Die süsse Versuchung mit Nebengeschmack

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) will ihren Grenzwert für den Zuckerkonsum halbieren.

Zucker macht glücklich – aber leider nur kurzfristig. Zu viel davon führt zu Zahnkaries und Übergewicht mit all seinen Gesundheitsfolgen.

Zucker macht glücklich – aber leider nur kurzfristig. Zu viel davon führt zu Zahnkaries und Übergewicht mit all seinen Gesundheitsfolgen. Bild: AFP

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Was macht dick: Fett oder Kohlenhydrate? Immer wieder mussten die beiden Nährstoffe als Sündenböcke herhalten – nun kristallisiert sich je länger, je mehr ein Schuldiger heraus: Zucker. In der Schweiz wird pro Kopf und Tag 120 Gramm Zucker verspeist, wie aus dem 6. Schweizerischen Ernährungsbericht von 2012 hervorgeht. Ein hoher Zuckerkonsum führt laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Zahnkaries und Übergewicht. Die überschüssigen Kilos wiederum stehen mit Folgekrankheiten wie Diabetes Typ 2, Herzkreislaufkrankheiten oder Krebs in Verbindung.

Jetzt zieht die WHO die Notbremse. Sie will in ihren Ernährungsrichtlinien den bereits tiefen Grenzwert für Zucker weitersenken – von 10 auf maximal 5 Prozent der Energie aus Lebensmitteln und Getränken. Der Schweizer Konsum entspricht 17 Prozent.

Honig, Sirup und Fruchtsaft

Der bisherige Grenzwert gilt zwar nach wie vor. Es sei jedoch erwiesen, dass eine weitere Reduktion mit gesundheitlichen Vorteilen einhergehe. «Wir sollten uns, wenn möglich, an die 5 Prozent halten», erklärte der zuständige Direktor der Ernährungsabteilung für Gesundheit und Entwicklung, Francesco Branca, als die WHO am Mittwoch eine einmonatige öffentliche Konsultation lancierte. Die definitive Empfehlung soll im Sommer folgen.

Gemäss dem neuen Limit dürfte eine Person mit sitzender Tätigkeit, die täglich rund 2000 Kalorien verspeist, maximal 25 Gramm freien Zucker konsumieren. Dazu gehört der Zucker, der Lebensmitteln und Getränken zugesetzt wird, aber auch derjenige in Honig, Sirup, Fruchtsaft und Fruchtsaftkonzentrat. Ausgenommen ist der natürlich enthaltene Zucker, wie er in Früchten, Gemüse oder Milch vorkommt. Mit 2 Deziliter Orangensaft wäre das Tageslimit bereits erreicht – adieu, Dessert!

Schweizer Zuckerforscher halten die neue Richtlinie für sinnvoll. Zwar sei der Zusammenhang zwischen einem hohen Zuckerkonsum und der Entstehung von Zivilisationskrankheiten wie Diabetes beim Menschen bislang nicht eindeutig bewiesen, sagt Luc Tappy von der Universität Lausanne. «Der Zusammenhang scheint jedoch plausibel.»

Dass viel Zucker dick macht, steht für Tappy, der international zu den führenden Zuckerforschern gehört, ausser Frage. Besonders deutlich sei der Zusammenhang bei Süssgetränken. Doch Zuckerliebhaber konsumieren meist auch viel Fett. «Was schliesslich krank macht – Zucker oder Fett oder der Kalorienüberschuss per se –, ist schwierig zu sagen», sagt Tappy. Er äussert aber auch Kritik an der WHO-Empfehlung: «Der Zuckerwert wird als Prozentsatz der zugeführten Energie angegeben – also darf eine übergewichtige Person, die generell mehr isst, auch mehr Zucker essen?» Dies mache keinen Sinn, denn ein schlanker Körper vertrage die gleiche Zuckermenge vermutlich besser.

«Keine Vitamine, keine Nahrungsfasern»

«Viel Zucker in der Ernährung liefert viele Kalorien, aber keine Vitamine oder Nahrungsfasern», sagt Isabelle Aeberli vom Labor der Humanernährung an der ETH Zürich. Sie spricht sich ebenfalls für eine Zuckerreduktion aus – doch nicht nur der «leeren» Kalorien wegen. Haushaltszucker, im Fachjargon Saccharose, besteht aus Glukose und Fruktose – Letzterer ist auch bekannt als Fruchtzucker. Insbesondere Fruktose könnte in grösseren Mengen im Körper direkt eine ungünstige Wirkung ausüben.

Darauf weist auch eine Studie von Isabelle Aeberli hin. Die Lebensmittelwissenschaftlerin hat neun Probanden über jeweils drei Wochen Getränke mit Glukose, Fruktose oder Saccharose verabreicht. Nach dem Fruktose- und Saccharose-Konsum beobachtete sie ungünstige metabolische Veränderungen. «Aus Tierversuchen weiss man, dass Fruktose zu einer vermehrten Fettbildung in der Leber führen kann», erklärt Aeberli. Dies stehe mit metabolischen Veränderungen wie der Insulinresistenz in Verbindung – einer Vorstufe von Diabetes.

Alle kohlenhydrathaltigen Lebensmittel bestehen, chemisch betrachtet, aus Zucker. Doch bei Stärkeprodukten wie Teigwaren, Kartoffeln oder Brot sind die Bausteine aus Glukose. Saccharose sowie der vor allem in den USA eingesetzte Maiszucker (High Fructose Corn Sirup) enthalten sowohl Glukose als auch Fruktose – also Fruchtzucker. Dieser wird von der Industrie oft als gesunde Alternative gepriesen – zu Unrecht.

Wegen der ungünstigen Wirkung höherer Mengen Fruktose haben sich zahlreiche Wissenschaftler gegen Zucker eingeschossen – allen voran der US-Endokrinologe Robert Lustig. «Zucker – die bittere Wahrheit» heisst sein Youtube-Video, das seit 2009 viereinhalbmillionen Mal abgerufen wurde und ihm internationale Bekanntheit verschaffte.

Kampf gegen Fettleibigkeit

In Grossbritannien haben sich Fachleute zur Gruppe «Action on Sugar» vereinigt. Würde die Industrie den zugesetzten Zucker innert fünf Jahren um ein Drittel reduzieren, könnte die Adipositas-Epidemie gestoppt werden, behaupten sie.

In der Schweiz scheinen einige Firmen die Zeichen der Zeit erkannt zu haben und reduzieren den Zuckergehalt in bestimmten Produktkategorien freiwillig – darunter Emmi, Nestlé sowie die Detailhändler Migros und Coop. Milchproduzent Emmi spart Zucker durch den Umstieg auf mildere Joghurtkulturen. Beim Früchtequark allerdings schoss die Firma über das Ziel hinaus: Die gut gemeinte Zuckerreduktion von 40 Prozent führte zu einem regelrechten Verkaufseinbruch.

Doch die Schritte der Industrie sind insgesamt zögerlich – niemand will Kunden vergraulen. Einige Unternehmen geben sich bereits mit einer transparenten Nährwertdeklaration oder mit Werbeeinschränkungen gegenüber Kindern zufrieden. Das Bundesamt für Lebensmittel und Veterinärwesen (BLV) will nun in Abstimmung mit EU und WHO eine umfassende Strategie für die Reduktion von Zucker in Lebensmitteln erarbeiten – ähnlich der laufenden Salzstrategie.

Subventionierter Zucker

Ob die Schweiz die strengeren WHO-Richtlinien übernehmen wird, weiss das BLV noch nicht. «Gegebenenfalls werden wir der Eidgenössischen Ernährungskommission den Auftrag erteilen, die in der Schweiz geltenden Empfehlungen für Kohlenhydrate zu überprüfen und aktuelle Empfehlungen zuhanden des BLV zu erarbeiten», teilt Mediensprecherin Sabina Helfer mit.

Die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) würde den Schritt sehr begrüssen. «Das Problem ist: Zucker und Fett sind billige Geschmacksträger und werden von den Lebensmittelproduzenten viel zu grosszügig eingesetzt», sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. Für Stalder kommen auch politische Vorstösse infrage. Doch Illusionen mache sie sich keine. «Die schweizerische Zuckerindustrie ist sehr stark vernetzt. Sie wird auch massiv subventioniert.» Dies führe zu Interessenkonflikten im Parlament und bei den Bundesämtern.

Die WHO hat sich bereits gegen den Druck der Zucker- und Lebensmittelindustrie gewappnet. Vor 10 Jahren, als die Organisation ihr erstes Zuckerlimit von 10 Prozent verkündete, versuchte die amerikanische Zuckerindustrie, das US-Budget für die WHO zu Fall zu bringen. Von Taktiken – schlimmer als diejenigen der Tabakindustrie berichteten WHO-Insider. An der Medienkonferenz vom Mittwoch gab WHO-Ernährungsexperte Branca die Retourkutsche: «Zu viel Zucker, Fett und Salz und zu wenig Bewegung sind so schädlich wie Tabak.»

Erstellt: 08.03.2014, 09:39 Uhr

Zuckerkonsum Worauf sollte man achten?

Sicher ist: Um den natürlicherweise in Lebensmitteln enthaltenen Zucker, beispielsweise in Früchten, braucht man sich nicht zu sorgen. Hingegen sollten daraus verarbeitete Produkte mit Mass konsumiert werden:

Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) empfiehlt, pro Tag nicht mehr als eine Portion der fünf empfohlenen Portionen Früchte und Gemüse durch 2 Deziliter ungezuckerten Frucht- oder Gemüsesaft zu ersetzen.

Ebenfalls masshalten sollte man bei Produkten mit zugesetztem Zucker – vor allem Süssigkeiten und gesüsste Getränke. Weniger offensichtlich, aber beachtlich ist
die Zuckermenge auch in Müesli, Getreideriegeln, Ketchup und gezuckerten Milchprodukten wie Milchgetränken oder Joghurts. Auch in Fertiggerichten, Fleischwaren, Suppen oder Saucen kann Zucker enthalten sein – allerdings nur in kleinen Mengen. (VB)

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