Wird das Leben wirklich immer teurer?

Miete, Krankenkasse, ÖV – man könnte das Gefühl haben, alles kostet immer mehr. Wir zeigen, warum das nicht ganz stimmt.

Da braucht es grosse Noten: Der öffentliche Verkehr ist in den letzten zehn Jahren rund 20 Prozent teurer geworden.

Da braucht es grosse Noten: Der öffentliche Verkehr ist in den letzten zehn Jahren rund 20 Prozent teurer geworden. Bild: Keystone

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Schlagzeilen über steigende Mieten sind alltäglich, und seit 2008 sind die Krankenkassenprämien um beinahe 50 Prozent gestiegen. Dennoch vermeldet das Bundesamt für Statistik (BFS) seit der Finanzkrise vor zehn Jahren immer das Gleiche: Die Preise in der Schweiz stagnieren oder sinken sogar minimal. Wie kann das sein?

Dazu muss man verstehen, wie der Bund das Preisniveau definiert: Es wird ein Warenkorb definiert, welcher den gesamten Konsum eines «Durchschnittshaushalts» abbilden soll. Er umfasst circa 250 Produkte und Dienstleistungen des alltäglichen Lebens. Jedes Jahr werden die Preise dieser Waren neu erfasst. Die Veränderungen der Preise in diesem Warenkorb über die Jahre sollen dann die Preisentwicklung widerspiegeln.

Doch kein Haushalt konsumiert genau diesen Standardwarenkorb. Je nach individuellem Konsum kann es grosse Unterschiede geben. Beispielsweise zeigt die Preisentwicklung, dass Mobilität in den letzten zehn Jahren leicht günstiger (minus 7 Prozent) geworden ist. Ein Haushalt, der sich ausschliesslich mit dem ÖV fortbewegt, wird jedoch einen Preisanstieg von satten 20 Prozent in den letzten zehn Jahren bemerkt haben, während im gleichen Zeitraum der individualisierte Privatverkehr gut 12 Prozent günstiger wurde. Das Bundesamt für Statistik stellt dazu ein Onlinetool zur Verfügung, mit dem sich die Teuerung für einen selbst zusammengestellten Warenkorb berechnen lässt.

Die Preisentwicklung zeigt auch eine Halbierung der Preise für Mobiltelefone. Wie kann das sein, ist doch das aktuelle iPhone das teuerste, das je auf den Markt kam? Hier muss der Qualitätseffekt berücksichtigt werden: Wenn man ein Gerät von heute mit einem durchschnittlichen Gerät vor zehn Jahren vergleicht, sieht man, dass die heutigen Geräte sehr viel leistungsfähiger beziehungsweise qualitativ hochwertiger sind. Man bekommt also mehr zum gleichen Preis. Würde man sich heute beim Kauf auf den technischen Stand von vor zehn Jahren beschränken, könnte man tatsächlich von der Preisreduktion profitieren. Eine ähnliche Entwicklung sieht man bei allen technischen Geräten, welche sich konstant weiterentwickeln, zum Beispiel TV-Geräten (Smart-TV, 4K-Auflösung) oder Autos (zusätzliche technische Ausstattung wie Airbag oder Klimaanlage zum gleichen Preis).

Obwohl das Preisniveau seit gut zehn Jahren praktisch konstant geblieben ist (zumindest für den hypothetischen Haushalt mit dem BFS-Warenkorb), können sich die Leute seither mehr leisten, da das Lohnniveau in der gleichen Zeit stetig zugenommen hat.

Die Zusammensetzung des Warenkorbs wird jedes Jahr überprüft und bei Bedarf überarbeitet, um das aktuelle Konsumverhalten der Haushalte abzubilden. Dass dies nötig ist, offenbart ein Blick in die Geschichte des Warenkorbs: So war 1966 die Schuhreparatur (aufgeteilt in Absatz, Sohle und Spitze) noch ein eigener, nicht vernachlässigbarer Bestandteil des Warenkorbs. Bleistifte wurden ebenfalls extra aufgeführt und machten einen Anteil von 1,5 Promille des Jahresbudgets aus. Was hingegen komplett gefehlt hat, waren zum Beispiel Ausgaben für die Weiterbildung.

Die Gewichtungen der einzelnen Haushaltsposten haben sich ebenfalls stark geändert. Wurden 1966 noch gut 30 Prozent des Budgets für Nahrungsmittel aufgewendet, sind es 2018 nur noch 10 Prozent. 20 Prozent des Budgets können also für andere Ausgaben aufgewendet werden. Der Anteil für Wohnen und Energie ist mit circa 30 Prozent relativ konstant und ist heute wie damals der grösste Posten im Haushaltsbudget. Am stärksten zugenommen hat die Gesundheitspflege.

Die für die meisten Haushaltsbudgets sehr wichtige Krankenkassenprämie ist erstaunlicherweise kein Bestandteil dieses Warenkorbs. Stattdessen werden die verschiedenen Dienstleistungen und Produkte des Gesundheitswesens aufgeführt, welche die Preisentwicklung treiben. Die Überlegung dahinter ist, dass die Prämien für die Versicherung im Krankheitsfall wieder an die Haushalte zurückfliessen. Auch hier gilt wieder: Die einzelnen Produkte und Leistungen in der Gesundheitspflege sind günstiger geworden, aber es werden mehr davon in Anspruch genommen. Die Gründe dafür sind komplex, aber insbesondere die Alterung der Gesellschaft und die wachsenden Ansprüche an das medizinische System spielen eine wichtige Rolle. Dies spiegelt sich letztlich in den erhöhten Prämien wider.

Das Bundesamt für Statistik hat also durchaus recht, wenn es sagt, dass die Preise in den letzten zehn Jahren stabil geblieben seien. Gleichzeitig sind die Löhne gestiegen. Wenn man sich aber stetig dem gestiegenen Lebensstandard anpasst, merkt man davon unter Umständen wenig. Insbesondere die Krankenkassenprämien fallen ins Gewicht. Bei Wenigverdienern machen sie mittlerweile im Schnitt fast jeden sechsten Franken des Einkommens aus. Und ÖV-Nutzer werden jedes Jahr stärker zur Kasse gebeten. Zudem: Diese Woche wurde bekannt gegeben, dass die Preise im Jahr 2018 um 0,9 Prozent angestiegen sind, so stark wie seit zehn Jahren nicht mehr. Vielleicht ist es also vorbei mit den stagnierenden Preisen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.01.2019, 09:37 Uhr

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