Sie könnte am WEF Kasse machen – tut es aber nicht

Esther Heldstabs Laden in Davos ist während des WEF hoch begehrt bei Konzernen. Und warum freut sie sich nicht aufs Geld?

Not for rent: Esther Heldstab betreibt ihren Shop auch während des WEF. Video: TA

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Der rote Schriftzug der Davoser Bar verschwindet langsam hinter Holzlatten. Brett um Brett nageln drei Männer vor das Logo. Das Lokal an der Promenade ist leer geräumt, im Schaufenster hängt ein Schild: «Während des WEF geschlossen». Bier gibt es die nächsten Tage hier nicht.

Gut möglich, dass bald das Logo eines grossen Konzerns über dem Eingang hängt. So wie bei den meisten Läden rings um die Bar herum. Microsoft, Facebook, Ernst & Young, die Nachrichtenagentur Reuters – die Davoser Hauptstrasse hat sich in eine Promenade für Events, Nachrichten und Networking verwandelt. Die Grossfirmen benutzen die Lokale, um sich mit ihren Kunden zu treffen, Journalisten einzuladen und Empfänge zu feiern. Auch ganze Länder haben sich gemütlich eingerichtet: Russen, Ukrainer, Argentinier, sie alle haben ein eigenes Davos House.

Impressionen vom WEF

Ein Logo aber wurde nicht mit Brettern vernagelt: das von Esther Heldstabs Souvenirshop Swissalp Fantasy. Das kleine Haus im Chaletstil, mit Schweizer Fahnen über dem Schaufenster, liegt direkt an der Promenade, einen Kilometer vom Kongresszentrum entfernt. Rote Eieruhren, Baby-Bodys mit Schweizer Kreuzen, Gürtel mit Kuhmotiv, «I love Davos-Schals» – hier können Ausländer alles kaufen, was nur im Entferntesten mit der Schweiz zu tun hat.

Der Umsatz ist etwa doppelt so hoch

Sie habe ein Angebot von einer grossen Firma bekommen, sagt Heldstab, während sie hinter der Kasse steht. Die Firma hätte ihr einen guten Preis bezahlt – wie viel, verrät die 65-Jährige nicht – und sogar das Aus- und Einräumen finanziert. Wohl kein billiges Unterfangen, in diesem von oben bis unten mit Krimskrams vollgestopften Laden. Und das Angebot war mit Sicherheit lukrativ, bedenkt man, in welch absurde Höhen die Mieten für Wohnungen während des Forums jeweils hochschnellen (von 250’000 Franken für ein Chalet war letztes Jahr die Rede).

Video – Weisses Davos wartet auf Trump

Während sich die Stadt für den Start des World Economic Forum wappnet, wird sie von Schnee bedeckt. Video: TA/AP

Aber Heldstab blieb hart: «Ich will während des WEF lieber selbst im Laden stehen und die Kunden bedienen.» So viele interessante Menschen kämen in diesen Tagen vorbei – Russen, Inder, Pakistaner, manchmal auch hochrangige Politiker wie letztes Jahr der ehemalige US-Aussenminister John Kerry: «Er kaufte zwei Pullover und sprach Deutsch.» Der Umsatz in diesen Tagen sei etwa doppelt so hoch wie normalerweise. Die Onlinekonkurrenz macht der Unternehmerin kaum zu schaffen: «Souvenirs müssen sich die Leute immer noch vor Ort kaufen.»

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Schon letztes Jahr hätte Heldstab ihren Laden vermieten können, schon damals lehnte sie ab. 100’000 Franken habe man für das Lokal geboten, sagte Esther Heldstabs Schwester Monika damals zum «Blick». Sie führt den zweiten der beiden Swissalp-Shops. Aber sie würde sich schämen, zu Hause herumzusitzen und mit Nichtstun Kasse zu machen. Der WEF-Finanzchef Alois Zwinggi bezeichnete sie daraufhin als Heldinnen. «Der Berufsstolz ist ihnen wichtiger als das schnelle Geld. Wer so denkt, ist ein Vorbild.»

«Wenn Firmen so viel bezahlen, ist das ihr Problem»

Die Ladenbesitzer ringsherum hätten sich zur Geschichte nicht geäussert, sagt Heldstab. «Die wollen sich wohl nicht aus dem Fenster lehnen.» Dabei hat sie durchaus Verständnis für jene, die ihren Shop hergeben, um Extrageld zu verdienen. «Schliesslich bestimmt die Nachfrage das Angebot. Wenn Firmen bereit sind, so viel zu bezahlen, ist das ihr Problem.» Schade findet sie, dass gewisse Läden nur noch fürs WEF zu existieren scheinen. «Unter dem Jahr sind sie fast immer leer, nur im Januar nicht, wenn die Konzerne einziehen.»

Wie viel Geld müssten die Konzerne ihr bieten, damit sie nachgeben würde? Auch das will Heldstab nicht verraten. Und es wäre wohl auch merkwürdig, nach dem ganzen Wirbel doch noch die Meinung zu ändern. Letztes Jahr seien einige Leute im Shop vorbeigekommen, um ihr zu gratulieren, sagt Heldstab. Sogar eine Journalistin der US-Nachrichtenagentur Bloomberg traf sich letztens mit ihr zum Mittagessen. Und für morgen hat sich ein TV-Team angemeldet.

Heldstab scheint sich in der Rolle der wehrhaften Unternehmerin wohlzufühlen. An die Pension denkt die 65-Jährige noch nicht. «Meine Schwester ist elf Jahre jünger als ich. Wir machen weiter, bis sie auch pensioniert ist.»

Bilder: In Davos türmen sich die Schneemassen

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2018, 12:05 Uhr

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