Ein Königreich für Sterngucker

Britische Ex-Popstars haben die Astronomie zu einem coolen Hobby gemacht. Und dass Hobbyforschern erstaunliche Entdeckungen gelungen sind, heizt die Begeisterung an.

Licht aus für Hobby-Astronomen: Preiswerte Fernrohre ermöglichen es auch Amateuren, den Himmel in seiner ganzen Pracht zu bewundern.

Licht aus für Hobby-Astronomen: Preiswerte Fernrohre ermöglichen es auch Amateuren, den Himmel in seiner ganzen Pracht zu bewundern. Bild: Sam Furlong/Keystone

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Hier öffnet sich eine Dachluke, um den Mondschein hereinzulassen. Dort suchen Neugierige nächtelang Datenbanken von Sternenbildern ab. Der Verkauf von Fernrohren schlägt alle Rekorde. Sternguckergruppen formieren sich. Amateure im Teenager-Alter machen erstaunliche Entdeckungen. Ganze Dörfer schalten das Licht aus, um einen klaren Blick aufs Firmament zu bekommen.

Mit einem Mal scheinen die Briten «die Welt da draussen» wiederentdeckt zu haben. Der Kosmos – lange Zeit eine Domäne belächelter Sonderlinge – ist auf der Insel plötzlich cool. Ein Trend in diese Richtung deutete sich seit ein paar Jahren an. Neue Teleskope für den Hausgebrauch, billiger als die alten und sehr viel effizienter, haben eine neue Klientel angezogen. Statt für umgerechnet 1000 Franken bekommt man ein gutes Fernrohr heute schon für 400. Und das ist computergesteuert, stellt sich automatisch auf Suchobjekte ein.

12-jährige Astronomie Fans

Der technologische Entwicklungssprung hat die Voraussetzungen für das neue, massenhafte Interesse an Astronomie geschaffen. Die Computerverbindung, die Möglichkeit des Durchforstens spezieller Websites, zieht auch die Jüngeren an. Mit einem Mal ist Sternguckerei nicht mehr das Vorrecht wohlhabender Rentner, denen das ewige Gärtnern langweilig geworden ist.

Zehntausende Jugendliche drängen in astronomische Clubs, tun sich zusammen, suchen die Himmel ab. Fachzeitschriften wie das BBC-Magazin «Sky At Night» vermelden Auflagensprünge. «Heute gibt es viel mehr Familien und Jugendliche, die sich für uns und unsere Themen interessieren», meint der Chefredaktor des Blatts, Chris Bramley. «Wir bekommen Briefe von 12-Jährigen, die von Astronomie begeistert sind.»

Physik und Mathe plötzlich in

Der Fernsehveteran der Amateurastronomie in England, Sir Patrick Moore, kann sich nur freuen über diesen Enthusiasmus für «ein wahrhaft wunderbares Hobby». Moore hat gerade die 700. Sendung seines BBC-Programms «Sky At Night» ausgestrahlt. Die erste lief vor 55 Jahren, 1957. In dieser langen Zeit hat Moore keinen Begeisterungssturm wie den gegenwärtigen erlebt.

Der alte Herr weiss freilich auch, dass einer seiner «Jünger» nicht ganz unschuldig war am aktuellen Aufbruch in die Ferne. Professor Brian Cox ist einer der Wegbereiter, welche die astronomische Forschung auf der Insel «sexy» gemacht haben. Cox ist ein 43-jähriger Ex-Pop-Musiker und Selfmade-Forscher, der wie ein 20-Jähriger aussieht und die Nation mit seiner spezifischen Mischung aus wissenschaftlichem Ernst und faszinierender Präsentationsgabe für die schwierigsten Fragen zu erwärmen weiss. Seine Fernsehprogramme zu diversen naturwissenschaftlichen Themen sprachen ganz neue Schichten und Generationen an. Schüler, die früher um weiss bekittelte Physiker und Chemiker einen weiten Bogen machten, sind plötzlich Feuer und Flamme für ferne Galaxien.

Seit Cox auf dem Bildschirm Wissenschaft als flottes Wissen verkauft, ist das Interesse für Schulfächer wie Physik und Chemie binnen kurzem um fast 20 Prozent gestiegen. Mathematik verzeichnet sogar einen Anstieg um 40 Prozent. Einzelne Universitäten melden einen Anstieg der Bewerber für Ingenieurwissenschaften um mehr als ein Drittel gegenüber dem Vorjahr.

Scharen neuer Weltalldetektive

Natürlich spielen bei diesen Trends auch andere Dinge eine Rolle. Zum Beispiel die Sorge um solide Jobs in zunehmend unsicheren Zeiten oder die jüngste Regierungskampagne zum Füllen unbesetzter Stellen im naturwissenschaftlichen Bereich. Schüler, die man befragt, machen jedoch immer wieder Cox persönlich verantwortlich für ihr Interesse. Einige geben auch den Naturforscher Sir David Attenborough als Inspiration an, dessen faszinierende Serie «Frozen Planet» gerade von der BBC gezeigt wurde. Andere fühlen sich von Brian May angesprochen – dem früheren Queen-Gitarristen, der vor vier Jahren Doktor der Astronomie wurde.

Dass ehemalige Popstars wie May und Cox sich nun ernsthaft mit den Sternen beschäftigen, imponiert jüngeren Briten offenbar. Das Medium Fernsehen, keine Frage, tut den Rest. Als Cox vor kurzem in der BBC mit «Stargazing Live» ein mehrtägiges «Weltallfest» veranstaltete, schalteten sich 3,8 Millionen Zuschauer zu. 100'000 von ihnen setzten sich mit der BBC in Verbindung, um ihre eigenen Beobachtungen durchzugeben. Viele Briten haben sich nach diesen Sendungen dem Lager der «Amateurdetektive» zugesellt, die übers Internet verfügbare Aufnahmen des Kepler-Teleskops nach neuen Planeten absuchen.

Erstaunliche Entdeckungen

Ein «Stargazing»-Zuschauer, Chris Holmes aus der nordenglischen Stadt Peterborough, stiess prompt auf einen Lichtflecken im Universum, der vorher noch nicht als Planet identifiziert worden war, jetzt aber, als «Planetenkandidat», die vielversprechende Bezeichnung SPH10066540 trägt. Holmes ist nicht der Einzige, der «selbst etwas entdeckt» hat und von dessen kleiner Pioniertat sich andere inspirieren lassen. Im letzten August machte eine 18-jährige Schülerin aus Cardiff namens Hannah Blyth von sich reden, als sie während eines Sommerferienpraktikums an der walisischen Universität von Glamorgan einen waschechten Asteroiden entdeckte. Experten in Harvard bestätigten den Fund. Der 300 Millionen Meilen von der Erde entfernt durchs All sausende Felsbrocken wurde prompt nach ihr benannt.

Die Veröffentlichung solcher Geschichten spornt weitere Amateure zu entsprechenden Anstrengungen an. Derweil hat kürzlich schon ein ganzes Dorf beschlossen, gemeinsam in die Sterne zu gucken. Nachdem das dünn besiedelte Gebiet von Exmoor im Südwesten Englands im vorigen November den Status eines «internationalen Reservats für dunkle Himmel» verliehen bekam, einigte man sich in der Exmoor-Ortschaft Dulverton darauf, für eine Nacht sämtliche Lichter abzuschalten, um mal einen richtig guten Sternenhimmel zu erleben. Leider hatten sich die Himmelspioniere von Dulverton einen Abend für ihr Experiment ausgewählt, an dem es wie aus Kübeln goss. Nun wollen sie den Versuch im Sommer wiederholen. Mit dem Wetternachteil muss die Astronomie in England nun mal leben.

Erstellt: 22.02.2012, 17:34 Uhr

Einstieg in die Astronomie

Ein Astronomie-Boom wie in Grossbritannien ist in der Schweiz nicht zu erkennen. Zwar hat die Zeitschrift «Orion» der Schweizerischen Astronomischen Gesellschaft ihre Auflage laut Redaktor Thomas Baer in den letzten Jahren gesteigert. Von einer «Bewegung» möchte der Leiter der Schul- und Volkssternwarte Bülach aber nicht sprechen. Trotzdem scheint das Interesse für Astronomie auch in der Schweiz gross zu sein. Die Onlineplattform Astroinfo, die immerhin seit Anfang der 90er-Jahre besteht, gilt heute als die beste Website für Amateurastronomen
im deutschsprachigen Raum.

Thomas Baer würde sich über jeden neuen Hobbyastronomen freuen. Er warnt aber davor, allzu schnell Geld für teures Equipment auszugeben: «Ein vormaliger Besuch in einer Sternwarte und ein Gespräch mit Amateurastronomen wären empfehlenswert.» Denn ein kostspieliges Teleskop garantiere keinen faszinierenden Sternenhimmel. In der Schweiz sei die Lichtverschmutzung im Mittelland vielerorts zu stark. Die Sternwarte Bülach prüfte darum erst, wie stark das neue Teleskop, das dieses Jahr installiert wird, sein sollte. Das Flug­hafenlicht im Süden stört die Beobachtungen erheblich. Ein Superteleskop lohnte sich nicht. (ml)

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