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Wo es bei der Migros hapert

Migros-Präsidentin Ursula Nold ist mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Nun stellt sie die Kompetenzen der Genossenschaften infrage.

«Es ist sonnenklar, dass wir diese Governance überarbeiten müssen», sagt Migros-Präsidentin Ursula Nold zum Fall Piller. Foto: Keystone/Melanie Duchene (23.3.19)
«Es ist sonnenklar, dass wir diese Governance überarbeiten müssen», sagt Migros-Präsidentin Ursula Nold zum Fall Piller. Foto: Keystone/Melanie Duchene (23.3.19)

Eine Strafanzeige gegen den Präsidenten einer Genossenschaft, eine verlorene Urabstimmung in der Migros Neuenburg-Freiburg und sinkende Marktanteile bei den Supermärkten: Migros-Präsidentin Ursula Nold legt einen holprigen Start hin.

Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit ihrem Antritt im Sommer versuchte sie heute Donnerstag dennoch Optimismus zu versprühen. Doch die Probleme des Grossverteilers sind zahlreich und werden immer offensichtlicher:

Der Fall Piller

In der Westschweiz sind Nold und der von ihr geführte Migros-Genossenschafts-Bund (MGB) seit Monaten in einem erbitterten Konflikt mit der Genossenschaft Neuenburg-Freiburg. Deren Präsident Damien Piller habe bei Bauprojekten für zwei Migros-Filialen Zahlungen von 1,6 Millionen Franken zugunsten eigener Firmen erwirkt, für die es keine Gegenleistung gegeben habe, so der Verdacht des MGB. Der MGB reichte Strafanzeige gegen Piller ein. Dieser bestreitet die Vorwürfe.

Der Fall zeigt, wie nachteilig sich die Strukturen der Migros-Gruppe im Fall eines schweren Konflikts auswirken. Die Zentrale in Zürich hat schlicht keine Möglichkeiten, des Problems Piller Herr zu werden – mittels Sanktionen etwa.

Ursula Nold will das ändern: «Es ist sonnenklar, dass wir diese Governance überarbeiten müssen», sagt sie. Der MGB habe zwar ein Kontrollrecht gegenüber den regionalen Genossenschaften. «Wir haben aber eine Lücke, wenn es darum geht, was passiert, wenn jemand die Spielregeln nicht einhält.»

Damit das in Zukunft nicht mehr passieren kann, müssen die zehn Genossenschaften neuen Regeln zustimmen. Nold zeigt sich zuversichtlich, Anpassungen durchzusetzen: «Ich erfahre bei Gesprächen viel Offenheit. Die Leute wissen, dass sich ein solcher Fall nicht wiederholen darf.»

Konkrete Vorschläge, wie die Governance der Migros verbessert werden soll, machte die neue Präsidentin indes nicht. Die Beschränkung der Autonomie der Genossenschaften sei eine Möglichkeit, die geprüft werde. Schon ihr Vorgänger Andrea Broggini wollte die Regeln guter Unternehmensführung zeitgemäss gestalten. Er scheiterte aber beim Versuch, einschneidende Veränderungen durchzusetzen.

Der Fall Piller ist auch eine persönliche Niederlage für Ursula Nold. Sie kennt den eigenwilligen Genossenschaftschef seit langem, präsentierte sich bei ihrer Wahl im Juni als integrative Figur für die Migros. Doch es gelang der ausgebildeten Lehrerin nicht, die verfahrene Situation in Neuenburg-Freiburg zu lösen. Eine richtiggehende Klatsche war schliesslich das Resultat der Urabstimmung zur Amtsenthebung von Piller vor wenigen Wochen. Die Mehrheit der Genossenschafter aus Freiburg und Neuenburg stellte sich hinter ihren Präsidenten und damit gegen den MGB. Allerdings ermittelt die Staatsanwaltschaft des Kantons Neuenburg wegen Verdachts auf Wahlfälschung.

Schlechte Zahlen im Kerngeschäft

Gute Qualität zu fairen Preisen: Mit einem solchen Sortiment wurde die Migros gross. Doch seit ein paar Jahren finden offenbar viele Kunden bei den Discountern ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis. Der orange Riese verliert Marktanteile, die Gewinne schrumpfen. Der Grossverteiler will mit einer breit angelegten Preissenkungsrunde Kunden zurückgewinnen. Doch noch trägt die Strategie keine richtigen Früchte, und sie ist riskant.

Kommen durch die Preisoffensive nicht deutlich mehr Kunden in die Läden, sinkt der Gewinn. Verzeichnet die Migros schon steigende Kundenfrequenzen? «Das dauert jetzt noch ein bisschen, wir brauchen Geduld», sagt Ursula Nold. Erst einmal werde die Migros durch günstigere Preise Marktanteile verlieren.

Schon vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft zieht Nold Bilanz: «Ich gehe davon aus, dass 2019 nicht als erfolgreiches Jahr in die Annalen der Migros eingehen wird.» In einem börsennotierten Unternehmen würde man das als Gewinnwarnung interpretieren. Wie aus dem Unternehmen verlautet, liefern vor allem die kleinen Genossenschaften schwache Zahlen. Aber auch bei den Grösseren läuft es nicht rund. An den regionalen Strukturen der Migros mit zehn Genossenschaften will Nold derweil nicht rütteln. Diese Organisation bringe Nähe zum Kunden.

Die verzettelte Logistik

Der grosse Hebel, um die Kosten zu senken, liegt bei der Logistik. Denn neben zentralen Verteilzentren betreibt jede Genossenschaft eigene Logistikplattformen für Frischeprodukte. Es sieht nicht danach aus, dass sich das bald ändert. Die Genossenschaften wehren sich gegen die Zusammenlegung des Vertriebs, die Teil des Sparprojekts «Puma» wäre. Die grösste Genossenschaft Aare baut ihre eigene Logistik aus, ohne die Pläne der Zentrale zu berücksichtigen. Die Migros Zürich will ihre Logistikdienstleistungen weiterhin unabhängig von anderen Genossenschaften erbringen. Dennoch sagt Ursula Nold. «Wir arbeiten mit Hochdruck an diesem Thema.»

Das Scheitern mit Globus und Interio

Es sind starke Marken: Globus und Interio. Doch die Besitzerin Migros brachte weder das Warenhausgeschäft noch die Möbelkette Interio richtig auf Kurs. Nach zahlreichen Strategieänderungen und teuer eingekauften Beratungsdienstleistungen von McKinsey und anderen zog die Migros die Reissleine. Sie stösst beide Firmen ab. Einen Teil der Läden von Interio hat sich der österreichische Händler XXXLutz geschnappt. Die Marke Interio verschwindet. Der Verkaufsprozess von Globus und Depot sei in vollem Gang, sagt Nold.

Handlungsbedarf bei Fachmärkten

Probleme gibt es auch bei den Fachmärkten, dem Non-Food-Geschäft mit Marken wie Do it+Garden, Micasa, SportXX oder M-Electronics. Das Umsatzwachstum war im vergangenen Jahr mit 1 Prozent mager, und einzelne Geschäfte kommen seit Jahren nicht vom Fleck.

Nun versucht es die Migros mit einer internen Reorganisation. Die Fachmärkte, die bisher von den Regionen und vom MGB gesteuert wurden, werden im kommenden Jahr in eine Aktiengesellschaft überführt. Sie wird von den Regionalgenosschaften Aare, Basel, Ostschweiz, Genf und Zürich dominiert. Die Migros Aare führt auch das Präsidium, während der MGB noch einen Sitz im Verwaltungsrat haben wird. Das heisst: Die Regionen übernehmen dieses Geschäft nun.

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