Ein Riss in der Gesellschaft

Ein Graben tut sich auf zwischen Forschung und Bevölkerung: Nicht nur beim Impfen, auch bei Klimawandel und Gentechnologie scheiden sich die Geister

Impfen: Ein kontroverses Thema.

Impfen: Ein kontroverses Thema. Bild: Keystone

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Bei Themen wie Gentechnologie, Tierversuchen und Klimawandel klafft ein gigantischer Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Das zeigt eine kürzlich publizierte Studie des Pew Re­search Center, einem Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Washington. Die Demografen hatten neben 2002 erwachsenen US-Bürgern auch 3748 Mitglieder der weltgrössten Vereinigung von Wissenschaftlern befragt, der American Association for the Advancement of Science (AAAS). Und diese AAAS-Vertreter beurteilten wissenschaftlich und gesellschaftlich relevante Fragen teils völlig anders als die restliche Bevölkerung.

So sind 88 Prozent der AAAS-Forscher der Ansicht, der Verzehr gentechnisch veränderter Nahrungsmittel sei sicher. Doch nur 37 Prozent der Bevölkerung teilt diese Einschätzung – eine Meinungskluft von 51 Prozent. 89 Prozent der AAAS-Wissenschaftler spricht sich für Tierversuche aus, aber nur 47 Prozent der erwachsenen US-Bürger – ein Graben von 42 Prozent. Weit offen ist die Meinungsschere auch bei der Frage, ob der Klimawandel vorwiegend vom Mensch verursacht ist (37 Prozent) und ob neue Atommeiler gebaut werden sollten (20 Prozent).

Themen werden nicht in die Gesellschaft getragen

Zwar sind diese Umfragewerte nicht eins zu eins auf die Schweiz zu übertragen. «Das hat auch damit zu tun, dass in den USA mehr gesellschaftliche Akteure existieren, die aktiv versuchen, wissenschaftliche Positionen zu untergraben», sagt Mike Schäfer vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. Auch würden die AAAS-Wissenschaftler politisch den Demokraten näher stehen als der Durchschnitt der Bevölkerung, was mit einer gesinnungstypischen Beurteilung wissenschaftlicher Themen einhergehe. «Aber grundsätzlich gibt es diese Meinungskluft hier wie dort», sagt Schäfer.

Dabei ist es nicht etwa so, dass Amerikaner und Europäer die Wissenschaft verachten. Ganz im Gegenteil: Der «Eurobarometer» über die öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaft, Forschung und Innovation vom Oktober 2014 kommt zum Schluss: Die überwältigende Mehrheit der Europäer glaubt, dass Wissenschaft und technologische Innovationen in den kommenden 15 Jahren einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben werden. Auch gemäss der Umfrage des Pew Research Center bekunden 79 Prozent der US-Amerikaner, die Wissenschaft hätte das Leben für die meisten Menschen einfacher gemacht und das Gesundheitswesen verbessert.

Krise im Journalismus

Warum dann diese Meinungsdiskrepanz? Schäfer sieht diverse Gründe. Einer ist die rapide voranschreitende und hoch spezialisierte Forschung. Selbst für Wissenschaftler sei es mitunter schwierig zu verstehen, woran der Büronachbar arbeite. Für Laien ist die Verständnishürde umso höher. Ein zweiter Grund liegt laut Schäfer in der geringen Motivation vieler Wissenschaftler, relevante Themen in die Gesellschaft zu tragen. Aufseiten der Medien fehle es angesichts der Krise zunehmend an Journalisten, die wichtige Themen in der Wissenschaft erkennen und kompetent vermitteln. Schliesslich fehle es seitens der Öffentlichkeit an Interesse: Viele Menschen meiden wissenschaftliche Themen, deren Relevanz für ihren Alltag sie nicht erkennen. «Aber wissenschaftliches Wissen ist in immer mehr Lebens­be­rei­chen notwendig und meist die beste Entscheidungsgrundlage, egal ob es um Ernährungsfragen, Geldanlagen, Atommüll-Endlager oder Impfentscheidungen geht», sagt Schäfer.

Besonders klein sei die Meinungskluft dann, wenn sich Wissenschaft und Technologie direkt erfahren lässt, sagt Heinz Gutscher, emeritierter Sozialpsychologe der Universität Zürich. Entsprechend gross ist der Graben zum Beispiel beim Klimawandel, bei dem die Erfahrung von Schäden weit weg und in der Zukunft liegt. Auch Impfgegnern fehle meist eine direkte Anschauung. Gemäss einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Pharma­unternehmens Pfizer waren rund 57 Prozent der befragten Schweizer der Ansicht, Kinderkrankheiten solle man durchmachen. «Wer aber einmal ein masernkrankes Kind auf der Intensivstation gesehen hat, wird seine Impfskepsis schnell ablegen», sagt Gutscher.

Ein Grund für die Kluft sei auch der schwierige Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Risiken. Bei der Kernkraft werde meist ein Nullrisiko verlangt. Doch das könne keine Technologie bieten, weder regenerative Energien noch künftige Kernkraftwerke mit erheblich geringerem Schadensrisiko. «Nur Fakten zu kommunizieren genügt einfach nicht», sagt Gutscher. Die Menschen tendierten eben dazu, Risiken emotional statt rational zu beurteilen.

Es braucht eine «neue Wissenschaft»

Mit dem Status quo sind die AAAS-Wissenschaftler jedenfalls nicht zufrieden, auch was die ­Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse anbelangt. Gerade mal 27 Prozent der Forscher denken, Regulierungen zur Luft- und Wasserqualität würden meist nach dem neuesten Erkenntnisstand gefällt. Nur 15 Prozent von ihnen sind der Ansicht, die politischen Entscheidungen in Sachen Landnutzung würden sich am Stand des Wissens orientieren. 84 Prozent der AAAS-Forscher erkennt in der begrenzten wissenschaftlichen Bildung der Öffentlichkeit ein erhebliches Problem. Und rund drei Viertel sehen die Hauptursache für die Meinungskluft in der mangelhaften Schulbildung in den Bereichen Wissenschaft, Ingenieurwesen, Technologie und Mathematik.

«Bildung ist zweifellos wichtig. Sie ist aber kein Allheilmittel», sagt Schäfer. «In den 1990er-Jahren hat man versucht, breite Bevölkerungsschichten durch intensive Medienberichterstattung über Wissenschaftsthemen stärker für die Wissenschaft zu interessieren.» Die Wirkung war begrenzt. Das Wissen der Bevölkerung und die Akzeptanz der Wissenschaft stiegen nur leicht. Wichtiger für die öffentliche Meinungsbildung ist laut Schäfer das Vertrauen, das die ­Bevölkerung der Industrie und der Wissenschaft entgegenbringt: «Es ist fatal, wenn das Vertrauen in die Wissenschaft erodiert.»

Um das zu verhindern, plädiert Gutscher für eine «neue Wissenschaft». Diese soll der Gesellschaft nicht einfach fertige Resultate auf den Tisch knallen. Vielmehr soll sie die Türen des Elfenbeinturms öffnen und Ansprechgruppen in der Gesellschaft – etwa Umweltverbände, Geldgeber und Politiker – von Beginn an stärker in den Forschungsprozess einbeziehen. Denn diese Gruppen sind nachher dafür verantwortlich, die Resultate umzusetzen. Die neu gebildete Plattform «Future Earth», bei der zigtausend Wissenschaftler Themen wie Klima, Armut, Wasser- und Nahrungssicherheit behandeln, soll nach diesem Konzept funktionieren. «Das ist ein Versuch», sagt Gutscher, «um diese Meinungs- und Umsetzungskluft zu schliessen.»

Erstellt: 09.02.2015, 16:32 Uhr

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