Zu Besuch beim Notendoktor

Zerstückelt, verbrannt, vermodert: Wie Mitarbeiter der Nationalbank zerstörte Banknoten achtloser Bürger retten

Verbrannte Noten sind einfacher zu retten als Scheine, denen Feuchtigkeit zugesetzt hat: Auf den Tisch im Labor in Bern kommt so manches. Foto: Raphael Moser

Verbrannte Noten sind einfacher zu retten als Scheine, denen Feuchtigkeit zugesetzt hat: Auf den Tisch im Labor in Bern kommt so manches. Foto: Raphael Moser

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Dieses Puzzle ist besonders anspruchsvoll und hat einen Wert von tausend Franken. Ein Experte sass wochenlang mehrere Stunden pro Tag daran. Er nennt sich Noten­doktor und arbeitet für die Schweizerische Nationalbank. In diesem Fall kümmerte er sich um einen 1000-Franken-Schein, der in den Schlund eines Reisswolfs ­geriet.

Wem ein solches Missgeschick passiert, der muss nicht verzweifeln. Zwei Mitarbeiter der Abteilung Notenprüfung, wie sie die ­Nationalbank offiziell nennt, kümmern sich auf verschiedenste Weise um malträtierte Banknoten. Mehr als 30'000 Noten kommen diesen Angestellten jährlich unter die Augen. Ihnen gelingt es auch, scheinbar hoffnungslos zerstörte Exemplare zu identifizieren und zu ersetzen.

Von einem Hund gefressen, von einer Maus zweckentfremdet

«Wenn es um Bargeld geht, gibt es wohl nichts, was ich noch nicht gesehen habe», sagt der kurz vor der Pensionierung stehende grauhaarige Mann mit freundlichem Lächeln. Er arbeitet seit 37 Jahren für die Nationalbank, seit fast 20 Jahren als Notendoktor. Sein Name bleibt geheim, sein Gesicht darf nicht aufs Foto, so die Regeln der Notenbank.

Trotzdem hat er viel zu erzählen. Etwa, dass Geldscheine nicht nur als Bezahlmittel ihre Anwendung finden. Der Fachmann bekam einst eine Kartonschachtel auf den Tisch seines Labors in Bern mit ungewöhnlichem Inhalt: ein verlasse­nes Mäusenest. Die Nager bauen ihre Nester gerne aus weichen Materialien wie Stofffetzen, Stroh oder Papier – und wenn sich die Gelegenheit ergibt, verschmähen sie auch Hunderternoten nicht.

Andere Haustiere haben Banknoten zum Fressen gern. Vom Hund zerkaut oder gar verdaut, bleibt vom Geld wenig Appetitliches übrig: «Das kommt vor, aber zum Glück selten. Es gehört zum unangenehmen Teil meiner Arbeit», sagt der Experte. In diese Kategorie gehören auch von Gefängnisinsassen in Körperöffnungen versteckte Noten.

«Die Seriennummern sind dank dem Kupferdruck auch nach grosser Hitze erkennbar.»Notendoktor

Weitaus üblicher sind zerrissene oder zerschnittene Noten. Die Schuld für ein solches Missgeschick schieben die Nationalbankkunden oft auf den Nachwuchs. «Kind hat mit Banknoten gespielt», steht dann auf dem obligat auszufüllenden Formular.

Die Gründe teilt die Kundenbetreuung der Nationalbank den Notendoktoren allerdings nicht mit. Sie sollen unvoreingenommen an ihre Arbeit gehen und sich von den mitunter tragischen Umständen nicht beeinflussen lassen. Von Kinder zerrissene Noten gehören zu den einfachen Aufgaben. Die Fetzen der Aktenvernichter der neuesten Generation, bei denen die Papierstreifen zusätzlich horizontal zerschnitten werden, sind dagegen viel schwieriger zusammenzukleben.

Häufig auf den Tisch der Experten kommen verbrannte Scheine. Wenn etwa die Weihnachts­karte nach dem Lesen sofort im Cheminée landet und der wertvolle Inhalt gleich dazu. Selbst total geschwärzte Exemplare sind oft noch zu retten. «Die Seriennummern sind dank dem Kupferdruck auch nach grosser Hitze erkennbar.» Feuchtigkeit bekommt Geldscheinen allerdings sehr schlecht: «Schwierig wird es bei Noten, die jahrelang im Keller versteckt wurden. Die zerbröseln und können deshalb kaum identifiziert werden», sagt der Notendoktor.

Mehr Arbeit wegen Überfällen auf Geldtransporter

Er sieht auch Belastendes. Blutverschmierte Banknoten oder der Inhalt von bei Toten gefundenen Portemonnaies. Dann gelten besondere Vorkehrungen. «Der Geruch von Noten, die bei Toten gefunden werden, ist am schlimmsten. Die bearbeite ich mit Schutzmasken unter einem Abzug.»

Zuletzt hatte er auch Sondereinsätze. Beim Überfall auf den Geldtransporter in Daillens VD musste er vor Ort eine erste Bestandsaufnahme machen. Die Täter hatten das Fahrzeug aufgesprengt und nach dem Überfall in Brand gesetzt. Die Scheine der jüngsten Serie verursachen dabei neue Probleme. Generell sind sie zwar stabiler, aber sie verkleben beim Kontakt mit Feuer, weil Polymer enthalten ist. Mit Handschuhen und Pinzette müssen die Notendetektive jeden Schein vorsichtig ablösen, damit er nicht zerfällt.

Auch kriminelle Energie anderer Art kommt bei der Begutachtung zum Vorschein. Kleine Löcher in den Scheinen erregen die Aufmerksamkeit der Experten. Solche Schäden können durch die Funken eines Winkelschleifers oder eines Schweissgeräts auftreten, beim gewaltsamen Öffnen eines Tresors. Tritt ein solcher Verdacht auf, schaltet die Nationalbank das Bundesamt für Polizei ein.

Der Service der Notenbank ruft auch Schlaumeier auf den Plan. Einer reichte einen ganzen Topf mit Asche zur Begutachtung ein. Darin enthalten seien 35 Tausendernoten, behauptete er. Die genauere Analyse zeigte allerdings keinerlei Rückstände von Banknoten. Der Geldsegen blieb aus, die Asche ging an den Absender zurück. Ein rechtliches Nachspiel hatte dieser dreiste Versuch nicht.



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Erstellt: 25.12.2019, 10:39 Uhr

Wann wird eine Note ersetzt?

Die Nationalbank ersetzt die beschädigte Note, wenn das eingereichte Stück grösser als die Hälfte ist und die Seriennummer erkennbar ist. Das gilt auch für zerstückelte Noten, die von den Fachleuten zusammengesetzt werden. Wenn jemand zwei Teile eines Scheins vorweist, müssen die zusammengezählt grösser sein als die Hälfte der Note. Die doppelt angebrachte Seriennummer muss dabei vollständig erkennbar sein. Bei eingereichten ganzen Noten können die Notendoktoren die Echtheit je nach Umständen auch feststellen, wenn die Seriennummer unlesbar ist. Die Nationalbank nimmt beschädigte Noten per Post oder an ihren Schaltern in Bern und Zürich entgegen. Die Dienstleistung ist kostenlos. (eb)

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