Die wahren Herrscher der Welt

Krähen, Kraken, Delfine, Elefanten oder Ameisen: Wer übernimmt die Weltherrschaft, wenn der Mensch ausstirbt?

Wetten, die Tiere haben sich im Blumenbeet hinter der Queen längst eingerichtet? Königin Elizabeth besucht eine Blumenmesse. Foto: Keystone

Wetten, die Tiere haben sich im Blumenbeet hinter der Queen längst eingerichtet? Königin Elizabeth besucht eine Blumenmesse. Foto: Keystone

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Die durchschnittliche Lebensdauer einer Säugetierart beträgt weniger als eine Million Jahre. Wer wird uns also an der Spitze der sprichwörtlichen Nahrungskette ersetzen, wenn wir in Kürze dem «Doomsday-Argument» aus meiner vorletzten Kolumne zum Opfer fallen?

In einer vergangenen Monat veröffentlichten Studie wurde bekannt, dass Geradschnabelkrähen Werkzeuge mit mehreren Komponenten bauen können. Menschenkinder brauchen Jahre, um diese Fähigkeit zu erlernen, aber diese Krähen kombinieren Werkzeuge, um komplexe Probleme zu lösen und Objekte zu antizipieren, die sie noch nie gesehen haben. Dies ist die gleiche Krähenart, die biegsames Material zu Haken formen kann, um an Nahrung zu kommen – eine Fähigkeit, die unsere Vorfahren erst vor etwa 30 000 Jahren entwickelt haben. Doch so schlau diese Krähen auch sind, ich denke, das Fehlen von Händen schränkt ihr Potenzial, bald unseren Planeten zu beherrschen, deutlich ein.

Auch Kraken sind äusserst geschickt. Sie können ihre Arme unabhängig voneinander über ein neuronales Netzwerk steuern, durch Farbwechsel miteinander kommunizieren, Dinge zur Tarnung sammeln, sich einen Unterschlupf bauen, Rätsel lösen und aus Irrgärten herausfinden. Wäre ihre DNA nicht eindeutig irdisch, ich hielte sie für Ausserirdische.

Es gibt eine Spezies, die im Kollektiv bereits das Stadium überschritten hat, in dem sich der Mensch vor 10 000 Jahren befand.

Delfine sind ebenfalls sehr schlau, aber sie haben sich schon vor langer Zeit vom Land zurückgezogen und leben – wie die Kraken – im Meer. Elefanten haben grössere Gehirne als Menschen, verfügen über Selbstwahrnehmung und Einfühlungsvermögen. Doch obwohl ihre Rüssel bemerkenswert vielseitig sind, ist es schwierig, mit nur einem beweglichen Glied ein Feuer zu machen.

Ein guter Kandidat für die neue Weltherrschaft wäre wohl eher eine Spezies, die uns nahe ist. Anfang dieses Jahres stellte man fest, dass eine isolierte Gruppe in Panama lebender Affen in die Steinzeit eingetreten ist, während eine Schimpansenart im Senegal dabei beobachtet wurde, wie sie scharfe Holzspeere für die Jagd herstellte. Unsere Gattung Homo trat vor etwa drei Millionen Jahren in die Steinzeit ein, und wir lebten bis vor 10 000 Jahren als Jäger und Sammler. Die Panama-Affen und auch die senegalesischen Schimpansen stehen also noch ziemlich am Anfang.

Es gibt jedoch eine Spezies, bei der die individuelle Intelligenz nicht überwältigend ist, die aber im Kollektiv bereits das Stadium überschritten hat, in dem sich der Mensch vor 10 000 Jahren befand. Bereits vor Millionen von Jahren entwickelten Ameisen Fähigkeiten, die denen neolithischer Menschen ähneln – Siedlungsbau, Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung, altruistisches Verhalten und Landwirtschaft.

Video: Unterirdische Megacity

Das Werk eines Superorganismus: Die acht Meter tiefe Ameisenstadt. Video: YouTube / Top Fives

Ameisen bauen komplexe unterirdische Städte mit Autobahnen, Lüftungskanälen, Baumschulen, landwirtschaftlichen Gebieten und Abfallkanälen. Sie domestizieren Blattläuse, hüten sie wie Schafe und schützen sie vor Raubtieren, während sie für ihre süssen Sekrete «gemolken» werden.

Ameisen sind uns zahlenmässig bereits um einen Faktor von einer Million überlegen und werden wahrscheinlich jede Klimakatastrophe überleben, die wir der Welt antun können. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ausserirdische, die unseren Planeten besuchen, zuerst eine Audienz bei den Ameisenköniginnen verlangen werden.

Ben Moore ist Professor für Astrophysik an der Universität Zürich.

(Das Magazin)

Erstellt: 18.12.2018, 11:44 Uhr

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