Analyse

Nicht einmal eine Quote bringt die Frauen nach Davos

Am Weltwirtschaftsgipfel in Davos ist die Frauenquote gesunken anstatt gestiegen. Das vor vier Jahren lancierte Quotensystem für die gut 100 strategischen Partner des Forums funktioniert nicht richtig.

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Der erste Eindruck trügt. Im Innern des Kongresszentrums am Weltwirtschaftsforum in Davos wimmelte es von Frauen. Und viele von Ihnen tragen auch den richtigen Badge – den weissen, der eigentlich den Teilnehmern des Forums vorbehalten ist. Die farbigen Badges kennzeichnen all jene, die nicht zur Weltelite gehören – violette für den Staff, orange für die Journalisten, grüne für die Presseteams der Unternehmen.

Und trotzdem gehören die meisten Damen nicht richtig dazu. Es sind Ehefrauen oder Partnerinnen, denen am WEF ein separates Programm geboten wird. Viele begleiten ihre mächtigen Männer aber auch an Veranstaltungen.

Zieht man diese weibliche Präsenz ab, bleiben vor allem Männer in Anzügen – mit und ohne Krawatte. Nur gerade 16 Prozent der Teilnehmenden waren dieses Jahr Frauen – rund 400 der insgesamt 2500 exklusiven Gäste. Eine Woche vor dem Start war das WEF noch von 15 Prozent ausgegangen. Ein Wert, den Adrian Monck, WEF-Direktor und Kommunikationsverantwortlicher, an der ersten Pressekonferenz am Mittwoch beflissentlich nach oben korrigierte.

WEF setzt auf Langfristeffekte

Kein Wunder, denn auch mit 16 Prozent muss das WEF 2014 einen Rückgang der Frauenquote um 1 Prozentpunkt verbuchen. Darauf angesprochen, erklärte Monck, dass das WEF sich zwar für eine stärkere Vertretung der Frauen an der Macht einsetze, aber kein Interesse «an Kosmetik» habe – also die Teilnehmerinnenzahl nicht künstlich aufhübschen wolle. «Unser Ziel ist es, mit unseren Programmen in verschiedenen Ländern langfristige Effekte zu erzielen.»

So ganz stimmt das allerdings nicht. Seit vier Jahren versucht das WEF, die weibliche Vertretung künstlich zu stärken, und hat dazu ein Quotensystem für die sogenannten strategischen Partner eingeführt. Jeder von ihnen kann fünf offizielle Teilnehmer ans WEF schicken, die Zugang zu fast allen Veranstaltungen geniessen. Seit 2011 muss sich darunter mindestens eine Frau befinden. Ansonsten verliert man einen Badge. Die strategischen Partner bezahlen jedes Jahr 500'000 Franken für das Recht, eine so hohe Zahl an Vertreter nach Davos schicken zu dürfen. Normale Mitglieder erhalten meist nur einen oder zwei Badges. Alle Firmen zahlen zusätzlich knapp 30'000 Franken pro entsendeten Vertreter.

Ein Teilnehmerbadge ist nicht nur teuer, er ist vor allem sehr exklusiv. Gemeinhin würde man daher annehmen, dass das Interesse der strategischen Partner gross sein müsste, alle fünf Badges auszunützen. Dem ist allerdings nicht so. Nur 81 Konzerne oder gut 70 Prozent machten laut dem WEF vom sogenannten Gender Badge Gebrauch und schicken eine Frau nach Davos. Knapp 30 Prozent, 34 Unternehmen, verzichteten auf eine Frau – und damit freiwillig auf einen Badge. Das entspricht rund dem Durchschnitt der letzten Jahre. Zu den zehn strategischen Schweizer Partnern gehören ABB, Adecco, Credit Suisse, Kudelski, Nestlé, Novartis, Swiss, Swiss Re, UBS und Zurich. Gemeinsam haben sie dieses Jahr zehn Frauen nach Davos geschickt, wobei die beiden Versicherungskonzerne je zwei Damen dabeihatten.

Auf den Gender Badge verzichtet haben die Fluggesellschaft Swiss und der Westschweizer Technologiekonzern Kudelski. Die Swiss war laut Kommunikationschefin Susanne Mühlemann aus Kostengründen nur durch Konzernchef Harry Hohmeister sowie einen weiteren Manager vertreten, der im Teilnehmerverzeichnis des WEF allerdings nicht auftaucht. Für Kudelski waren vier Männer in Davos, darunter André Kudelski, Konzernchef, Verwaltungsratspräsident und Mehrheitsaktionär in Personalunion. Laut Kommunikationschef Phil Mundwiller habe man dieses Jahr nur Mitglieder der Konzernleitung geschickt, weil man sich auf die Pflege der Beziehung mit Kunden und Partnern habe konzentrieren wollen. In früheren Jahren habe man auch schon Frauen dabeigehabt. «Sogar bevor das Anreizprogramm eingeführt worden ist», so Mundwiller. Schaut man sich das gesamte Teilnehmerfeld nach Sektoren an, ist das Ungleichgewicht noch grösser.

Starke Sektorunterschiede

Unter den 82 Teilnehmenden aus dem Energiesektor hat es nur drei Frauen – ein Anteil von etwa 4 Prozent. Und im Gesundheitsbereich sind es nicht mehr als 12 Prozent – 8 Frauen bei 65 Vertretern. Bei Medienvertretern mit weissen Teilnehmerbadges – Verleger, Chefredaktoren und Ähnliches – liegt der Frauenanteil immerhin bei 24 Prozent. Um volle Transparenz zu schaffen: Das Team von «Tages-Anzeiger» und «SonntagsZeitung», das die letzten Tage online, auf Social Media und im Print vom WEF in Davos berichtet hat, bestand aus sieben Leuten, darunter zwei Frauen. Macht eine Quote von knapp 30 Prozent.

Erstellt: 27.01.2014, 09:01 Uhr

WEF: Nur 81 Konzerne oder gut 70 Prozent schicken eine Frau nach Davos. (Bild: Keystone )

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