz anders aus.

Das zeigt sich etwa am Beispiel der USA: In Anbetracht der US-Wirtschaftsleistung, die 2013 rund 16'768 Milliarden Dollar betrug, fallen 13,4 Milliarden unversteuerter Gelder bei der Privatbank HSBC in Genf kaum ins Gewicht. Konkret macht die Summe nur gerade 0,08 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus. Für ein Land wie Eritrea allerdings, dessen Bruttoinlandprodukt bei 3,44 Milliarden Dollar pro Jahr liegt, wiegen 700 Millionen Dollar unversteuerte Gelder mit einem Anteil von gut 20 Prozent deutlich schwerer. Ähnlich sieht die Situation für eine grosse Zahl anderer Entwicklungsländer aus. Gemessen an der Wirtschaftsleistung machen die unversteuerten HSBC-Gelder für viele von ihnen über 1 Prozent aus.

Zuoberst auf der Rangliste der relativ am stärksten betroffenen Länder tauchen dennoch nicht die Entwicklungsländer auf – sondern die Steueroasen. Die Summe aus den britischen Jungferninseln auf den HSBC-Konten etwa ist mehr als dreimal so hoch wie die Wirtschaftsleistung des Karibikstaats. Auf ein Bruttoinlandprodukt (BIP) von rund einer Milliarde kommen dort 4 Milliarden Dollar auf HSBC-Konten. Von den Cayman Islands ist rund das Doppelte des BIP zur HSBC geflossen. Vermögen mithilfe verzweigter Strukturen und komplizierter Konstrukte über verschiedene Steueroasen zu leiten, ist durchaus üblich.

Die neue Auswertung der beiden NGOs ist sorgfältig getimt und verfolgt vor allem einen Zweck: Sie will die Diskussion um den automatischen Informationsaustausch beeinflussen. Nächste Woche treffen sich die Finanzminister und Notenbanker der G-20-Länder – der zwanzig grössten Industrie- und Schwellenländer. Heute sehen die neuen Regeln zum automatischen Informationsaustausch vor, dass die Gegenseitigkeit als Grundprinzip verankert werden muss: Dass also nur Länder, die selbst Steuerdaten liefern, auch Steuerdaten bekommen können.

Laut den NGOs macht das zwar Sinn, was die Beziehungen der Industrieländer untereinander betrifft. Gerade für Entwicklungsländer dürfte es aber schwierig sein, die erforderlichen Daten zur Verfügung zu stellen. Zumal kaum ein Schweizer sein Geld nach Eritrea bringt. Die NGOs argumentieren daher, die Industrieländer würden die Entwicklungs- und Schwellenländer dazu zwingen, ein Problem zu lösen, das faktisch gar nicht existiert.

Ob die neue Auswertung die Diskussion beeinflussen wird, ist aber fraglich. Entschieden wird voraussichtlich im November am G-20-Gipfel in der Türkei.

(Erstellt: 02.10.2015, 14:41 Uhr)

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