Interview

«50 Prozent der Fischarten sind gefährdet oder ausgestorben»

Bänz Lundsgaard-Hansen, neuer Leiter der Eidgenössischen Fischereiberatungsstelle, kritisiert die Wasserführung in Fliessgewässern.

Netzzappeln: Ein Felchen im Netz eines Berufsfischers, gefangen auf dem Zürichsee.

Netzzappeln: Ein Felchen im Netz eines Berufsfischers, gefangen auf dem Zürichsee. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Leiter von Fiber, der Fischereiberatungsstelle, müssen Sie Brücken schlagen zwischen Forschung, Verwaltung und Praxis. Was sagen Sie den Fischern, die um ihre Erträge fürchten?
Mit der Frage «Warum fangen wir heute weniger als früher?» werde ich in der Tat oft konfrontiert. Ich sage den Fischern, sie müssten einfach besser fischen (lacht). Nein, im Ernst, ich versuche zu erklären, warum die Fänge mancherorts rückläufig sind. Aber oft ist es schwierig, die Hauptgründe exakt zu benennen. Ich erkläre den Fischern, dass von Wissenschaftlern und Behörden grosse Anstrengungen unternommen werden, die Lage der Schweizer Fische zu verbessern.

Der Gewässerschutz in der Schweiz ist eine Erfolgsgeschichte. Deshalb war man irritiert, als kürzlich ein Forscher der Eidgenössischen Wasserforschungsanstalt Eawag von einem «besorgniserregenden» Zustand der Fischfauna sprach. Ist das nicht alarmistisch?
Überhaupt nicht, im Gegenteil. Das ist eine nüchterne Feststellung. Über 50 Prozent der Fischarten sind in der Schweiz gefährdet oder ausgestorben. In vielen Seen und vor allem in den Flüssen sind im Vergleich zum Zustand vor hundert Jahren noch die Hälfte der Fischarten vorhanden. Nur wenige Gewässer sind in einem natürlichen Zustand.

Was ist die Hauptursache für diese Entwicklung?
Eine grosse Rolle spielt die mangelnde Vernetzung der Gewässer. Das beste Beispiel sind Wanderfische wie die Meerforelle, der Lachs und der Stör, die vor nicht allzu langer Zeit in der Schweiz laichten und bei uns nun ausgestorben sind. Betroffen sind generell Fische, die im Jugend- und Erwachsenenstadium unterschiedliche Lebensräume brauchen und weite Wanderungen zurücklegen wie zum Beispiel die Nasen. Auch Forellen können zum Teil nicht in kühlere Bäche ausweichen, wenn es im Unterlauf im Sommer zu warm wird. Es gibt aber auch weniger bekannte Arten, die bedroht sind, weil vielfältige Lebensräume zunehmend verschwinden. Zum Beispiel strömungsliebende Kleinfische wie der Strömer oder der Schneider.

Das gross angelegte Projekt Fischnetz hat schon vor bald zehn Jahren davor gewarnt. Trotzdem gibt es in den Schweizer Bächen und Flüssen immer noch 100 000 künstliche Barrieren.
Inzwischen sind einige Hundert Barrieren wieder aufgehoben worden. Das scheint wenig. Wichtig ist aber, dass keine Neuen dazugekommen sind. Das neue Gewässerschutzgesetz ist erst seit zwei Jahren in Kraft, Geld dafür ist also noch nicht lange vorhanden, und viele Planungsphasen sind erst angelaufen. Nicht zu vergessen ist: Der Umsetzungshorizont des Gewässerschutzgesetzes beträgt 30 bis 80 Jahre. Ich bin überzeugt, in 10 Jahren wird es bereits anders aussehen.

Es gibt immer wieder Versuche, das Gewässerschutzgesetz abzumildern. Der Kanton Nidwalden reichte eine Standesinitiative ein, die verlangt, dass der Raum um das Gewässer nicht zwangsweise extensiv bewirtschaftet werden muss.
Damit besteht tatsächlich die Gefahr, dass Seen und Bäche weniger Raum für Pufferzonen und Uferstreifen erhalten, wo nicht gedüngt und Pestizide ausgetragen werden dürfen. Dieser Raum ist enorm wichtig für ein funktionierendes Ökosystem und insbesondere auch für den Hochwasserschutz.

Der Verein Pro Fisch Alpenrhein klagt die Wasserkraftwerke an, sie würden das natürliche Abflussregime stören. Auch das ist keine neue Kritik.
Das Problem ist nicht neu, aber deshalb nicht minder ernst zu nehmen. Das Abflussregime vieler Schweizer Fliessgewässer ist katastrophal. Die Kraftwerke halten das Wasser in Stauungen zurück, um während Spitzenzeiten mehr Strom produzieren zu können. So steigt die Wasserführung eines Gewässers innert kürzester Zeit dramatisch an und geht danach ebenso schnell wieder zurück. Und das oft mehrmals am Tag. Dieses sogenannte Schwall-Sunk-Regime lässt die Entwicklung eines natürlichen Ökosystems mit einem guten Fischbestand natürlich nicht zu. Aber auch hier dürfen wir auf Verbesserungen hoffen. Mit dem neuen Gewässerschutzgesetz soll auch der negative Einfluss von Schwall-Sunk-Abflüssen verringert werden.

Ostschweizer Berufsfischer verlangen einen höheren Phosphoreintrag, damit die Produktivität des Bodensees wieder steigt. Ist das nicht eine paradoxe Forderung?
Grundsätzlich ist der Rückgang des Phosphors in den Schweizer Seen dank Kläranlagen und Phosphatverbot in Waschmitteln ein grosser Erfolg des Gewässerschutzes. Klar ist aber auch, dass die Erträge in einigen Seen wegen der geringeren Produktivität zurückgegangen sind. Zentral ist, dass auf längere Sicht die Vielfalt im Ökosystem erhalten bleibt und gleichzeitig auch eine zufriedenstellende Nutzung gewährleistet wird. Die Seen müssen gesund sein, denn die Artenvielfalt ist das oberste Gebot für die Stabilisierung des Ökosystems.

Das klingt sehr diplomatisch. Wie viel Phosphor ertragen die Schweizer Seen?
Die vorgeschriebene Obergrenze von 30 Milligramm Phosphor pro Kubikmeter Wasser wird heute in den meisten grösseren Seen weit unterschritten. Manche Seen, wie zum Beispiel der Baldeggersee, bewegen sich allerdings an der Grenze und müssen immer noch künstlich belüftet werden. Wissenschaftlich können wir sagen, dass die Vielfalt an Felchenarten bei sehr starken Konzentrationen deutlich abgenommen hat. So sind in der Schweiz in den letzten 100 Jahren ein Drittel der Felchenarten fast ausschliesslich in stark mit Phosphat belasteten Seen ausgestorben. Wo die Grenze ist, welche die typische lokale Artenvielfalt gefährdet, kann ich nicht sagen, und das wird auch nicht in allen Seen gleich sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2013, 10:09 Uhr

Artikel zum Thema

Fischsterben stellt Strategie zum Atomausstieg infrage

Um künftig die Atomkraftwerke zu ersetzen, plant die Schweiz den Ausbau der Wasserkraft. Nach dem Fischsterben im Nationalpark fordern Umweltschützer nun aber ein Umdenken bei der Energiewende. Mehr...

Mysteriöses Fischsterben im Jura

Ein mysteriöses Fischsterben trübt die Idylle des Doubs-Tals im Jura. Fischer und Naturschützer wollen die Behörden in der Schweiz und in Frankreich aufrütteln. Mehr...

Ungeklärtes Fischsterben in Ottenbach

Im Ottenbach im Kanton Zürich und im Aabach im Kanton Schwyz sind über Ostern zahlreiche Bachforellen verendet. In letzterem Fall ist verschmutztes Wasser die Ursache. Mehr...

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...