Wer rettet die Migros?

Die Affäre um Damien Piller ist nur das grellste Warnsignal für den kriselnden Zustand des orangen Riesen.

Der Migros-Genossenschafts-Bund legt die Strategie fest: Sitz des MGB in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

Der Migros-Genossenschafts-Bund legt die Strategie fest: Sitz des MGB in Zürich. Foto: Nicola Pitaro

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Bis am Samstag konnten die Genossenschafter der Migros Neuenburg-Freiburg ihre Stimme abgeben, um über die Absetzung des Verwaltungsrats zu entscheiden. Spätestens am Mittwoch wird man wissen, ob zum ersten Mal in der Geschichte der Migros ein Verwaltungsrat seines Amts enthoben wird. Sämtliche Gremien haben dem Präsidenten Damien Piller und seinen drei verbliebenen Mitstreitern wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsführung das Vertrauen entzogen.

Aber der Krach mit Piller ist nicht der einzige Grund dafür, dass eines der erfolgreichsten und beliebtesten Unternehmen des Landes in der schwersten Krise seines 94-jährigen Bestehens steckt.

Die Migros hat seit 2010 die Zahl der Supermärkte und deren Fläche um knapp 12 Prozent erhöht. Trotzdem haben die zehn Regionalgenossenschaften 2,6 Prozent Umsatz verloren. Und dies, obschon die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz seit 2010 um 700'000 Personen zugenommen hat. Die Konkurrenz hat denn auch zugelegt. Vor allem die Discounter Aldi, Lidl und die Migros-Tochter Denner sind stark gewachsen.

Zur Entwicklung im laufenden Jahr macht die Migros keine Angaben. Branchenkenner schätzen jedoch, dass sie im genossenschaftlichen Detailhandel klar unter dem Vorjahr liegt, während die Discounter deutlich gewinnen. Die Migros hat aber nicht nur ein Umsatz-, sondern auch ein Profitabilitätsproblem. Beim Betriebsergebnis gemessen am Umsatz hat Coop die Migros 2017 erstmals überholt.

Preis-Leistungs-Führerschaft an Discounter verloren

In den letzten Jahren haben Migros und Coop auf die Konkurrenz der Discounter durch Sortimentsanpassungen reagiert – mit Billiglinien wie Migros Budget und Prix Garantie auf der einen und teureren Linien wie Bio oder Premium auf der anderen Seite. Doch die Rechnung ging nicht auf.

Die Migros hat die Preis-Leistungs-Führerschaft in vielen Bereichen an die Discounter verloren. In den Tests der Konsumentenorganisationen schneiden sie preislich und auch qualitativ oft besser ab. Bei Früchten und Gemüsen bietet die Migros zwar mehr, aber bezüglich Qualität und Preis liegt sie nicht mehr vorn. Das ist gefährlich für ein Unternehmen, dessen wichtigstes Versprechen seit Gottlieb Duttweiler das beste Preis-Leistungs-Verhältnis ist.

Mit dem Programm «Lieblingsprodukte dauerhaft günstiger» versucht die Migros seit Juni, Gegensteuer zu geben. Über das ganze Supermarkt-Sortiment sollen die Preise der meistverkauften Produkte gesenkt oder die Qualität verbessert werden. Das Ziel: Rückeroberung der verlorenen Preis-Leistungs-Führerschaft. Der Erfolg lässt noch auf sich warten, die Kosten aber schlagen bereits zu Buch.

Noch ist nicht geklärt, was Piller sich genau zuschulden kommen liess. Aber offensichtlich sass er bei Entwicklungsprojekten immer wieder auf beiden Seiten des Verhandlungstisches.

Mitarbeitern fällt auf: Überall sind Berater am Werk, in der Zentrale beim Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) ebenso wie in den Genossenschaften. Die Migros hat sich übernommen und verzettelt. Jetzt will sie die Warenhäuser Globus und das Möbel- und Wohnaccessoires-Geschäft von ­Interio und Depot verkaufen. Sie laufen schlecht. Müsste die Migros unter Buchwert verkaufen, schlüge der Abschreiber auf den Gewinn durch. Der ist letztes Jahr schon auf 475 Millionen eingebrochen, zudem stammte fast die Hälfte von der Migros-Bank. Wenn alles schief läuft, könnte Fabrice Zumbrunnen der erste Migros-Chef sein, der rote Zahlen schreibt.

Die Affäre Piller deckt die Schwächen des Migros-Konstrukts schonungslos auf. Der MGB legt die Strategie fest und erbringt zentrale Dienstleistungen für die zehn Genossenschaften. Aber diese sind Eigentümer des MGB und weitgehend autonom. Ihre Chefs sitzen im Verwaltungsrat und kontrollieren sich indirekt selbst.

In der Migros haben Interessenkonflikte System. Die viel beschworene Genossenschafter-Demokratie existiert nur auf dem Papier. Verwaltungsratspräsidenten und Geschäftsleiter dominieren ihre Genossenschaft in vielen Fällen seit über 20 Jahren – bei Damien Piller sind es 23.

Noch ist nicht geklärt, was Piller sich genau zuschulden kommen liess. Aber offensichtlich sass er bei Entwicklungsprojekten immer wieder auf beiden Seiten des Verhandlungstisches – als Präsident oder Anwalt der Migros, als Immobilienunternehmer oder Vertreter von Geschäftspartnern. Die Interessenkonflikte sind eklatant und hätten ihn längst zum Rücktritt zwingen müssen.

Die Regionalfürsten haben in der Migros freie Hand, weil es kein Gegengewicht gibt. Die Vertretung der Genossenschafter, der Genossenschaftsrat, hat beschränkte Kompetenzen. Er wird nicht nach professionellen Kriterien gewählt, sondern er­neuert sich unter Anleitung der Verwaltung selbst. Echte Wahlen gibt es nicht. So sind die Genossenschaftsräte in der Regel nicht kompetent genug, um den Verwaltungsrat zu kontrollieren.

Es ist fast allen klar, dass es so nicht weitergehen kann

Von «Dutti-Geist» und «Migros-Familie» ist nicht mehr viel zu spüren. Die Regionalfürsten nutzen das Machtvakuum, das mit dem Ausbruch der Piller-Affäre entstand. Die Bereitschaft, im Gesamtinteresse zurückzustecken, nimmt ab. Genossenschaftsleiter kommunizieren mit Managern in der Zentrale schon mal per eingeschriebenem Brief.

Nach Friedrich Dürrenmatt ist eine Geschichte erst zu Ende erzählt, wenn sie die schlimmstmögliche Wendung genommen hat. In der Affäre Piller sind wir noch lange nicht so weit. Verliert er die Abstimmung, wird er die Eintragung neuer Verwaltungsräte durch eine vorsorgliche Handelsregistersperre zu verhindern suchen und das Abstimmungsergebnis anfechten. Die juristische Aufarbeitung der Strafanzeigen gegen ihn werden noch Jahre dauern.

Es ist fast allen klar, dass es so nicht weitergehen kann. Die Krise böte Anlass für eine echte Reform. Aber niemand scheint in der Lage, sie in Angriff zu nehmen. Die neue MGB-Präsidentin Ursula Nold hat den Willen, aber nicht die Machtbasis dazu. Migros-Chef Fabrice Zumbrunnen ist als Piller-Zögling angeschlagen und steckt zu tief in operativen Problemen. Die Präsidenten und Geschäftsleiter der Regionalgenossenschaften könnten, aber sie wollen nicht. Bleiben als letzte Hoffnung die Genossenschafter. Es ist eine schwache Hoffnung.



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Erstellt: 16.11.2019, 21:25 Uhr

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