Zum Kiosk statt zum Bancomaten

Eine neue App will es Nutzern ermöglichen, Bargeld in Läden in der Nachbarschaft zu beziehen. Bancomaten würden überflüssig. Sogar ein Lieferservice ist geplant.

Geht es nach Sonect, soll bald jeder beim Kiosk Geld abheben können.

Geht es nach Sonect, soll bald jeder beim Kiosk Geld abheben können. Bild: Marcel Bieri/Keystone

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Eine Schachtel Zigaretten, Kaugummis und dann noch 100 Franken, bitte. So eine Bestellung sollen Kioskbesitzer in Zukunft öfter zu hören bekommen – zumindest, wenn es nach dem Start-up Sonect geht. Das Unternehmen will seinen Kunden den Bezug von Bargeld unabhängig von Bancomaten oder Bankkarten ermöglichen. Das heisst: Sie gehen in einen Laden und können neben dem normalen Einkauf schnell noch Geld abheben, ohne dafür einen Automaten zu nutzen. Das Ganze funktioniert über eine App, die ab dem 11. April im iOS-Store für Apple-Produkte und einen Monat später im Android-Store für Google verfügbar sein wird.

Geld verdient das Unternehmen über Gebühren, die Banken ihnen zahlen, für Kunden und Detailhändler ist der Dienst kostenfrei. Kunden müssen sich entweder mit ihren Kontodaten oder Kreditkarte anmelden. Warum sich das für Banken lohnen soll:«Eine mittelgrosse Schweizer Privatbank zahlt im Schnitt etwa 30’000 Franken pro Jahr pro Bancomat», so Rik Krieger, Entwicklungschef bei Sonect. Wäre man nicht mehr abhängig von den Bancomaten, liesse sich so einiges an Geld sparen. «Sonect zielt auf die Reduktion der weltweiten Bargeldkosten in Höhe von 300 Milliarden Franken», heisst es im Communiqué denn auch ganz unbescheiden.

60 Prozent zahlen bar

Auf den Bargeldverkehr zu setzen, klingt für ein Start-up zunächst einmal paradox, geht doch der Trend eigentlich hin zu kontaktlosem oder mobilem Bezahlen. «60 Prozent der Einkäufe in der Schweiz werden aber immer noch bar bezahlt», sagt Krieger. Weltweit seien es teils sogar bis 85 Prozent. Und: Die Anzahl der Bargeldabhebungen an Bankomaten hat im letzten Jahr um rund neun Prozent auf über 100 Billiarden Transaktionen zugenommen.

Wir glauben, es findet eine Entwicklung hin zur Digitalisierung statt, hin zu Apple Pay, Twint und Co.”, so Krieger. Sonect wolle eine Brücke schlagen und Digitalisierung und Bargeldzahlungen vereinen. Und: Für die Phase, in der Bargeld dann wirklich nicht mehr relevant ist, habe man vorgesorgt: «Blockchain-Technologie ist bei uns durchaus ein Thema», so Krieger. Das Know-how dafür ist zumindest vorhanden. Gründer Sebastian Bürgler ist Wissenschaftler an der ETH und Experte für Blockchain-Technologie. Sein Co-Gründer Sandipan Chakraborty kommt aus der Bankenbranche und ist Experte für Zahlungslösungen und Regulierung.

Lieferservice in der Westschweiz

Am 11. April – mit Lancierung der App – startet die Firma einen ersten öffentlichen Test in Winterthur; zunächst mit einer überschaubaren Anzahl an teilnehmenden Läden. In vier Geschäften können User via App ihr Geld abheben, darunter etwa eine Bäckerei und ein kleinerer Supermarkt. Alle befinden sich im Umfeld der Hochschule ZHAW, das Testpublikum werden also zunächst Studenten sein. Man sei für die Zukunft aber auch mit den Detailhandelsriesen im Gespräch, so Krieger. «Hier ist das Problem, dass die Integration in die Kassensysteme einen Moment mehr Zeit in Anspruch nehmen würde als die Installation einer App auf dem Smartphone bei den bisher teilnehmenden Einzelhändlern.»

Einige Wochen nach dem Test in Winterthur soll Zürich folgen. Im Sommer will Sonect dann in Genf und Lausanne starten – aber mit einem etwas anderen Modell. Über den Online-Food-Service Smood können Nutzer dann Essen nach Hause bestellen und sich damit auch noch etwas Bargeld bringen lassen. Das erklärte Ziel von Sonect ist laut Krieger ganz klar, weltweit zu agieren. «Kunden sollen in Berlin, New York oder Djibouti mit unserer App Geld beziehen können, ohne nach Bancomaten zu suchen.»

Postfinance investiert

Sonect hat für die ambitionierten Pläne immerhin einen prominenten Investor gewonnen: Die Postfinance hat eine Minderheitsbeteiligung am Schweizer Start-up erworben. Für Sonect ist das vor allem wichtig, weil das eine Art Vertrauenserklärung ist, die andere Banken auf den Plan rufen könnte, erklärt Krieger. Was genau das Ganze der Postfinance bringt, ist jedoch fraglich: Immerhin ist sie auch an der App Twint beteiligt, die mobiles Zahlen ermöglicht.

«Postfinance will ihrer Kundschaft den einfachsten Umgang mit Geld ermöglichen und berücksichtigt unterschiedliche Kundenbedürfnisse. Dazu gehören sowohl Bargeld als auch digitale Lösungen», heisst es von der Bank dazu. Die Beteiligung sei in erster Linie ein Technologietest und nicht ein Marktprojekt: Postfinance plane nicht, als Bankpartnerin für eine Markteinführung von Sonect aufzutreten. Zwischen den Partnern finde jedoch ein Wissenstransfer statt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.04.2017, 17:32 Uhr

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