Wie das Geld ins Netz geht

Banken lösen das Vertrauensproblem bei Geldtransaktionen zwischen Sender und Empfänger. Doch das System ist zentralistisch, teuer und könnte jetzt vom Internet überholt werden.

Illustration:  Patric Sandri

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Nichts ist einfacher, als einen Kaffee zu bezahlen. Es reicht, ein Stück Plastik zu zücken – egal, wo auf der Welt man sich befindet. Man steigt in Budapest aus dem Flugzeug und muss weder wissen, dass man in Ungarn ist, noch, dass hier der Forint und nicht der Euro gilt. Die Karte, bedruckt mit dem Namen des Inhabers, der Bank plus Visa oder Mastercard, funktioniert – praktisch weltweit.

Verlässt man jedoch die reale Welt, stösst das System an seine Grenzen. Natürlich kann man auch im Internet mit Kreditkarte bezahlen. Online wird ein ausländisches Modell aber schon mal abgelehnt, oder es fallen bei der Buchung eines Fluges oder dem Kauf eines Fernsehers plötzlich zusätzliche Gebühren an. Auch der Prozess selbst ist alles andere als praktisch. Im Portemonnaie kramen, Kartennummer, Verfallsdatum und Prüfziffer abtippen – das ist nicht zeitgemäss. Erst recht, wo man in der realen Welt nur noch das Zahlungsterminal mit der drahtlosen Karte antippen muss. Die Alternative – die Zahlungsdetails im Onlineshop zu speichern – ist kaum verlockender in Anbetracht der Fälle gehackter Kundenkonten und gestohlener Kreditkartendaten.

Auch in der realen Welt bekommt der Putz Risse. Denn so einfach der Zahlungsprozess scheint, so komplex ist das System dahinter. Bis der ungarische Ladenbesitzer das Geld für den Kaffee erhält, vergehen zwei bis drei Tage. Und selbst dann bekommt er nur einen Teil der Summe. Von den 1000 Forint (3.40 Franken) für den Latte macchiato mit Caramelsirup versickern 2 bis 3 Prozent – also 20 bis 30 Forint oder 7 bis 10 Rappen – im System. Egal, ob es sich um einen Kauf im In- oder im Ausland handelt. Manchmal verlangen die Kreditkartenfirmen sogar eine Mindestgebühr von 20 bis 30 Rappen pro Transaktion.

Gegen diese Gebühren wehren sich immer mehr Händler. In den USA haben sie Sammelklagen lanciert. In der Schweiz werden die Streitigkeiten eher über die Medien als vor Gericht ausgetragen. Dabei landet der Grossteil der Gebühren gar nicht bei Visa oder Mastercard, sondern wird verteilt auf das halbe Dutzend Stationen, das die Zahlung auf dem Weg zum Empfänger des Betrages durchläuft – von der Bank des Kunden über den Zahlungsverarbeiter, die Clearingstelle zur Kreditkartenfirma und der Bank des Empfängers, um nur die wichtigsten zu nennen. Dass das Kreditkartensystem zu teuer ist, finden mittlerweile sogar die Wettbewerbshüter. In vielen Gegenden, darunter in der EU, den USA oder der Schweiz, mussten die Kreditkartenfirmen ihre Gebühren auf Druck der Behörden anpassen.

«Veraltet und ineffizient»

Und es geht nicht nur um Kreditkarten. Auch bei grenzüberschreitenden Überweisungen und Zahlungen mit Debitkarte sind immer mehrere Parteien involviert, was zu höheren Kosten führt. Der frühere US-Finanzminister Larry Summers ist daher laut «Wall Street Journal» der Meinung, das Finanzsystem sei veraltet und weise «substanzielle Ineffizienzen» auf, die es «reif für einen tiefgreifenden Umbruch» machten.

Dass er mit dieser Meinung nicht alleine dasteht, beweisen die alternativen Zahlungsmittel, die in den letzten Jahren entstanden sind. Dazu gehört etwa Paypal, das Online-Zahlungssystem, das Ebay kürzlich an die Börse gebracht hat. Oder die Alternativen von Amazon und Facebook. Auch Handyzahlungssysteme wie Apple Pay, Google Wallet oder die Schweizer Projekte Twint (Postfinance) oder Paymit (ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Banken und der Schweizer Börsenbetreiberin SIX) gehen in diese Richtung. Das eigentliche Problem lösen diese Konzepte allerdings nicht: Im Hintergrund fliesst das Geld meist über dieselben alten Strukturen. Abhilfe schaffen könnte nur ein System, dass die Art, wie Zahlungen verarbeitet werden, von Grund auf revolutioniert.

Transparenz ersetzt Vertrauen

Ein möglicher Ansatzpunkt für eine solche Revolution kommt aus einer unerwarteten Ecke. Von der Internetwährung Bitcoin, die immer wieder wegen Hackerangriffen, Kursstürzen und illegalen Drogengeschäften von sich reden gemacht hat. Trotzdem glauben mittlerweile auch seriöse Finanzleute wie Summers, dass es ein «ernster Fehler» wäre, digitale Währungen deswegen als «unausgereift oder illegitim» abzutun.

Angetan hat es den Experten der Aspekt an Bitcoin, der am schwierigsten zu verstehen ist: die Art, wie innerhalb des Währungssystems Transaktionen verarbeitet werden und sichergestellt wird, dass keiner mehr ausgibt, als er hat, oder mit dem gleichen Geld doppelt zahlt. Es geht also darum, wie Bitcoin das Vertrauensproblem zwischen unbekannten Akteuren löst, für das wir heute Banken und Kreditkarten brauchen. Bei Bitcoin ersetzt die sogenannte Blockchain Vertrauen mit Transparenz und Kontrolle. Die Blockchain ist nichts anderes als ein riesiges öffentliches Verzeichnis, aus dem hervorgeht, wer gerade wie viel Geld besitzt. Darin sind sämtliche Transaktionen aufgeführt, die je getätigt wurden. Dadurch herrscht komplette Transparenz – mit einer Ausnahme: Nur das Konto, nicht der Eigentümer ist bekannt. Dessen Identität bleibt geschützt.

Das Register ist vergleichbar mit der Kontoführung einer Bank. Allerdings existieren vom Bitcoin-Register Tausende von Kopien im Netz. Deren Echtheit wird laufend abgeglichen – ein Prozess, bei dem sich die am System beteiligten Computer jeweils auf die am weitesten verbreitete Kopie einigen. So schützt sich das System vor Manipulationen. Darum braucht es auch keinen vertrauenswürdigen Dritten – wie eine Bank –, der die Verwaltung übernimmt. Wer eine Bitcoin-Transaktion fälschen wollte, müsste über 50 Prozent der Computer im System kontrollieren, weil die übrigen den falschen Eintrag sonst nicht akzeptieren würden.

Die Blockchain ist also nichts anderes als eine dezentrale Kontoführung ohne Mittelsmann, der die Transaktion verifiziert – eine Methode, von der ein Teil der Experten glaubt, sie könnte das zentralistische Finanzsystem ersetzen. Zumal die Kosten winzig sind. Der «Economist» beschreibt in einem Szenario sogar eine noch viel grössere Revolution: «So, wie E-Mail viel mehr getan hat, als bloss Briefe in gestempelten Umschlägen zu ersetzen, könnte ein Internet der Werte, bei dem Geld so frei fliesst wie heute Daten, eine Plattform sein für eine Vielzahl an Innovationen, wie sie sich heute niemand vorstellen kann.»

Die Beratungsfirma Deloitte veröffentlichte kürzlich eine Studie zur Rolle der Blockchain bei der Weiterentwicklung des Geldes. Darin kommen die Autoren zum Schluss, dass die Möglichkeiten längst nicht bei Transaktionssystemen enden. Demnach könnte das System etwa für den Handel mit Occasionsautos eine wichtige Rolle spielen. In der Blockchain für Gebrauchtwagen wäre dann verzeichnet, wann ein Auto gekauft wurde und was es gekostet hat, an wen es weitergereicht und wie oft es repariert werden musste. Sogar gewisse Verträge könnten laut Deloitte neu gestützt auf eine Blockchain abgeschlossen werden – statt beim Notar.

Banken interessiert an Bitcoin

Zwischen Vorstellung und Realität klafft aber ein weiter Graben: So taugt Bitcoin selbst nicht als Zahlungsmittel, weil der Kurs viel zu volatil ist. Ausserdem ist das System zu wenig leistungsfähig: Es kann nur sieben Transaktionen pro Sekunde verarbeiten, während Visa und Mastercard in der gleichen Zeit mehrere Zehntausend abwickeln.

Was aber wäre, wenn etablierte Finanzinstitute das dezentrale System der Blockchain übernehmen und für ihre Zwecke anpassen könnten; und zwar so, dass die Kunden davon nichts spüren – ausser den tieferen Gebühren? Dass das nicht bloss die Fantasterei einiger Idealisten ist, zeigt die Tatsache, dass sich auch die Finanzindustrie mit dem Thema auseinandersetzt. Die UBS hat unlängst ein Innovationslabor eröffnet, in dem etwa an Anwendungen der Blockchain geforscht wird. Und sogar Visa glaubt, dass die Zukunft in dezentralen Systemen liegt, wie Jim McCarthy, Innovationschef von Visa, laut «Economist» sagt.

Tiffany Wan, eine von zwei Autoren der Deloitte-Studie, hat mittlerweile übrigens den Arbeitgeber gewechselt: Sie soll für die US-Bank J. P. Morgen neue Zahlungsstrategien entwerfen.

Erstellt: 15.08.2015, 08:19 Uhr

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