Dem Spiel gaben sich Frauen und Männer gemeinsam hin

Spielen galt in der Geschichte immer wieder als Zeitverschwendung. Nicht aber bei den Römern, wie archäologische Funde zeigen: Sie liebten Brett-, Ball- und Würfelspiele. Erwachsene ebenso wie Kinder.

Der Spruch «Alea iacta est» (sinngemäss: «Die Würfel sind gefallen») kommt nicht von ungefähr: Wandmalerei in Pompei (1. Jh.)

Der Spruch «Alea iacta est» (sinngemäss: «Die Würfel sind gefallen») kommt nicht von ungefähr: Wandmalerei in Pompei (1. Jh.) Bild: PD

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«Veni, vidi, ludi» – «Ich kam, sah und spielte.» So heisst ein Nationalfonds-Projekt der Freiburger Archäologen Ulrich Schädler und Véronique Dasen. Der lateinische Titel lässt keine Zweifel: Es geht hier um die alten Römer. Und zwar um die Alten wie die Jungen, um Männer und Frauen, um alle, die damals auf irgendeine Art und Weise spielten. Dass schon in römischer Zeit – und auch schon früher – gespielt wurde, das beweisen Texte wie archäologische Funde. Allerdings gehörte das Spielen zum Zeitvertreib, und Müssiggang war eher etwas für vermögende Leute. Die unteren Schichten mussten hart arbeiten, die Kinder hatten so bald als möglich mitzuhelfen, sei es auf dem Feld, in der Werkstatt, sogar im Bergwerk. Für das Spielen blieb ihnen vermutlich nicht viel Zeit, auch wenn es im römischen Kalender durchaus viele Feiertage gab, welche die ganze Bevölkerung bei Laune hielten.

Bei Schädlers und Dasens Vorhaben handelt es sich um ein sogenanntes Agora-Projekt. Mit diesem neuen Instrument unterstützt der Nationalfonds Forscher, die mit der Öffentlichkeit in einen Dialog über ihre wissenschaftliche Arbeit treten wollen. Es geht dabei nicht darum, neue Forschungsarbeit zu leisten, sondern bereits erarbeitetes Wissen einem breiten Publikum näherzubringen. Ziel der beiden Freiburger sind drei Ausstellungen in Museen der Westschweiz, in Nyon, La Tour-de-Peilz und Vallon, welche die Besucher ab 2014 – möglichst interaktiv – in die Welt antiker Spiele und Spielzeuge entführen sollen. «Wir wollen Spiele und Spielzeug in der Antike kritisch hinterfragen und einem breiten Publikum näherbringen», erklärt Ulrich Schädler, der auch Leiter des Schweizer Spielzeugmuseums in La Tour-de-Peilz ist. In der Wissenschaft werde das Thema «Spiel und Spielzeug» stiefmütterlich behandelt, als Kinderkram angesehen – und: Wer sich als Erwachsener damit beschäftige, gelte rasch einmal als unseriös. Schädler hat sich daran gewöhnt.

Nüsse und Bambusstöckchen

Kinderspiele kannten schon die Römer. «Aus Sand sich Häuschen bauen, Mäuse an ein Wäglein spannen, mit Nüssen grad und ungrad spielen und auf langen Bambusstöcken reiten – wer daran als bärtiger Mann noch Freude hat, dem fehlt es an Verstand.» So schrieb der römische Dichter Horaz im 1. Jahrhundert v. Chr. Dabei nennt er gleich vier verschiedene Spiele, mit denen sich Kinder damals vergnügten. Was und wie Kinder damals spielten, ob das nicht doch auch Erwachsene taten oder auch, wo gespielt wurde – privat oder in der Öffentlichkeit: Um alle diese Fragen kreist das Agora-Projekt. Auch Fragen, ob Männer mit Frauen gemeinsam spielten oder ob eine strikte Geschlechtertrennung herrschte, interessieren den Forscher. Oder ob gar um Geld gespielt wurde.

Bei den Römern, das wissen die Forscher aus den antiken Schriftquellen, war Spielen nicht völlig zweckfrei. Buben sollten zum Beispiel spielerisch lernen, mutig zu sein, zu wetteifern, ihre Emotionen zu beherrschen, sich auf den Krieg vorzubereiten. Für Erwachsene galt das Spielen, zum Beispiel das Würfeln, als legitime Art der Entspannung und des Zeitvertreibs. Vom Dichter Ovid wissen wir, dass sich Männer und Frauen – nebst anderen Spielen – gemeinsam dem Brett- und Würfelspiel hingaben.

Auch die Spielsucht war bekannt. «Es kam durchaus zu Exzessen», sagt Schädler, Männer also, die aus Spielsucht ihre Pflichten vernachlässigten. Sie galt als Charakterschwäche, an der sogar römische Kaiser litten. Es gab Spiele um Geld, insbesondere Würfelspiele, welche die Spieler in den Ruin trieben. Bekannt sind auch Wagenrennen im Hippodrom – die Formel 1 der Antike –, wobei vermutlich Geldeinsätze im Spiel waren, «aber Genaueres wissen wir dazu leider nicht».

Schädler selber ist Spezialist für Brettspiele, «ich bin aber nicht etwa spielsüchtig», betont er lachend. Zurzeit forscht er über die Verbreitung der Brettspiele in der antiken Stadt Ephesos, heute in der Türkei. Dazu muss man wissen, dass damals Brettspiele gerne in Steinböden oder Treppenstufen eingeritzt wurden, dass also im öffentlichen Raum gespielt wurde, und zwar von Erwachsenen. «Das ist vergleichbar mit heutigen Schach- oder Mühlespielen in öffentlichen Parkanlagen. So etwas war im 19. Jahrhundert undenkbar. Im Bürgertum galt das Spielen von Erwachsenen als Zeitverschwendung, und Kinder sollten beim Spielen möglichst etwas lernen.» Schon dieser Vergleich zeigt, wie unterschiedlich das Spielen in den verschiedenen Epochen der Menschheit bewertet wurde. Jede Zeit stellte – und stellt auch weiterhin – ihre eigenen Anforderungen und Regeln.

Das Projekt Agora hat auch zum Ziel, mit verschiedenen falschen Vorstellungen aufzuräumen. «Es ist unglaublich, was für Unsinn über römische Spiele zirkuliert», empört sich Schädler, und leider seien diese Irrtümer kaum mehr auszurotten. Als Beispiel nennt Schädler das Mühlespiel. Die quadratische Mühle ist ein weltweit verbreitetes Spiel, viele Kulturen kennen es, so auch die Römer, die es mit Leidenschaft spielten. Sie ritzten das Schema sogar in Steinfussböden, zum Beispiel in Ephesos. Nun gibt es auf den römischen Fussböden auch andere Muster, sehr häufig radförmige. Vor 100 Jahren kam ein Archäologe auf die Idee, es handle sich dabei um eine runde Variante des Mühlespiels und erfand auch flugs eine Spielregel. Aber laut Schädler funktioniert diese nicht: «Einer kann nur gewinnen, wenn er einen leicht vermeidbaren Fehler macht, sonst dauert das Spiel ewig.» Zudem gebe es weltweit keine «Rundmühlen». Die Radmuster müssen also eine andere, noch unbekannte Bedeutung haben.

Ballspiele für alle

Etwas voreilige Interpretationen gebe es auch für die Miniaturmöbel und das Miniaturgeschirr, das in Mädchengräbern gefunden wurde. «Gern nimmt man in Analogie zu heute an, dass die Mädchen zu Lebzeiten damit spielten.» Puppenhäuser seien aber eine bürgerliche Erfindung. Die Miniaturgegenstände wurden den Mädchen, meist waren es übrigens junge Frauen, mitgegeben, weil sie ihr Lebensziel, nämlich einem Haushalt vorzustehen, nicht erreicht hatten und dies im Jenseits nur mithilfe der nötigen Gegenstände nachholen konnten.

Gut belegt auf Vasenbildern und in Texten sind Ballspiele, und zwar für Männer, Frauen und Kinder. Verschieden Spielvarianten und Regelwerke belegen, dass sowohl allein wie gemeinsam gespielt wurde. Dass hingegen dazu die Füsse benutzt wurden, dafür gibt es keinerlei Hinweise ... der Fussball, das ist eine andere Geschichte.

Erstellt: 11.07.2013, 08:52 Uhr

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