Baufirmen in den Bergen bangen um ihre Existenz

Vier Jahre nach der Annahme zeigt die Zweitwohnungsinitiative Wirkung. Wer besonders betroffen ist.

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Lange blieb das Ja zur Zweitwohnungsinitiative ohne unmittelbare Folgen für die Bauunternehmen. Sie konnten noch Projekte realisieren, die bereits aufgegleist waren. Jetzt aber greifen die neuen Regeln. Weist eine Gemeinde einen Zweitwohnungsanteil von über 20 Prozent aus, dürfen dort keine Ferienwohnungen mehr gebaut werden. So hat es das Schweizer Volk 2012 im Grundsatz beschlossen.

Dies schützt etliche Hänge vor Überbauung – und kostet im Baugewerbe manche Stelle. «Wir müssen unser Unternehmen von 70 auf 35 Mitarbeiter halbieren», sagt Armin Casutt. Seine Casutt AG erstellte in der Region Flims-Laax viele Ferienwohnungen. Nun fehlen diese Aufträge. Das zeigt auch eine Auswertung der Baubewilligungen durch das Immobilienberatungsbüro Wüest & Partner. Es ermittelte für den TATagesanzeiger.ch/Newsnet das Bauvolumen aller Mehrfamilienhäuser, die im vergangenen Jahr bewilligt wurden. Anschliessend verglich es diese Zahlen mit denjenigen von 2011, dem Jahr vor dem Volksentscheid.

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Zweitwohnungsinitiative: War der Volksentscheid von damals richtig?




Für Flims zeigt sich ein markanter Einbruch: Wurden 2011 noch Mehrfamilienhäuser im Gesamtumfang von 47 Millionen Franken bewilligt, betrug das Bauvolumen 2015 nur noch 9 Millionen. Dies entspricht einem Rückgang um 80 Prozent. Nach wie vor gebaut werden dürfen Erstwohnungen und touristisch bewirtschaftete Anlagen. Das grosse Geschäft mit den Zweitwohnungen ist hingegen vorbei.

Bis Ende August sei er noch mit dem Erstellen von eigenen Gebäuden ausgelastet, sagt Casutt. Danach müsse er einen Grossteil seiner Belegschaft entlassen – sowohl Schweizer als auch Portugiesen. «Das tut mir weh für die Mitarbeiter und ihre Familien», sagt der Patron. Viele hätten es sehr schwer, wieder eine Arbeit zu finden.

Minus 100 Prozent in Savognin

Die Surselva ist freilich nicht die am stärksten betroffene Region. Zwar ist der Rückgang in Flims happig, über alle Gemeinden hinweg ging das Bauvolumen für Mehrfamilienhäuser aber «nur» um 37 Prozent zurück. Deutlich härter traf es das Schanfigg. Dort brachen die Baubewilligungen um 98 Prozent ein. Ebenfalls stark im Minus sind das Unterengadin und das Misox mit je 89 Prozent sowie Mittelbünden mit 93 Prozent.

In der Mittelbündner Gemeinde Savognin ist das Bauvolumen gar um 100 Prozent gesunken. Während 2011 noch Mehrfamilienhäuser im Gesamtumfang von 17 Millionen Franken bewilligt wurden, kam es 2015 zu keiner Bewilligung eines Neubaus mehr. Das kriegt Enrico Uffer, Chef der Savogniner Uffer AG, zu spüren. «Im Hochbau geht gar nichts mehr», sagt er. Aufträge gebe es noch im Tiefbau. Aber dort seien die Preise stark unter Druck, weil jetzt mehr Baufirmen um die Aufträge stritten.

«Alle wollen möglichst wenig schrumpfen», sagt der Patron von 70 Angestellten. Er selbst hat rund ein Fünftel seiner Saisonjobs abgebaut. Vor allem aber setzt er jetzt verstärkt auf Gipserarbeiten, Renovationen und Holzbau. «Die Zweitwohnungsinitiative führt zu Innovationen, das ist wenigstens ein Vorteil», so der Savogniner. Seine Firma habe rechtzeitig reagiert, wodurch sie nun «erstaunlich gut unterwegs» sei.

Dabei kam Uffer entgegen, dass er Zeit hatte. Nach dem Volksentscheid im März 2012 verstrichen fast vier Jahre, bis sich die Folgen in den Auftragsbüchern der Baufirmen zeigten. Kurz nach der Abstimmung ging die Zahl der Baubewilligungen nämlich nicht zurück, sondern stieg markant an. Auch dies zeigt die Auswertung von Wüest & Partner. In den vier Quartalen nach dem Volksentscheid wurden in Savognin Mehrfamilienhäuser im Gesamtumfang von rund 37 Millionen Franken bewilligt. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Jahr vor der Abstimmung. Solche Projekte versorgten das Baugewerbe bis Ende 2014 mit genügend Arbeit – nicht nur in Savognin, auch in anderen Bergregionen.

Infografik: Wo die Baubewilligungen am stärksten einbrachenGrafik vergrössern

Doch Anfang 2015 kam der Einbruch. «Mancherorts ist die Wohnbautätigkeit praktisch zum Erliegen gekommen», sagt Silvan Müggler vom Schweizerischen Baumeisterverband. Am härtesten traf es die Bündner. Auch in Walliser Ferienorten wie Saas-Fee, Veysonnaz und Zermatt brachen die Baubewilligungen im Vergleich zu 2011 um mehr als 75 Prozent ein. Dort habe manches Bauunternehmen schliessen müssen, weiss Serge Métrailler, Direktor des Walliser Baumeisterverbands. Über den ganzen Kanton betrachtet, sei der Rückgang aber «weniger stark als befürchtet».

Das zeigt auch unsere Karte. Einzig im Goms sind die Baubewilligungen so massiv eingebrochen wie in etlichen Bündner Regionen. Demgegenüber ist das Bauvolumen in den Regionen Sion, Martigny und Monthey gar gestiegen. Wie ist dies trotz Zweitwohnungsinitiative möglich? «Wegen der Zunahme an Erstwohnungen im Haupttal», sagt Robert Weinert von Wüest & Partner. Vom Genferseegebiet her drücke eine grosse Nachfrage nach Wohnungen ins Wallis – bis nach Sion, das derzeit boome.

Im Kanton Uri hat sich das Bauvolumen gar mehr als verdoppelt. Kurt A. Zurfluh vom Zentralschweizer Baumeisterverband nennt dafür zwei Ursachen: Zum einen ist auch in Uri die Nachfrage nach Erstwohnungen gestiegen, weil die vergleichsweise moderaten Preise Pendler anziehen. Zum anderen fällt das Resort von Samih Sawiris in Andermatt nicht unter das Zweitwohnungsverbot. Das Projekt kann wie geplant realisiert werden. So sieht es das Zweitwohnungsgesetz vor, das seit Anfang dieses Jahres gilt. Zuvor hatte eine Verordnung des Bundesrats die konkrete Umsetzung der Initiative und die Ausnahmen geregelt.

Im Unterland die Preise drücken

Das Tessin treffen diese Regeln weniger hart als Graubünden. In den Regionen Bellinzona und Tre Valli ist das Bauvolumen für Mehrfamilienhäuser aber ebenfalls beträchtlich gesunken. Auch im östlichen Berner Oberland und im Saanenland brach es um knapp die Hälfte ein. Viele der dortigen Baufirmen würden nun ins Mittelland ausweichen und bis nach Bern offerieren, sagt Peter Sommer vom Berner Baumeisterverband. Einige hätten gar Zweigniederlassungen eröffnet. Das ist freilich nicht immer von Erfolg gekrönt. Denn aufgrund des höheren Angebots sinken die Preise.

Dies beobachtet Andreas Felix vom Bündner Baumeisterverband auch im Raum Chur, wo zunehmend Firmen aus Tourismusregionen mitbieten. «Dadurch ist direkt oder indirekt jeder Bündner Bauunternehmer betroffen», sagt Felix.

Aufgeben wollen dagegen die wenigsten. Denn: «Wer den Betrieb in der dritten oder fünften Generation führt, schliesst ihn nicht so schnell», sagt Silvan Müggler vom Schweizerischen Baumeisterverband. Lieber kämpfe man weiter um ein Stück vom kleiner werdenden Kuchen. Müggler geht denn auch davon aus, dass die Situation schwierig bleiben werde.

Erstellt: 10.04.2016, 23:04 Uhr

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