«Wir haben bis zu 70'000 Kunden wegen der Gebühren verloren»

Postfinance-Chef Hansruedi Köng über unzufriedene Kunden, die Chancen im Hypo-Geschäft und die Warnungen der SNB.

Laut Postfinance-Chef Hansruedi Köng sind die sinkenden Gewinne ein Problem: «Wir haben einen substanziellen Kapitalbedarf, den wir aus eigener Kraft decken müssen. Dafür reichen die Gewinne nicht.»

Laut Postfinance-Chef Hansruedi Köng sind die sinkenden Gewinne ein Problem: «Wir haben einen substanziellen Kapitalbedarf, den wir aus eigener Kraft decken müssen. Dafür reichen die Gewinne nicht.» Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Gewinn von Postfinance schwindet seit Jahren. Wie lief es im 1. Quartal?
Der Gewinn im operativen Geschäft, also ohne einmalige Sondereffekte, ist um 14 Millionen gesunken und liegt bei 82,3 Millionen Franken. Die Gebührenerhöhungen auf Anfang 2019 gleichen einen Teil des rückläufigen Zinsertrags aus, aber eben nur einen Teil. Zudem ist der Personalaufwand gesunken. Unsere Sparmassnahmen greifen.

Wie weit sind Sie mit dem Stellenabbau?
Wir haben im Sommer 2018 angekündigt, dass wir bis Ende 2020 500 Stellen abbauen werden. Derzeit zählen wir 3235 Vollzeitstellen, das sind 164 weniger als im Vorjahreszeitraum. Wir sind also im Plan und mussten bislang nur sehr wenige Kündigungen aussprechen.

Wie viele Kündigungen werden es am Ende sein?
Am Anfang gingen wir davon aus, dass rund ein Drittel des Abbaus über Kündigungen geschieht. Nun sieht es so aus, als wären es deutlich weniger. Noch haben wir aber keine genauen Zahlen, da das Programm noch läuft. Zudem suchen wir weiter neue Leute.

Wie viele Mitarbeiter soll Postfinance haben?
Mittelfristig werden wir zwischen 3000 und 3200 Mitarbeitende haben.

Wo bauen Sie auf?
Im Digitalisierungsgeschäft wachsen wir. Da brauchen wir neue Leute, die sich mit agilen Entwicklungsmethoden auskennen. Und auch im Anlagebereich bauen wir Personal auf.

Neben Sparen wollen Sie neue Einnahmequellen erschliessen. Wie ist der Fahrplan für den Einstieg ins Hypothekengeschäft?
Der Bundesrat hat eine Projektgruppe eingesetzt. Diese arbeitet an einer Vernehmlassungsvorlage. Zusätzlich gibt es noch eine «Gesamtschau Post». Die Vernehmlassungsvorlage zur Aufhebung des Kreditverbots von Postfinance soll bis Ende Jahr vorliegen.

Der Widerstand ist gross, wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass das Geschäft durchkommt?
Es wird eine grosse Herausforderung. Es gibt aber wichtige Gründe dafür. Ohne Einstieg in das Kreditgeschäft sind die Finanzierung des Grundversorgungsauftrags sowie der Aufbau des Notfallkapitals gefährdet. Postfinance ist eine systemrelevante Bank, und wir brauchen zusätzliches Kapital. Hoffentlich wird das Argumentarium überzeugen. Aber eine absolute Sicherheit gibt es nicht.

Wenn Sie Hypotheken vergeben wollen, brauchen Sie aber noch mehr Eigenkapital?
Mittelfristig ist das so. Daher wäre es die eleganteste Lösung, wenn man bei einer Teilprivatisierung auch gleich eine Kapitalerhöhung durchführt. Ein Weg wäre, dass die Post einen Teil des Verkaufserlöses der Postfinance-Aktien als frisches Eigenkapital wieder einzahlt.

Ist nicht Ihr bestes Argument, dass ohne Kreditvergabe bei Postfinance die Gewinne immer tiefer sinken?
Es wird oft gesagt, wir erzielen noch immer satte Gewinne. Doch Fakt ist, dass wir einen substanziellen Kapitalbedarf haben, den wir aus eigener Kraft decken müssen. Dafür reichen die Gewinne nicht. Und der Bundesrat hat gesagt, dass kein Geld vom Bund zur Postfinance fliessen darf.

Wie attraktiv ist das Hypogeschäft überhaupt? Martin Scholl, Chef der Zürcher Kantonalbank, glaubt nicht, dass Sie da rasch auf einen grünen Zweig kommen.
Das würde ich in seiner Situation auch sagen (lacht). Ja, der Einstieg würde eine gewisse Zeit brauchen. Doch das Geschäft kann man aufbauen. Wenn man uns gar nicht in den Markt lässt, dann haben wir auch keine Chance, ein nachhaltiges Kreditgeschäft aufzubauen. Ein weiterer Gewinnrückgang und ein verschärftes Eigenkapitalproblem werden das Resultat sein.

Die SNB warnt aber jetzt schon vor einer Überhitzung im Hypomarkt?
Vielleicht korrigiert der Markt, bevor wir einsteigen. Dann würde unser Eintritt zu einem guten Zeitpunkt erfolgen.

Werden sie auch Konsum- und Unternehmenskredite anbieten?
Wenn das Kreditverbot fällt, könnten wir auch in diesem Bereich tätig sein, insbesondere bei der Finanzierung von KMU. Konsumkredite sind margenstark, aber der Markt ist im Vergleich zum übrigen Kreditgeschäft sehr klein.

Um Ihre Einnahmebasis zu verbessern, hat Postfinance im Herbst die Gebühren erhöht. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Seit Oktober haben wir netto 85'000 Kundenbeziehungen verloren. Das sind in etwa 3 Prozent aller Kundenbeziehungen. 135'000 Beziehungen wurden aufgelöst, 50'000 haben wir dazugewonnen. Kunden verlassen uns aber nicht nur wegen der Gebühren. Sie legen auch ihre Beziehungen mit Postfinance zusammen, lösen inaktive Beziehungen auf oder sterben. Über den Daumen gepeilt haben wir 60'000 bis 70'000 Kundenbeziehungen wegen der Gebühren verloren.

Planen Sie weitere Gebührenerhöhungen? Zum Beispiel für Bargeldabhebungen am Schalter wie bei UBS?
Ich kann punktuelle Anpassungen auf einzelnen, nicht kostendeckenden Dienstleistungen nicht ausschliessen. Aber neue, breit angelegte Gebührenerhöhungen planen wir nicht. Und dass Postfinance für Bargeldabhebungen am Schalter Gebühren verlangt, wäre sehr schwierig zu vermitteln.

Was hat denn die Gebührenrunde unter dem Strich an Einnahmen gebracht?
Das werden wir im Halbjahresabschluss ausweisen. Sie hatten einmal 50 Millionen Franken pro Jahr geschätzt. Stand heute scheint mir Ihre Schätzung gar nicht so schlecht zu sein. Im Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft konnten wir im 1. Quartal eine Ergebnisverbesserung von 12,2 Millionen Franken erzielen. Hauptgrund für die Zunahme waren die Gebührenerhöhungen.

Für Aufregung in den sozialen Medien sorgt immer wieder der kostenpflichtige Versand von Kontoauszügen, den Kunden nicht bestellt hätten. Ist das ein Problem?
Nein, monatliche Papierauszüge bekommen nur jene Kunden, die sie auch wollen. Und das kostet seit Anfang Jahr einen Franken pro Monat. Kunden, die diese Auszüge nicht wollen, können jederzeit auf den kostenlosen jährlichen Kontoauszug oder E-Finance umsteigen.

Um Ihre Einnahmebasis zu verbreitern, wollen Sie auch das Anlagegeschäft ausbauen. Dazu war ein Roboadvisor geplant, also eine automatisierte Anlageberatung?
Ja, der kommt auch, und zwar im ersten Halbjahr 2020. Der Ausbau des Anlagegeschäfts ist ein Grossprojekt. Dazu lancieren wir eine neue Benutzeroberfläche. Die wird mehrere Angebote umfassen, angefangen vom einfachen Ausführen von Kauf- und Verkaufaufträgen, execution only genannt, bis hin zu einem elektronisch erteilten Vermögensverwaltungsauftrag, also ein «Roboadvisor». Ich freue mich sehr auf dieses neue Angebot.

Wie sieht das dann konkret aus?
Der Kunde kann online ein Wertschriftendepot eröffnen, seine Risikoaffinität einstellen, und dann macht ihm das System einen Vorschlag für ein Portfolio. Der basiert auf ETFs und sonstigen Indexfonds. Und das System wacht dann über das Portfolio.

Funktioniert das nur bei Einmalanlagen, oder kann ich auch Sparpläne machen mit monatlichen Einzahlungen?
Unsere Kunden können laufend und nach Belieben Geld in die elektronische Vermögensverwaltung einzahlen. Investiert wird das Geld aber erst dann, wenn ein bestimmter Mindestbetrag erreicht wird. Ein Portfolio besteht aus rund 20 einzelnen Fonds, und von jedem Fonds muss mindestens ein Anteil gekauft werden.

Gibt es auch persönliche Beratung?
Kunden, die nicht in die elektronische Vermögensverwaltung einsteigen möchten, bieten wir selbstverständlich auch persönliche Anlageberatungen an. Wir werden aber keine Private Banker einstellen.

Und wie viel Gelder, denken Sie, kann Postfinance so für das Anlagegeschäft gewinnen?
Eine Prognose hierzu ist schwer. Wir haben aber durchaus grosse Ambitionen in dem Feld. Derzeit haben unsere Kunden rund 11 Milliarden Franken in Direktanlagen, Fonds oder Lebensversicherungen investiert. 108 Milliarden Franken sind reine Kontogelder. Das Potenzial ist also gross.

Die Konkurrenz wird auch im Kerngeschäft härter, immer mehr Mobile-only-Banken wie Revolut kommen auch in die Schweiz. Werden Sie abgehängt?
Wir nehmen diese neuen Anbieter sehr ernst. Sie haben es zum Teil einfacher, weil sie eine neue Banklösung auf der grünen Wiese entwerfen können mit eingeschränktem Produktangebot. Wir sind dagegen viel breiter aufgestellt. Wenn unser Angebot so einfach wie bei den neuen Playern und gleichzeitig sicherer ist und mehr bietet, dann haben unsere Kunden keinen Grund, zu Revolut zu gehen.

Etablierte Player wie die BKB-Tochter Cler starten eigene Apps wie ZAK, um gegen Revolut & Co anzutreten. Planen Sie auch eine Art Zweitmarke?
Wir überlegen uns laufend, wie wir unsere Mobile-App noch besser machen können. Kurzfristig wollen wir sie mit neuen Funktionen aufwerten, zum Beispiel, dass Kunden sich mit Fingerprint oder Gesichtserkennung ins E-Finance einloggen oder direkt in der App ihre Karten sperren können. Und in den nächsten 18 Monaten werden wir noch weitere spannende Neuerungen bringen.

Erstellt: 28.05.2019, 11:49 Uhr

Artikel zum Thema

Neue Postfinance-Gebühren treiben die Kunden zur Konkurrenz

Migros Bank und Valiant verzeichnen deutlich mehr Kontoeröffnungen. Die Postfinance soll dreistellige Millionenbeträge verloren haben. Mehr...

Vergleichen Sie Ihre Kontogebühren

Infografik Ist Postfinance bald teurer als andere Anbieter? Der grosse Vergleich von Privatkonten und Bankpaketen. Mehr...

Postfinance erhöht Gebühren – so viele Kunden sind betroffen

So viel mehr kosten Kontoführung, Auszüge und Auskünfte für die Kunden der Postbank künftig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...