An den Tisch der Macht!

Die ETH Zürich geniesst Weltruf. Sie ist eine Leistungsmaschine, doch fehlen umsetzbare Lösungen zu politisch und gesellschaftlich wichtigen Themen. Das soll die neue Führung korrigieren.

Wo bleiben ihre Stimmen? Blick von der Universitätstrasse auf die Kuppeln der ETH (vorne) und Uni. Foto: Michele Limina / Keystone

Wo bleiben ihre Stimmen? Blick von der Universitätstrasse auf die Kuppeln der ETH (vorne) und Uni. Foto: Michele Limina / Keystone

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Wissenschaft fasziniert, wie die Landung des Roboters Philae auf dem Kometen Tschury kürzlich gezeigt hat. Forschung lässt auch hoffen, vor allem in der Medizin. Dank der Millionenspende des Unternehmers Hansjörg Wyss für ein neues Zentrum an der ETH und Universität Zürich soll der Weg von der Grundlagenforschung zu Anwendungen verkürzt werden. Wie letzte Woche bekannt wurde, werden dort künftig unter anderem künstliche Herzklappen, gezüchtete Leberstücke und roboterbasierte Chirurgiesysteme erforscht.

Bei grossen globalen Herausforderungen hingegen hat die Wissenschaft bis jetzt versagt. Der Forschergemeinschaft ist es nicht gelungen, für die akuten Problemkreise Energie, Klimawandel, Städtebau und Ernährungs­sicherheit handlungsbezogene und umsetzbare Lösungen in die Gesellschaft zu tragen. Auch die ETH Zürich ist beim Ringen um zukunftsweisende Konzepte in der öffentlichen Debatte kaum zu hören. Wo bleibt die Stimme der renommierten Hochschule bei der Energiewende, um das Halbwissen der Politik zu korrigieren und die Interessen der Wirtschaft zu entwirren?An der Spitze der ETH Zürich übernehmen ab Anfang Jahr der Maschinenbauer Lino Guzzella als Präsident und die Geoingenieurin Sarah Springman als Rektorin die Hochschule. Sie werden zeigen müssen, dass die international renommierte eidgenössische Bildungs- und Forschungsstätte ein inhaltlich überzeugendes Konzept hat, wie das reiche Wissen besser der Allgemeinheit dienen könnte.

Bisher brachte das vom Steuerzahler in die ETH-Forschung investierte Geld zu wenig sozialen Nutzen. Mit den jährlich 1,3 Milliarden Franken aus der öffentlichen Finanzierung sollte nicht nur der Technologietransfer in die Industrie gefördert, sondern auch die Wissensvermittlung zum Nutzen der gesamten Gesellschaft verstärkt werden. Die Forscher müssten sich dazu an den Tisch der Mächtigen aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft setzen, um da interessenfreie Lösungsvorschläge einzubringen. Die ETH Zürich ist eine 160-jährige Institution, auf welche die Schweiz stolz ist. Mehr als 10'000 kluge Menschen arbeiten hier für den Fortschritt der Wissenschaft. Auch erhalten an der ETH mit ihren 18'200 Studierenden künftige Führungs- und Fachkräfte in Wirtschaft und Verwaltung eine hoch qualifizierte Ausbildung.

Zu wenig interdisziplinär

Und dennoch: In den akademischen Hallen ist immer noch der Hauch eines alten, muffigen Geists zu spüren, ein Gemisch aus Weltferne, Dünkel und Strenge. Von aussen her betrachtet, erscheint die ETH Zürich als trocken, unnahbar und manchmal überheblich. Was aber zu häufig an die Öffentlichkeit dringt, ist eine Hochschule als Leistungsmaschine. Das Anfang November den Medien vorgestellte Elektroauto mit Weltrekord im Beschleunigen ist dafür bezeichnend. Die akademische Medaillenjagd nach bessern Rankingplätzen, prestigeträchtigen Publikationen und namhaften Preisen hält den ETH-Betrieb in Atem. Ausgezeichnet werden dabei vornehmlich hoch talentierte Einzelpersonen.

Die aktuellen komplexen Fragen lassen sich aber nicht ohne interdisziplinären Ansatz erforschen. Doch dafür gibt es wenig offizielle Anerkennung und fast keine Publikationsmöglichkeiten. Es fehlt zudem an angesehenen Preisen und attraktiven Karriereaussichten für interdisziplinär tätige Forscher. Interdisziplinarität wird zwar überall propagiert, doch selten effektiv umgesetzt. Das erwähnte neue Forschungszentrum von ETH und Universität Zürich wird die Malaise wohl etwas mindern.

An der akademischen Glaubwürdigkeit nagen drei Lebenslügen. Erstens: Immer noch behaupten hochintelligente Menschen in universitären Positionen, Wissenschaft habe nichts mit Politik zu tun. Der scheidende ETH-Präsident Ralph Eichler meinte einmal, dass sich die Forschung für ihr optimales Gedeihen von der Öffentlichkeit abschotten sollte.

Zweitens: «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing», sagt der Volksmund. Das gilt zweifellos auch für das hehre Universitätsleben. Dass sich die ETH Zürich von Sponsoren wie Fifa, Shell, Syngenta, Petrobras, Coop und Swiss Re etliche Lehrstühle und Projekte zahlen lässt, vermindert keineswegs die geleistete wissenschaftliche Qualität. Aber die erforschten Themen werden nicht mehr völlig unabhängig gewählt. Auch das neue, von Hansjörg Wyss finanzierte Zentrum wird die industriegetriebene Forschung bevorzugen, was die Kassen von Ärzten und Pharma­konzernen klingeln lassen wird.

Drittens: Genauso unglaubhaft wirkt die gebetsmühlenhaft wiederholte Beteuerung der ETH, sie verfolge einen vorbildlichen ökologischen Fussabdruck. Zum Lebensstil der Professoren gehören die nachhaltigen Besuche von Kongressen und andern Kollegentreffen, vornehmlich im Flugzeug. Zwei Drittel der gesamten CO2-Emissionen der ETH Zürich werden durch Dienstreisen verursacht.Solche Widersprüche sind nicht moralisch zu werten, sondern in einem schöpferischen Diskurs auszuräumen. Nicht nur ETH-Leitung und Personal sind gefordert, auch die Studierenden müssten einbezogen werden. Aus dieser Auseinandersetzung könnte ein neues Umsetzungskonzept für wissenschaftliche Ergebnisse entstehen. Dazu müssten die nötigen Anreize und Strukturen geschaffen werden. Zum Beispiel Plattformen, wo die massgebenden Vertreter betroffener Sektoren zusammen mit Forschenden fundierte Entscheidungsvarianten vorbereiten – in einem gemeinsamen Lernprozess. Ein solches Forum namens «Forschung und Bildung für die Transformation» hat zum Beispiel die deutsche Bundesregierung eingerichtet. Ebenfalls im Nachbarland will die «Wissenschafts­debatte» der Journalistenvereinigung Teli eine partizipative Forschung vorantreiben.

Es fehlt an Initiativen

In der Schweiz gibt es erst wenige Projekte dieser Art: Die «CCES Winter School» an der ETH Zürich konfrontiert Doktoranden mit Laien, um miteinander ein wissenschaftsnahes Problem zu lösen. An der Universität Bern arbeitet eine Gruppe der Schweizerischen Akademischen Gesellschaft für Umweltforschung und Ökologie (Saguf) an interdisziplinären Projekten und bietet Vorlesungen dazu an. Leider werden solche Initiativen hierzulande von offizieller Seite nur spärlich unterstützt.

Zugegeben, der Weg aus der Komfortzone in die Niederungen gesellschaftlicher Wirklichkeit kostet die akademische Gemeinschaft Zeit, Geld und einige Publikationen. Doch die ETH Zürich als führende Hochschule der Schweiz und auf dem europäischen Festland müsste diese erweiterte Rolle der Forschung pionierhaft übernehmen. Das neue Leitungsteam an der Spitze könnte sich damit für eine umsichtige Fortentwicklung der globalen Gesellschaft dienstbar machen. Dass Professoren durchaus mobilisiert werden können, beweist die Initiative «Raus aus der Sackgasse», welche die EU-Forschungsabkommen retten will. Wenn die Wissenschaft sich für die Umsetzung ihrer Forschungs­resultate zugunsten der Allgemeinheit derart vehement einsetzen würde wie zur Wahrung ihrer eigenen Privilegien und Pfründen mit dem lancierten Volksbegehren, wäre der entscheidende erste Schritt getan.

Beat Gerber, ETH-Ingenieur und Wissenschaftsjournalist, war bis zu seiner Pensionierung letzten Frühling fast sieben Jahre persönlicher Kommunikationsberater des Präsidenten der ETH Zürich.

Erstellt: 17.12.2014, 18:28 Uhr

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