Auf der Flucht mit Peter Brabeck

Was, wenn man plötzlich in einem dunklen Loch landet, Schreie zu hören sind und unbekannte Gestalten mit Gewehren auftauchen? So geschehen an einer Veranstaltung am Rande des WEF in Davos.

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«Go, go, go», schreit einer mit einem Gewehr an der Brust und stösst die Menschen tiefer in den Keller. Rauch steigt auf, man stolpert über Hölzer, rundherum brüllen Männer in weiten leinenartigen Kleidern. Der ganzen Gruppe wird befohlen, sich hinzusetzen, es ist dunkel. Einigen wird mit Taschenlampen ins Gesicht geleuchtet. «Who are you?», wird jemand angeherrscht. Für einen Moment sinkt der Lärmpegel – die Spannung aber bleibt. Jetzt geht es erst richtig los. Nach einem lauten Knall stürmen drei in Militärkleider gehüllte Gestalten den Ort. Der Albtraum beginnt erst richtig.

So geschehen am sogenannten Refugee Run am Rande des WEF in Davos. Es ist die Simulation eines Lebens als Flüchtling. Sie dauert eine Stunde – und geht richtig unter die Haut. Kellerräumlichkeiten im Umfang einer grösseren Wohnung wurden umgestaltet. Es gibt Versammlungsräume, lange enge Gänge, kleine Schlafzellen und Kerker. Es ist stickig, staubig und düster.

Brabeck mit erhobenen Händen und dem Gewehrlauf im Gesicht

«Ich hoffte, ich würde nicht ausgewählt. Man weiss nach so einem Befehl ja, was passiert», sagt eine Frau in der Kellerdiskussion nach dem simulierten Albtraum. «Alle Frauen aus den Zelten», hatte zuvor einer geschrien. Dann wurden zwei Frauen in einen separaten Raum gedrängt. Alle wussten jetzt, diese Frauen würden in der realen Flüchtlingswelt vergewaltigt. Die meisten Teilnehmer schienen nach dem erdauerten Stress sichtlich bedrückt.

Mitgemacht haben den Stress auch bekannte Gesichter, darunter Nestlé-Präsident Peter Brabeck oder Beatrice Weder di Mauro. Sie musste ein Kopftuch tragen, alle bekamen eine neue Identität – einen Ausweis. So wurde aus Brabeck Halil Bengeshi, der seine beiden Söhne im Krieg verloren hatte und selber unter Kriegsverletzungen litt. Brabeck mit erhobenen Händen und dem Gewehrlauf im Gesicht, ein ziemlich irritierendes Bild.

Der grosse Kontrast in Davos

Organisiert wird die Simulation von der Organisation Crossroads. Sie wurde schon an verschiedenen Kongressen installiert und durchgeführt. Motto: «Man kann einen Menschen nicht verstehen, ohne einen Tag in seiner Haut gesteckt zu haben.» Das Ziel der Sache ist klar: Die Menschen sollen die miserable Lage von Flüchtlingen besser nachvollziehen können und entsprechend agieren.

Klar ist: Diese Veranstaltung steht in einem happigen Kontrast zum World Economic Forum. Da die Welt der Reichen und der Mächtigen, die über Chancen neuer Technologien und Perspektiven für die Zukunft sprechen. Dort das Elend kriegsgeschädigter Menschen, die alles verloren haben und keine Zukunft mehr haben. Die Message des Refugee Run erreicht die Teilnehmer sicher. Ob sie was bewirkt, ist eine andere Frage. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.01.2014, 13:20 Uhr

Das sagt Peter Brabeck

Herr Brabeck, eine Stunde lang im Dunkeln, Staub im Gesicht und den Gewehrlauf im Rücken. Hatten Sie Angst?
Ich war vor drei Jahren schon einmal im Refugee Run. Damals ging mir das richtig unter die Haut. Ich wurde ins Gefängnis geworfen und schlecht behandelt – ja, ich hatte Angst.

Die Simulation eines Flüchtlingslagers soll die Besucher dazu bringen, das Elend dieser Menschen besser zu verstehen. Tut es das?
Ich bin sicher, jeder, der hier rausgeht, schaut die Meldungen wie jetzt aus den syrischen Flüchtlingslagern mit anderen Augen an.

Aber das heisst noch lange nicht, dass sie aktiv werden.
Viele Firmen packen in diesem Bereich etwas an (Anm. der Red.: Nestlé ist Sponsor des Refugee Run), die Einstellung gegenüber NGOs und Hilfswerken wird konstruktiv.

In Davos ist die Weltelite versammelt. Daneben wird auf das Flüchtlingselend hingewiesen. Soll damit das Gewissen beruhigt werden?
Natürlich ändert das Refugee Camp die grossen Linien der Politik nicht – leider nicht. Der Syrien-Konflikt wird in Montreux besprochen. Aber klar ist auch: Jeder Mensch, der seine Einstellung ändert, ist ein Tropfen, der etwas bewirken kann.

Grosskonzerne sind von den Aktionären getrieben. Oft wird ihnen vorgeworfen, durch ihre Aktivitäten soziale Konflikte zu verschärfen.
Nehmen wir das Beispiel Syrien: Eine Fabrik unserer Firma wurde dort bombardiert. Fast 900 Menschen können nicht mehr arbeiten gehen. Trotz der Kriegswirren bleiben wir in dem Land aber aktiv, obwohl wir Geld verlieren. Da spielt der Aktienkurs überhaupt keine Rolle. (cpm)

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