Von Fast-Gattin des Präsidenten zu seiner Kritikerin

Die Uganderin Winnie Byanyima ist Chefin der Entwicklungsorganisation Oxfam – und WEF-Moderatorin.

Willensstark und debattierfreudig: Winnie Byanyima, Exekutivdirektorin von Oxfam. Foto: Oxfam

Willensstark und debattierfreudig: Winnie Byanyima, Exekutivdirektorin von Oxfam. Foto: Oxfam

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Perfekt getimt. Zwei Tage vor Beginn des Weltwirtschaftsforums in Davos veröffentlichte Oxfam einen Bericht, der Exekutivdirektorin Winnie Byanyima mit bester Munition versorgt. Nach Berechnungen der britischen Hilfs- und Entwicklungsorganisation wird 1 Prozent der Weltbevölkerung bald reicher sein als die restlichen 99: Ein Skandal, den die Uganderin in den kommenden drei Tagen gewiss noch oft erwähnen wird. Die 56-jährige Oxfam-Chefin ist eine der sechs Moderatoren, die die mehr als 2500 in Davos versammelten Politiker und Wirtschaftskapitäne – eine Rekordzahl in diesem Jahr – durch einen Wust an Themen und Terminen leiten soll.

Die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Arm und Reich stellt für die Oxfam-Chefin die grösste Gefahr für die Weltwirtschaft dar. Sie bremse das Wirtschaftswachstum, destabilisiere Regierungen, konzentriere wirtschaftliche Macht und dränge die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung an den Rand, ist Byanyima überzeugt: «Das ist die Botschaft, die wir in Davos zum Ausdruck bringen wollen.»

Ausgerechnet Luftfahrtechnik

Die Afrikanerin weiss, wovon sie spricht. Sie wurde in einem kleinen Dorf nahe des südwestugandischen Städtchens Mbarara geboren: Eine Region, die zur Peripherie der Welt gehört. Winnie hatte allerdings das Glück, einen aufgeweckten und nicht gerade mittellosen Parlamentsabgeordneten zum Vater zu haben: Der schickte die Tochter nach dem Schulabschluss nach Grossbritannien, wo sie ausgerechnet Luftfahrttechnik studierte – die erste ugandische, womöglich sogar die erste afrikanische Absolventin dieses Fachs.

Zurück in der Heimat, nahm Byanyima einen Job bei Uganda Airlines an, als die Rebellion gegen den Autokraten Milton Obote ausbrach. Sie wurde ausgerechnet von Yoweri Museveni angeführt, der in Winnies Familie aufgewachsen war. Byanyima begleitete den Jugendfreund in den Busch: Der war von der willensstarken und debattierfreudigen Rebellin dermassen angetan, dass er sie zur zweiten Frau machen wollte. Doch Byanyimas Vater sagte Nein – und die Tochter, die später zu einer der prominentesten Frauenrechtlerinnen ihres Landes werden sollte, liess sich die Bevormundung gefallen.

Womöglich hatte sie es auch geahnt. Nach dem Sieg der Rebellen und dem Aufstieg Musevenis zum Präsidenten entfernte sich die eigenständige Denkerin zunehmend von ihrem Verehrer und wetterte als oppositionelle Abgeordnete gegen die immer autokratischeren Tendenzen des Staatschefs. Schliesslich heiratete sie Kizza Besigye, den einstigen Leibarzt Musevenis, der sich ebenfalls mit seinem Mentor überworfen hatte: Als (glückloser) Herausforderer Musevenis in drei Präsidentschaftswahlen bekam er den Zorn des in der Liebe unter­legenen Rivalen zu spüren und landete wiederholt im Gefängnis.

Byanyima suchte unterdessen Schutz bei internationalen Organisationen wie der Afrikanischen Union oder dem Entwicklungsprogramm der UNO, für das sie bis zu ihrer Berufung zur Oxfam-Chefin vor zwei Jahren tätig war. Wer weiss, was passiert wäre, hätte ihr Vater damals Ja gesagt? Davos wäre um eine scharfsinnige Debattiererin ärmer. Doch als Musevenis Ehefrau hätte sie gewiss das Timing für dessen Rücktritt von der Macht verbessert.

Erstellt: 20.01.2015, 23:26 Uhr

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