So ticken die «Davos-Men», die sich am WEF treffen

Auf den Spuren der Elite, die eine eigene Welt in der Welt bildet.

Der Davos-Mann steht für eine Spezies, die sich nicht nur in Davos versammelt: Teilnehmer am <nobr>46. WEF</nobr> versuchen Virtual-Reality-Systeme aus. (Archiv) Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Der Davos-Mann steht für eine Spezies, die sich nicht nur in Davos versammelt: Teilnehmer am 46. WEF versuchen Virtual-Reality-Systeme aus. (Archiv) Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

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Der Begriff «Davos-Man», zu Deutsch Davos-Mann, wird meist zur Beschreibung des Besuchers des World Economic Forum verwendet und meint einen Mann – die überwiegende Mehrheit sind Männer –, der sehr reich und sehr mächtig ist, der mit seinesgleichen eine globale Elite darstellt, die sich kaum mehr um nationale Belange kümmert.

Als Quelle des Begriffs wird meist der 2008 verstorbene amerikanische Politologe Samuel Huntington genannt, der ihn in einem Essay aus dem Jahr 2004 verwendet hat. Tatsächlich aber geht der Begriff auf den US-Soziologen Richard Sennett zurück. Dieser hat ihn schon im Jahr 1998 in einem Aufsatz mit dem Titel «The dizzy life of Davos man» («Das schwindlige Leben des Davos-Mannes») beschrieben.

Bis heute von Bedeutung ist allerdings nicht, wer von beiden den Begriff in die Welt gesetzt hat, sondern was jeder von ihnen beschrieben hat. Die Veranstaltung des WEF in Davos hat in beiden Texten eine relativ geringe Bedeutung. Sie drehen sich aber um Entwicklungen, die Huntington und Sennett damals scharf erkannten und die uns heute noch mehr beschäftigen als damals.

Unverständnis für Ängste der Bevölkerung

Sennetts Thema: die Flexibilisierung in der Arbeitswelt. Er sprach von der «Bereitschaft, die Vergangenheit hinter sich zu lassen» und dem «Vertrauen, die Fragmentierung des Lebens zu akzeptieren», die man in Davos hoch gelobt hat, denn das führe zu einer grösseren Spontanität. Der Soziologe hielt aber fest: «Aber die Züge, die Spontanität hervorbringen, werden selbstzerstörerisch für jene, die am unteren Ende des flexiblen Regimes arbeiten.» Ein solches Arbeitssystem würde für viele zur Frage führen: «Wer braucht mich noch?»


Das will Trump am WEF erreichen

US-Präsident Trump hat mit dem «Geist von Davos» nichts am Hut. Er wird das WEF im Gegenteil für seine Agenda nutzen.


Was laut Sennett den Davos-Mann vom Rest der Gesellschaft trennt, ist nicht sein Reichtum, sondern vielmehr sein Unverständnis für die Ängste und Bedürfnisse eines Grossteils der Bevölkerung. Und schon damals äusserte er die Befürchtung, dass das die Akzeptanz der Eliten unterminieren kann.

Walter Scotts tote Seelen

Um die Entfremdung der Eliten vom Grossteil der Bevölkerung dreht sich auch der Aufsatz von Samuel Huntington aus dem Jahr 2004: Der Titel lautet: «Dead Souls: The Denationalisation of the American Elite» («Tote Seelen: Die Denationalisierung der amerikanischen Elite»). Huntingtons Thema ist, wie es der Titel schon zeigt, die Entfernung der Eliten in den USA von allem Nationalen.

Mit Verweis auf ein Gedicht von Walter Scott aus dem Jahr 1804 spricht er von toten Seelen. Das Gedicht sagt, ein Mensch müsse eine tote Seele haben, wenn er nicht sagen kann «Dies ist mein eigenes, mein Geburtsland» und in der Fremde wandert.

International denken und handeln

Huntington geht es nicht nur um globale ökonomische Interessen, die diese Elite verfolge. Es geht ihm auch um Denkmuster, moralische Überzeugungen und eine Lebenshaltung, die sie letztlich vor allem ausmacht: «Das Dabeisein in transnationalen Institutionen, Netzwerken und Aktivitäten definiert nicht nur die globale Elite, sie ist auch entscheidend dafür, dass jemand überhaupt den Elitestatus in einem Land erringt. Jemand, dessen Loyalitäten, Identitäten und Engagements rein national bleiben, wird es kaum an die Spitze schaffen, weder in der Wirtschaft, im akademischen Betrieb noch in den Medien.» Wer es in der Gesellschaft weiterbringe, so Huntington, «denkt und handelt international». Das Volk sei national, die Eliten kosmopolitisch.

Das schlägt sich laut dem Politologen auch im Lebensalltag der Eliten nieder, der sie von dem ihrer übrigen Landsleute deutlich distanziert. Sie studieren an internationalen Universitäten, leben und arbeiten zumindest einige Zeit im Ausland beziehungsweise für internationale Organisationen oder Firmen. «Sie bilden eine eigene Welt in der Welt, sind miteinander durch eine Myriade von globalen Netzwerken verbunden, aber abgeschottet von den engstirnigen Mitgliedern ihrer eigenen Gesellschaft», schreibt Huntington. Weil die sich am WEF in Davos treffenden Männer dieser Elite entspringen, hat der Politologe für sie den Begriff des Davos-Mannes verwendet.

«Es gibt ein Problem mit dieser Linken: Sie ist unpatriotisch.»Richard Rorty, Philosoph

Doch laut Huntington ist diese internationale Ausrichtung und Missachtung des Nationalen nicht auf die Reichsten und wirtschaftlich Mächtigsten beschränkt. Auch linke Intellektuelle hätten diese Denk- und Handlungsweise gefördert. Im Artikel zitiert Huntington den Philosophen Richard Rorty: «Die Linke hat viel Gutes für die Frauen, die Afroamerikaner und die Homosexuellen getan. Aber es gibt ein Problem mit dieser Linken: Sie ist unpatriotisch.» Wenn die Linke Einfluss behalten wolle, müsse sie erkennen, dass ein Sinn für die nationale Identität eine absolut essenzielle Komponente der Staatsbürgerschaft ist.

Schliesslich zitiert Huntington Daten, die zeigen, dass diese «Heimatlosigkeit» der Eliten wirklich nur sie als eine kleine Minderheit betrifft. Besonders die Amerikaner sehen sich in ihrer überwältigenden Mehrheit als Patrioten. Die Verbundenheit mit der eigenen Nation ist aber auch anderswo sehr viel grösser, als das die weltweit vernetzten Eliten wahrnehmen.

Den Kontakt zur Bevölkerung verloren

Sowohl Huntington wie Sennett haben in ihren Aufsätzen Entwicklungen erkannt, die letztlich im Schock der Wahl von Donald Trump mündete. Der Davos-Mann steht für eine Spezies, die sich nicht nur in Davos versammelt. Beide Autoren sprechen ihm auch nicht nur schlechte Absichten zu. Es geht auch nicht bei jedem Davos-Mann nur um Geschäftsinteressen.

Der Internationalismus des Davos-Mannes wird zuweilen auch von moralisch hehren Zielen geleitet. Aber weil er den Kontakt zur Bevölkerung verloren hat, hat er nicht gemerkt, was sein Internationalismus, die Entwicklung der Arbeitsmärkte, die wachsende Ungleichheit, die Hyperglobalisierung und die Entfremdung innerhalb der Gesellschaft und jene von den Machthabern bei einem Grossteil der Bevölkerung bewirkt hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2018, 19:04 Uhr

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