Interview

«Diese Messung ist weltweit einmalig»

Die Schweizer Fliessgewässer enthalten einen ganzen Cocktail an Pestiziden, so eine Studie. Wie schlimm ist das? Mitautor Christian Leu nimmt Stellung.

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Sind Schweizer Gewässer doch nicht so sauber wie bisher angenommen?
Doch, die Fliessgewässer in der Schweiz sind generell sauber. Bei den jetzt festgestellten Mikroverunreinigungen geht es vor allem darum, die möglichen negativen Auswirkungen auf Pflanzen und Tiere in Fliessgewässern zu reduzieren. Aber die grossen Gewässerschutzprobleme wurden sehr stark reduziert in den letzen Jahrzehnten.

Wie gefährlich sind die nachgewiesenen Konzentrationen?
Wichtig zu sagen ist, dass für die Menschen überhaupt keine Gefahr besteht, sei es über das Trinkwasser oder beim Baden. Eine Beeinträchtigung nicht ausschliessen kann man aber bei der Biologie der Fliessgewässer, speziell der kleinen Gewässer. Gerade dort können Konzentrationen auftreten, bei denen man zurzeit nicht ausschliessen kann, dass es zu einer Beeinträchtigung, insbesondere der Tiere und Pflanzen in Fliessgewässern, kommen kann.

Hat man schon Hinweise auf mögliche negative Auswirkungen auf die Flora und Fauna gefunden?
Es gibt Untersuchungen von kleineren Fliessgewässern aus den Kantonen Bern und Zürich, bei denen man nicht die biologische Vielfalt gefunden hat, die man erwartet hat. Die untersuchten Bäche sind in landwirtschaftlich intensiv genutztem Gebiet. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Pestizide die Biologie in diesen Gewässern beeinträchtigen. Direkte Rückschlüsse kann man daraus aber noch nicht ziehen.

Wieso wurden diese zum Teil sehr hohen Konzentrationen erst jetzt entdeckt? Werden die Flüsse in der Schweiz nicht genügend überwacht?
In der nun veröffentlichten Studie wurden rund 300 zugelassene Wirkstoffe untersucht. Diese Bandbreite ist nach meiner Kenntnis weltweit einmalig und ist so normalerweise nicht anwendbar. Meistens werden je nach Standort 60 bis 70 Substanzen untersucht und je nach Labor und landwirtschaftlicher Nutzung im betreffenden Gebiet wird der Fokus auf andere Wirkstoffe gelegt.

Bräuchte es da nicht eine Vereinheitlichung?
Dieser Prozess ist im Gang. Das Bafu hat die Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) damit beauftragt, einen Vorschlag für eine schweizweite Harmonisierung der Gewässerschutzpraktiken zu erarbeiten. Die nun veröffentlichte Studie liefert beispielsweise wertvolle Hinweise dazu, welche Stoffe man am besten in den Gewässern messen sollte.

Viele der untersuchten Pestizide wurden in Einzelkonzentrationen, die unter dem aktuellen Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter liegen, gefunden. In beinahe vier von fünf Proben wurden nun Mischkonzentration von über einem Mikrogramm pro Liter gefunden. Was weiss man über die Gefährlichkeit dieser Mischungen?
Es gibt Studien, die aufzeigen, dass Mischungseffekte auftreten können. Die nun vorliegenden Resultate zeigen, dass man die Gefährdung, die von Mischungen ausgeht, besser untersuchen muss. Für die Beurteilung der Situation in den Gewässern steht die Beurteilung der Einzelstoffe im Vordergrund. Dabei geht es vorab um die Erarbeitung von ökotoxikologischen Grenzwerten.

Was bedeutet das?
Zurzeit gilt in der Gewässerschutzverordnung ein allgemeiner Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter für Pestizide. Bei ökotoxikologischen Grenzwerten wird für die einzelnen Wirkstoffe untersucht, ab welchem Konzentrationsbereich es zu schädlichen Auswirkungen auf die Biologie kommt. Der zurzeit gültige Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter wurde vor langer Zeit als analytische Schwelle festgelegt. Er sagt aber überhaupt nichts über die Gefahr für die Biologie, also für Tiere und Pflanzen, in Fliessgewässern aus. Ökotoxikologische Grenzwerte würden auch helfen, Mischkonzentrationen besser einschätzen zu können.

Wird in der Landwirtschaft heute zu sorglos mit dem Einsatz von Pestiziden umgegangen?
In der Landwirtschaft finden Bemühungen statt, den Eintrag von Pestiziden in Fliessgewässern zu vermindern. Aktuell wird über das Postulat Moser diskutiert. Dabei geht es um die Erarbeitung eines Aktionsplans zur Risikoreduktion und nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln. Wichtig ist, dass nicht alle Pestizide in den Fliessgewässern aus der Landwirtschaft stammen, ein Teil davon kommt aus dem städtischen Gebiet. Generell ist zu sagen, dass die Zulassung von Pestiziden sehr restriktiv ist. Sie basiert zurzeit aber auf der Evaluation der Ökotoxizität, die nicht immer mit dem momentan gültigen Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter übereinstimmt. Mit der Verschiebung zu ökotoxikologischen Grenzwerten im Gewässerschutz werden sich diese beiden Systeme in Zukunft angleichen.

Welche Massnahmen bräuchte es, um die Konzentration an Pestiziden in den Schweizer Fliessgewässern zu vermindern?
Momentan geht es vor allem um drei Bereiche: Die Zulassungsverfahren von Pestiziden sind gut, können aber noch verbessert werden. Bei der Anwendung kann man beispielsweise über Beratung und Ausbildung noch eine Verbesserung im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln erreichen. Schliesslich sollte die Entwicklung von Anbauverfahren mit reduziertem Einsatz an Pflanzenschutzmitteln in Zukunft vorangetrieben werden.

Erstellt: 05.03.2014, 15:36 Uhr

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