UBS prüft Einstieg ins Versicherungsgeschäft

Die Bank tritt bei den Immobilien auf die Bremse. Sie habe massiv Risiken abgebaut, sagt Schweiz-Chef Axel Lehmann im Interview.

«Je länger die Tiefzinsphase anhält, desto grösser wird die Gefahr»: UBS-Schweiz-Chef Lehmann. Foto: Urs Jaudas

«Je länger die Tiefzinsphase anhält, desto grösser wird die Gefahr»: UBS-Schweiz-Chef Lehmann. Foto: Urs Jaudas

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Beim Versicherer Zurich machte Axel Lehmann Karriere. Aber der Sprung an die Konzernspitze gelang ihm nicht. 2016 wechselte der 59-Jährige als operativer Chef zur UBS. Seit Beginn des Jahres ist er verantwortlich für das Schweizer Geschäft und gilt als einer der möglichen Nachfolger für UBS-Chef Sergio Ermotti. Er hat in St. Gallen studiert und lebt in einer Gemeinde am Zürichsee.

Der Schweizer Bankenmarkt ist umkämpft. Wie kann die UBS noch zulegen?
Im Schweizer Markt kann man keine grossen Sprünge machen und plötzlich zweistellig wachsen. Unser Schweizer Geschäft ist aber seit Jahren sehr profitabel und stabil. Rund ein Drittel des Gruppenergebnisses kommt aus der Schweiz.

Die Credit Suisse hat den Gewinn in der Schweiz deutlich gesteigert. Können Sie sich da etwas abschauen?
Wir haben uns früh neu aufgestellt, daher stehen massive Kostenprogramme bei uns nicht im Vordergrund. Wir sind die mit Abstand grösste Schweizer Bank. Diesen Vorsprung wollen wir ausbauen.

Lassen sich in der Schweiz noch Neukunden gewinnen?
Definitiv. Im Privatkundengeschäft haben wir im letzten Jahr 42'000 Neukunden netto gewonnen – das entspricht einer Stadt wie Freiburg, Schaffhausen oder Thun. Darunter sind viele junge Kunden und Expats.

Viele Banken wollen diversifizieren. Raiffeisen soll etwa Handy-Verträge vermitteln. Steigen Sie da auch ein?
Nein, wir werden weder Joghurt, Gemüse noch Handys verkaufen. Banken, die nur vom Zinsdifferenzgeschäft leben, sind hier viel stärker unter Druck. Wir erzielen einen grossen Teil unserer Einnahmen über Beratungen und Dienstleistungen. Nur rund die Hälfte ist abhängig von den Zinsen.

Im Ausland bieten viele Banken eine Absicherung von Hypotheken an. Bald auch Sie?
Ich kenne das Geschäft gut und würde nicht ausschliessen, dass das ein interessantes Produkt sein könnte.

Als Grossbank sind wir vorsichtig, andere Institute gehen höhere
Risiken ein.
Axel Lehmann, Schweiz-Chef der UBS

Sie prüfen das?
Ja, meiner Ansicht nach macht die Absicherung des Eigenheims zum Beispiel mit einer Lebensversicherung zugunsten der Familie Sinn.

Sie wollen ins Versicherungs­geschäft, die Versicherer drängen wegen der tiefen Zinsen in den Hypo-Markt. Ist das nicht riskant?
Beim Hypothekengeschäft gelten für Pensionskassen und Versicherer weniger strenge Regeln als für Banken. Sie müssen weniger Kapital für die Absicherung halten. Besonders der Markt mit Renditeliegenschaften bereitet uns Sorgen, das sehen wir ähnlich wie die Nationalbank.

Reagieren Sie?
Wir haben in den vergangenen Jahren rund 25 Prozent unseres Kreditvolumens für Renditeliegenschaften, also vor allem für Mehrfamilienhäuser, reduziert. Das fiel uns nicht leicht. Aber wir konnten bestimmte Hypotheken nicht verlängern, weil wir Überhitzungstendenzen gesehen haben. Das Volumen ist ohne Probleme im Markt aufgenommen worden.

Wo ist das Portfolio hin?
Zu institutionellen Anlegern wie Pensionskassen und Versicherungen, aber auch zu Kantonalbanken und Genossenschaftsbanken. Unser Portfolio ist gesund, und wir werden bei qualitativ hochwertigen Objekten und interessanten Geschäftsbeziehungen wieder wachsen.

Der Wettbewerb wird noch härter. Postfinance steht vor dem Markteintritt.
Konkurrenz belebt das Geschäft. Ich habe kein Problem damit, solange Postfinance zumindest teilprivatisiert wird. Es braucht keinen weiteren staatlichen Anbieter im Hypothekenmarkt.

Viele Experten glauben, dass die Gefahr eines plötzlichen Zinsanstiegs klein ist.
Es war richtig, dass die Nationalbank 2015 die Frankenbindung aufgegeben und das Zinsumfeld angepasst hat. Doch je länger die Tiefzinsphase anhält, desto grösser wird die Gefahr. Was nur wenige wissen: Die Schweiz hat zwar eine geringe Staatsverschuldung, aber die Pro-Kopf-Verschuldung gehört weltweit zu den höchsten. Das liegt vor allem an den Hypothekarkrediten, die mittlerweile rund 140 Prozent des Schweizerischen Bruttosozialprodukts ausmachen. Was ist, wenn die Zinsen abrupt steigen? Dann kann es ernsthafte Probleme geben.

Müssen Nationalbank und Finanzmarktaufsicht einschreiten?
In der Finanzkrise wurden einzelne Institute öffentlich kritisiert, und die Grossbanken werden sehr genau überwacht. Die Risiken liegen heute aber nicht mehr bei uns. Man darf auch jetzt nicht wegschauen und sollte einzelne Marktteilnehmer genau überprüfen.

Wer muss denn handeln?
Die Nationalbank und die Finma fordern von der gesamten Finanzindustrie zusätzliche Selbstregulierungsmassnahmen. Ich bin der Meinung, man darf nicht alle Banken über einen Kamm scheren. Als Grossbank sind wir vorsichtig, andere Institute gehen höhere Risiken ein. Es sollte also Massnahmen für Einzelinstitute geben. Eine Sippenhaft wäre falsch.

Braucht es mehr Überwachung der Banken?
Nein. Die Geschäftsleitungen und der Verwaltungsrat sollten wissen, welche Risiken tragbar sind.

Raiffeisen ist im Hypothekenmarkt stark gewachsen, aber die Bank ist derzeit mit sich selbst beschäftigt. Ist das eine Gefahr?
Seit kurzem steht die neue Führung. Ich bin sicher, dass sie die Zügel schnell in die Hand nimmt.

Der Bundesrat soll für die Schweizer Einheiten der Grossbanken erhöhte Kapitalvorschriften planen. So geht nicht zu viel Gruppenkapital zu den Einheiten im Ausland.
Über zukünftige Regulierungen spekulieren wir nicht. Fest steht: UBS hat immer wieder gezeigt, dass wir stark kapitalisiert sind und regulatorische Vorgaben früher als gefordert erfüllen. Unser Geschäftsmodell ist weniger riskant und viel diversifizierter als das der meisten anderen Banken in der Schweiz.

Das heisst?
Wir gehen davon aus, dass die UBS-Gruppe Ende nächsten Jahres, wenn die aktuelle «Too big to fail»-Regulierung voll wirksam wird, mehr als drei Viertel der für den Notfall relevanten verlustabsorbierenden Mittel in der Schweiz halten wird. Wichtig ist für den gesamten Standort, dass die Schweizer Anforderungen nicht so weit über das internationale Mass hinausgehen, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes beeinträchtigt wird.

Die Weko wirft mehreren Banken vor, Apple Pay ausgeschlossen und die Bezahl-App Twint bevorzugt zu haben – auch der UBS.
Zu einer laufenden Untersuchung kann ich nichts sagen. Nur so viel: Es ist bekannt, dass wir an einer Zusammenarbeit mit Apple interessiert waren. Das hat aber nicht geklappt.

Die Bezahl-App Twint hat 
die Milliarden­schwelle 
überschritten.
Axel Lehmann, Schweiz-Chef der UBS

Die Anzahl der regelmässigen Twint-Nutzer ist noch klein.
Mehr als eine Million Menschen in der Schweiz haben Twint schon auf ihrem Handy. Das Transaktionsvolumen hat sich seit Anfang des Jahres mehr als verdoppelt. Durch neue Anwendungsmöglichkeiten wie an Parkuhren steigt zudem die Nutzung. Wenn wir den heutigen Umsatz auf ein volles Jahr hochrechnen, hat Twint die Milliardenschwelle überschritten – das sind, finde ich, beeindruckende Zahlen.

Gleichzeitig verliert die Filiale an Bedeutung. Sogar Bancomaten werden weniger gebraucht.
Jedes Jahr verzeichnen wir weniger Bargeldbezüge an den Bancomaten, und immer mehr Kunden nutzen unsere digitalen Lösungen für ihre Bankgeschäfte. Ich bin aber fest überzeugt: Wir werden immer Filialen haben, nur werden sie künftig anders aussehen. Derzeit testen wir neue Filialmodelle. Dort kann man zwar auch weiterhin Bankgeschäfte abwickeln, aber eigentlich sind es Beratungszentren. In ihnen können sich die Kunden von Spezialisten beraten oder bei der Einrichtung unserer Apps helfen lassen.

Sind digitale Anlageprodukte gefragt?
Die Kunden wollen beim Anlegen neben starken Produkten vor allem professionelle Beratung. Wir haben daher stark in die Ausbildung unserer Mitarbeiter investiert. Aber auch die Bedeutung der digitalen Kanäle steigt. Dieses Jahr hatten wir zum ersten Mal mehr Transaktionen im Mobile Banking auf dem Smartphone als im E-Banking am Rechner. Heute wird nur noch 1 Prozent aller Einzahlungsscheine per Couvert an uns geschickt, um eine Rechnung zu bezahlen.

UBS-Chef Sergio Ermotti soll noch vier Jahre an der Spitze bleiben. Und doch wird bereits über seine Nachfolge spekuliert. Wie sieht Ihr Karriereplan aus?
Ich bin seit fast einem Jahr Schweiz-Chef. Die Arbeit gefällt mir sehr gut, und ich werde sie noch viele Jahre machen wollen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 25.11.2018, 19:47 Uhr

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