«Es braucht eine Klimasteuer – auch auf Fleisch»

Nur mit neuen Abgaben lasse sich der Klimawandel effektiv bekämpfen, sagt Ökonom Ernst Fehr. Die Einnahmen sollen an die Bevölkerung zurückfliessen.

«Es ist eine völlige Illusion, zu glauben, dass moralische Appelle allein ausreichen»: Ernst Fehr fordert eine Klimasteuer auf Fleisch. Fotos: Keystone

«Es ist eine völlige Illusion, zu glauben, dass moralische Appelle allein ausreichen»: Ernst Fehr fordert eine Klimasteuer auf Fleisch. Fotos: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Fehr, wann reagieren Wirtschaft und Konsumenten konsequent auf den Klimawandel?
Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es ganz klar: Erst wenn sich die Anreize verändern, werden die Akteure ihr Verhalten ändern. Es ist eine völlige Illusion, zu glauben, dass moralische Appelle allein ausreichen.

Es gibt schon eine Reihe von Anreizen wie die CO2-Zertifikate und die Schweizer CO2-Abgabe auf Brennstoffe, die im Parlament gerade revidiert wird.
Das reicht nicht aus. Wir brauchen eine allgemeine Klimasteuer, die alle Produkte proportional zu den verursachten Treibhausgasemissionen besteuert. Die Kosten für die Umwelt müssen eingepreist werden.

Erst das würde etwas ändern?
Ja, das würde einen grossen Fortschritt bringen. Es würde beispielsweise auch die hohe Emissionen verursachende Fleischproduktion verringern, weil Fleisch sich verteuern würde. Mit einer Klimasteuer würde der Markt die Treibhausgasemissionen stark reduzieren.

«Da muss der Staat eingreifen, das ist Lehrbuchwissen»: Ökonom Ernst Fehr

Ernst Fehr (63) gilt als deutschsprachiger Ökonom mit dem grössten Einfluss. Er ist Professor für Mikroökonomik und Direktor des UBS International Center of Economics in Society an der Universität Zürich sowie unter anderem Ehrenmitglied der American Economic Association. Zusammen mit anderen weltweit führenden Ökonomen hatte er schon vor einem Jahr in einem Manifest die Einführung einer Klimasteuer gefordert – nun ist es für ihn Zeit, erneut Druck zu machen. (ish)

Reiche würden aber immer noch so viel Fleisch essen, wie sie wollen.
Die Einnahmen aus der Klimasteuer sollten der Bevölkerung zurückgegeben werden. Und zwar pro Kopf, so findet gleichzeitig eine sozial erwünschte Umverteilung statt. Falls reichere Personen also mehr Fleisch essen, müssten sie dann auch einen grösseren Anteil an der Klimasteuer bezahlen, bekommen aber gleich viel wie andere zurückerstattet. So wird der Einwand der Linken entkräftet, dass eine Klimasteuer unsozial wäre. Aber die Klimasteuer müsste so hoch sein, dass der Konsum schädlicher Produkte zurückgeht.

Die Einführung einer neuen Steuer geht Bürgerlichen aber gegen den Strich.
Deren Kritik kann man eben gerade durch die Rückgabe der Steuer an die Bevölkerung entkräften. Der Staat zieht also nicht mehr Ressourcen an sich. Dadurch wird es leichter einen politischen Konsens zu finden.

Ob Grundnahrungsmittel oder Zementindustrie: Sie würden kein Produkt und keine Branche von der Klimasteuer ausnehmen?
Es sollte keinerlei Ausnahmen geben, wir brauchen hier echte Kostenwahrheit. Es darf höchsten Übergangsfristen mit anfänglich niedrigeren Steuern geben. In Bezug auf die Kostenwahrheit sind sich eigentlich auch alle Volkswirte von links bis rechts einig, was ja ansonsten nicht immer der Fall ist.

Sie glauben, dass der Markt ohne Klimasteuer nicht zu dieser Kostenwahrheit führt, etwa wenn Wasser und Nahrungsmittel wegen des Klimawandels knapp werden?
Dann ist es zu spät. Ausserdem treffen die Folgen des Klimawandels nicht unbedingt diejenigen, die ihn verursachen. Nein, wir brauchen eine Klimasteuer, wir brauchen die Politik. Die Verhinderung der Klimaerwärmung ist geradezu ein Paradefall von legitimer Staatsintervention. Denn individuelle Akteure erzeugen negative externe Effekte. Da muss der Staat eingreifen, das ist Lehrbuchwissen. Darum sind sich ja alle Volkswirte einig. Die Verhinderung der Klimaerwärmung ist ein öffentliches Gut,eines der grössten und wichtigsten für die ganze Menschheit.

Mit Blackrock interveniert inzwischen einer der grössten Fondsverwalter und bringt etwa als Hauptaktionär von Novartis den Pharmakonzern dazu, klimaneutral zu werden. Das Motiv von Blackrock ist Vermögensschutz. Es passiert auch ohne Politik etwas.
Das ist wünschenswert, aber allein nicht ausreichend und wird das Problem nicht lösen. Ausserdem kann Blackrock das machen, weil sie selbst vermutlich keine grossen Kosten dadurch haben.

Auch Vorschriften für Banken könnten ein Hebel sein, um der Kostenwahrheit näher zu kommen. Grossbritannien führt 2021 einen Banken-Klimastresstest ein. Das Pariser Klimaabkommen fordert von Banken schon lange eine Prüfung ihrer Investitionen und Kreditvergabe auf Klimaverträglichkeit. Was halten Sie davon?
Das sind alles sehr indirekte und möglicherweise bürokratische Lösungen zur Verhinderung der Klimaerwärmung, weil steigende Umweltrisiken natürlich auch Vermögensrisiken mit sich bringen. Ich glaube, dass die Politik die Rahmenbedingungen für die gesamte Wirtschaft verändern muss. Wenn wir eine Klimagas-Bepreisung hätten, würden Anleger und Unternehmen von alleine das Richtige machen und wir bräuchten keine zusätzlichen bürokratischen Regeln.

«Auch staatliche Subventionen in der Schweiz müssen genauer auf der Klimaverträglichkeit untersucht werden.»

Wie sieht es mit der Schweizerischen Nationalbank aus, sollte der Bund ihr vorschreiben, nur noch in klimafreundliche Anlagen zu investieren?
Ich glaube, dass man die SNB nicht mit zusätzlichen Zielkonflikten belasten sollte. Die Politik sollte nicht die Zielvorgaben für die SNB ändern, sondern eine wirksame Klimasteuer einführen. Das wäre viel effektiver.

Was meinen Sie zum Green Deal der EU und dem Plan, sämtliche Vorschriften auf ihre Klimaverträglichkeit zu überprüfen?
Ich kenne diesen Plan nicht im Detail, aber Fortschritte zur Bewältigung der Klimaproblematik auf EU-Ebene sind sehr wünschenswert. Auch staatliche Subventionen in der Schweiz müssten genauer aus dieser Perspektive betrachtet werden.

Müssten Bauern mit Vieh dann leer ausgehen? Sie sind ein wesentlicher Verursacher von Klimagasen.
Anstelle der Subventionierung von Milchproduktion sind Direktzahlungen viel sinnvoller. Die haben den Vorteil, dass sie den Bauern helfen, ohne die Milchproduktion zu fördern. Milch müsste natürlich wie alle anderen Produkte auch mit einer Klimasteuer belegt werden.

Ihr Institut sucht eine Klimaökonomin, warum?
Es gibt noch viele wichtige offene Fragen in Bezug auf die Verhinderung und Bewältigung der Klimaerwärmung. Wir sind dabei, private Geldgeber zu suchen, die einen solchen Lehrstuhl finanzieren. In der Schweiz gibt es vielleicht vermögende Privatpersonen oder Stiftungen, denen das ein Anliegen ist.

Erstellt: 14.01.2020, 06:03 Uhr

Artikel zum Thema

Tierquälerei soll transparenter werden

Stopfleber, Froschschenkel, Halal-Fleisch: Ein geheimes Dokument des Bundes offenbart Pläne für eine verschärfte Deklarationspflicht bei Tierprodukten.  Mehr...

«Ich kann doch niemandem vorschreiben, kein Fleisch zu essen»

Interview Die Menschheit stehe trotz Vegi-Trend vor einem Fleischboom, sagt Lebensmittelhändler Christian Jörg. Trotzdem könnten 9 Milliarden Menschen satt werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...